Frisches aus der alten Hammond


Alle Photos auf dieser Seite: Hans Kumpf 

 Zuletzt ließ Thijs van Leer von der holländischen Popformation „Focus“ die Haller Hospitalkirche mit dort ungewohnten Orgelklängen erbeben, jetzt hatte im säkularisierten Gotteshaus der Österreicher Raphael Wressnig wieder eine Hammond B3 unter Strom. Mit seinem Quartett bot der Tastenkünstler ein abwechslungsreiches Konzert.

Schwäbisch Hall. „Monstrum“ wird die amerikanische Hammond-Orgel mit der Typenbezeichnung „B3“ gerne genannt, und wenn man das schwere Gerät auf und von der Bühne hieven will, werden vier Träger benötigt. Der 1979 in Graz geborene Raphael Wressnig tourt mit seinem altehrwürdigen Instrument in unterschiedlichen Besetzungen durch ganz Europa, und jetzt legte er auf Einladung von Jazzclub und Kulturbüro Station in der Haller Hospitalkirche eine Station ein. Im stimmigen Quartett des charmanten Österreichers spielten drei „Piefkes“ mit: Der Tenorsaxophonist Heiner Schmitz (Erfstadt), der Gitarrist Dietmar Hagen Horn (Köln) und – mit dem Letztgenannten nicht verwandt – der Schlagzeuger Marcus Horn (Erfurt).

Freilich: Raphael Wressnig dominierte das musikalische Geschehen. Ein halbe Woche zuvor war in Gaildorf der britische Pop-Veteran Brian Auger (72) „mit voller Pulle“ aufgetreten, jetzt erlebten die Hammond-Fans aus dem Kreis Hall das Instrument auf eine andere Art und Weise. Wressnig hatte eine (zum Standard-Repertoire gehörende) wummernde Leslie-Holzbox dabei mit dem innerlich rotierenden Lautsprecher und antiker Röhrenverstärkung. Das „Pedalboard“ gebrauchte er kaum, meist markierte er die Basslinien mit der linken Hand und gab sich somit nicht so akrobatisch „fußflink“ wie die deutsche Hammondorganistin Barbara Dennerlein.

Seine Show-Mätzchen hat Raphael Wressnig drauf, wenn er mit rasanten Arpeggien rauschende Tonfontänen hinzaubert. Dann eingestreute Zitate wie das hymnische „Amacing Grace“, Rimski-Korsakows wilder „Hummelflug“ oder die vereinsamte „Eleanor Rigby“ der Beatles. Technisch hochversiert und musikalisch clever ist Wressnig allemal – da hätte auch der im Alter bequem gewordene „Orgel-Schmidt“ Jimmy Smith (1928-2005) erblassen müssen. 

Äußerst abwechslungsreich gestaltete Wressnig in der Hospitalkirche den Programmablauf hinsichtlich der Tempi, Dynamik und der Grundstimmungen der Stücke. Zeitlos und „funky“ auf solider Jazzbasis wurde spannungsreich musiziert. Fremdmaterial (wie „The Jody Grind“ des Soul-Jazz-Pianisten Horace Silver und dem Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“) als auch eigene Kompositionen (wie „Banana Boogaloo” und „Exit Soul-Ville”) reihten sich harmonisch aneinander und erhielten durch die Soloimprovisationen individuelle Aussagen.

Sein Tenor blies Heiner Schmitz zupackend und aufreizend, plastische Linien erzeugte Dietmar Hagen Horn auf seine Elektro-Gitarre alleinig durch die vibrierende Griffhand und ohne eine Pedal-Batterie zur Steuerung von Verzerr-Effekten. Als akustisch problematisch erweist sich die Hospitalkirche oft für Schlagzeuger. Aber Marcus Horn traktierte seine Trommeln und Becken subtil mit Noblesse, ohne den Rock-Faktor außer Acht zu lassen. 

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