Henri Texier Strada Sextett Rüsselsheimer Jazzfabrik 8. Oktober 2009

„Ich verweigere mich nicht den Melodien, nur weil ich auch wildere Dinge spielen möchte“, hatte Henri Texier nach der Gründung seines „Strada Sextetts“ versichert. Beim Konzert der „Jazzfabrik“ in Rüsselsheim belegten eine Suite mit „Sacrifice“, „Solo du clown“, „S.O.S. mir“, „Flaque Lune“ und „Sacrifice d´eau“ auf der einen Site sowie eine sanfte, melodiöse Zugabe Sommeil Chillou“ diese Offenheit des Bassisten, der als die „knorrige Eiche des französischen Jazz“ zu Weltruhm kam. In der Tat ist sein Bass-Spiel erdig und voluminös und vor allem percussiv, aber auch harmonisch verzwickt mit vielen überraschenden Wendungen und Verzierungen. Henri Texier nimmt die Doppelrolle des Bassisten, Harmoniegerüste zu schaffen und zugleich Rhythmusgeber zu sein, vollendet wahr. „Meine Ausgabe ist es, die Band zusammenzuhalten“, sagt er, weist aber dem Schlagzeuger die treibende Rhythmisierung zu.

Die komplexen und verschachtelten Kompositionen offenbaren auch die stilistische Bandbreite der Strada-Formation, die in Rüsselsheim wegen eine Unfalls des Posaunisten Gueorgui Kornazov nur als Quintett auftrat. In seinen Kompositionen bezieht Texier afrikanische und asiatische Musikulturen ein, explodiert in Free-Jazz-Eruptionen oder schwelgt in der Folklore seiner keltischen Heimat. Vor allem seit der Zusammenarbeit mit dem Klarinettisten Louis Sclavis und dem Schlagzeuger Aldo Romano im Trio „Carnet de routes“ steht für diese Verbindung aus französischen Wurzel und zeitgenössischem Jazz der Begriff „folklore imaginaire“ und Henri Texier ist einer der herausragenden Persönlichkeiten dieses Stils.

In den freien Kompositionen und Passagen fasziniert der Gitarrist Manu Codjia mit Technik und Ausdruckskraft, die sich in fließenden Singlenote-Linien ebenso artikuliert wie in flirrenden Bottleneck-Glissandi. Mal experimentiert der Gitarrist in flächigen Sounds, dann wiederum übernimmt er in Akkordreihen das Thema von den beiden Bläsern, die mit Zweistimmigkeit und Uni-Sono-Passagen oftmals den hymnischen Gruppenklang bestimmen. Texiers Sohn Sebastien bläst auf dem Altsaxophon nervöse Stakkati, lässt im Duo mit dem Baritonsaxophonisten Francois Corneloup der Klarinette geschwätzig plappernd ihren Lauf, bevor beide nach einem Ruf-Antwort-Spiel gemeinsam ihre Instrumente aufschreien lassen. Reizvoll kontrastierend folgt auf ein schnelles, aggressives Altsaxophon-Solo von Texier Junior ein sonor-balladesker Ausflug des Baritonsaxophons von Corneloup, bevor dieser dann mit steigender Intesität in die High-Notes steiget. Währenddessen zupft Texier auf dem Bass Ostinati oder flink marschierende Lines. Mal greift er in die Seiten unterhalb des Stegs, klopft die Strings mit einem Stöcken oder zupft höchste Töne neben den Stimmschrauben.

Dazu liefert der ausgewiesene Hochgeschwindigkeits-Schlagzeuger Christophe Marquet unermüdlich das rhythmische Fundament liefert. Er pendelt stetig zwischen afrikanischer Trommelkunst, durchlaufenden Jazz-Beats, polyrhythmischen Ausflügen und freiem „pulse“. Sein perkussives Feuer bilde zusammen mit dem wuchtigen und dennoch hochflexiblen Kontrabass-Spiel den organischen Herzschlag der Gruppe, formulierte kürzlich ein Kritiker. Die Zuhörer der Jazzfabrik begeistern sich für diese mitreißende Kreativität ,die diese Begegnung von Texiers Altersreife und jugendlichem Powerplay der Mitspieler auszeichnet. 

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