Festival „Jazz in Progress“, Rüsselsheim, 26. – 28. April 2007

Zuhörer im Rüsselsheimer Jazzcafé „das Rind“ herein. Mit rasenden und rockenden Schlagzeugexplosionen treibt Benoît Martiny den Altsaxophonisten Jasper van Damme sowie Daniele Martini am Tenorsaxophon in expressiven Stakkati vor sich her, während Frank Gones die Gitarre in Glissandiläufen jaulen lässt und Kém Sandor mit dem Bass das ostinate Fundament liefert. Die Powerband des Luxemburger Drummers webt einen ungeheuer dichten und komplexen Soundteppich, lässt bei „Running in Circels“ das Motiv in Coltraneschen Saxophonriffs kreisen. Ein getragener Bläsersatz ufert zum Marschrhythmus des Drummers aus, mit Tempo- und Dymnamiksteigerungen wird die Spannung fast unerträglich, Tenorsaxophon-Kaskaden setzen noch eins drauf, während der E-Bass elektronisch verfremdet aufheult – bis endlich die Erlösung in einem abrupten Ende kommt. Diese perfekte Mischung aus Jazz und Blues, aus kreisendem Rock, wilden Rhythmen, grellem Beat und Elektronik kennt aber auch besinnlichere Töne, wenn zu schwebenden Klängen der Saxophone, auf dem Kontrabass eine ziselierte Melodielinie ertönt, die Gitarre Akkordeinsprengsel beisteuert und der Schlagzeuger einen stupenden Beat hämmert. Beherrschend ist jedoch das Powerspiel, das sich immer wieder Bahn bricht. Martinys Band ist die Entdeckung von „Jazz in Progress“. 

„Tiny Tribe“ entführt beim zweiten Abend des Drei-Tage-Festivals mit den sphärischen Sounds des Geigers Jeffrey Bruinsma, des Bassisten Jens Loh, des Gitarristen Florian Zenker sowie dem percussiven Groove des iranischen Percussionisten Afra Mussawisade das Publikum in exotische Klangräume. Neben den Kompositionen ihrer aktuellen CD „Milou“ mit den teilweise elektronisch von Hall und Loops verfremdeten, ekstatischen Violin-Improvisationen sowie dem arabischen Touch der elfsaitigen Cittern besticht vor allem das neue „Black Sand“: Ein verspieltes Gitarren-Intro, das sich nach einer rockenden Percussion mit gleißenden Gitarrenglissandi sowie einem expressiv verzerrten Violin-Part zu einem dichten und intensitätsreichen Klanggemälde entwickelt.

Comic-gleiche Collagen, rhythmisierte Aklamatorik sowie extreme Dynamiksprünge vom zart melodischen Spiel hingetupfter Single Notes in „Old Dutch Cheese Pipe“ bis bis zu den psychedelischen Klängen explodierender Glissando-Läufe auf der Gitarre, groovender Grounds auf dem Bass und pulsierender Metren auf dem Schlagzeug in „Low Fat Love“ oder „No Pipy, no smokey“ reicht das Klangspektrum der Gruppe „Johnny La Marama“ mit dem finnischen Gitarristen Kalle Kalima, dem amerikanischen Bassisten Chris Dahlgren und dem deutschen Schlagzeuger Eric Schäfer. Diese bis ins Neutönerische reichende Mixtur aus Ska, Jazz, Sphärenmusik und afrikanischen Rhythmen hat in der Tat etwas von der Begegnung eines Jimy Hendrix mit Duke Ellington im Dadaismus.

Hart überfällt der wuchtige bigband-gleiche Bläsersatz das Publikum. Stählerne Trompete, quirliges Altsaxophon, sonores Tenorhorn und eine erdige Posaune blasen kraftvoll die mehrstimmige und harmonisch leicht „schräge“ Soundattacke. Das Schlagzeug pulsiert, der E-Bass wummert in ostinaten Figuren und das Fender-Rhodes orgelt dazu. „Oma Heinz“, die „saarländische Nationalmannschaft des Jazz“ – wie es der Programmgestalter der Jazzfabrik, Stephan Dudek, formuliert, hält, was ihr Ruf verspricht. „Oszillierend zwischen den Ausdrucksformen des modernen Jazz und Rock sowie den verschrobenen Soundscapes des New Yorker Musikerkollektivs M-Base“ pflegt das Septett um den Posaunisten Philipp Schug und den Pianisten Oliver Maas den zeitgemäßen Umgang mit Arrangement und Improvisation.

Skurril wie ihre Musik sind auch die Titel der Kompositionen, die fast ausschließlich aus der Feder Schugs stammen. „Primitiv gestrickt“ ist reines Understatement, denn das Stücke ist vielfach verzweigt, verschachtelt und komplex mit seinen folkloristischen Klangfarben und dem tänzerischen Beat. Tenorsaxophonist Sven Decker greift zur Bassklarinette und lässt die Melodielinie vom Kontrabassisten Benjamin Garcoa Alonso harmonisch verzieren, um später solistisch zwischen emotionaler Überblastechnik und fast vibrationslosen aufsteigenden Läufen zu pendeln. Maas steuert auf dem E-Piano Akkordreihen bei, während Schug im Kontrast dazu ein klar strukturiertes Posaunensolo bläst. 

„Oma Heinz“ lässt sich stilistisch nicht festlegen, geht zugleich einem beliebig wirkenden Mischmasch aus dem Weg. Der Zuhörer wird mit zarten Bass-Soli mit feinen harmonischen Wendungen und ekstatischen Bebop-Ausflügen der Altsaxophonistin Katrin Scherer ebenso konfrontiert wie mit Trompeten-Linien von John Denis Recker, die an den frühen Miles Davis erinnern. Stets treibend ist Schlagzeuger Daniel vor allem in Free-Passagen, die jedoch immer wieder vom Full-Band-Arrangement aufs Thema zurückgeführt werden.

Nicht ganz so „schräg“, aber dennoch keinesfalls weniger kreativ, begeistert der Nauheimer Posaunist Chris mit seiner „Groove Factory“. Im Duo mit dem Trompeter und Jazzpreisträger Thomas Siffling (von den Söhnen Mannheims) besticht Perschke in ausgetüftelten Klangfarbenspielen der beiden Blasinstrumente. Ob unisono oder mehrstimmig, einander umspielend oder in Ruf-Antwort-Konzeption, Perschke findet selbst für Standards wie den Jazz-Hit „Take Five“ eine neue, aber adäquate Ausdrucksform. Die funky und groovy Stücke werden durch den erdigen E-Bass von Hanns Höhn, den mit wuchtigen Orgelsounds brillierenden Pianisten Ulf Kleiner am Fender-Rhodes und den flexibel reagierenden Schlagzeuger Simon Zimbardo abgerundet. Eine sphärische Intro mit hall-reichen perlenden Pianoläufen in „Highland Ride“ wird durch ein erdiges und zugleich melodisches Bass-Solo abgelöst. In „Peace Fugue“ kontrastieren der weiche Klang des Flügelhorns von Thomas Siffling und der wuchtige Sound der Posaune Perschkes, der wiederum in sich versunken und lächelnd dem diffizilen Trompetensolo Siffling in Coltranes „Impressions“ folgt. Die fein abgestimmte Mischung aus Jazz, Funk und Hip Hop ist eine vorzüglicher Einstieg in ein Festival, das den Bogen von der Region bis nach Amerika spannt.

Ekstatischer und emotionaler Free-Jazz, der aber die Tradition nicht verleugnet, ist das Kennzeichen der „Power-Sound“ des amerikanischen Saxophonisten Ken Vandermark. Stärker als beim zurückliegenden Konzert von „Jazz in Progress 2005“ bestimmen beim diesjährigen Abschlussabend die expressiven Klangexkursionen auf der elektronisch verfremdeten Gitarre den Sound des Quartetts mit. Jeff Parker spielt das Instrument mit allen denkbaren Effekten von Loops und Schleifen, Echo und Verzerrung, mit knalligen Akkordfolgen und schreienden Glissandi, während Bassist Nate McBride dieses Mal mehr in den Hintergrund tritt. Schlagzeuger John Herndon treibt das Quartett vor sich her – samt Vandermark mit seinen typischen rasenden Sheets, den expressiven Stakkati, der heiseren Überblastechnik und sonoren Zwischenspielen.

Programmgestalter Stephan A. Dudek hat „Jazz in Progress“ als Plattform für junge und unkonventionelle Projekte, wie auch als Spiegel für aktuelle Strömungen in den grenzüberschreitenden Bereichen des Jazz zu Artverwandtem etabliert. Damit hat das Drei-Tage-Festival einen künstlerisch hervorragenden Ruf in Deutschland errungen, der der Stadt Rüsselsheim und ihrer „Jazz-Fabrik“ einen Ausnahmestatus in der zeitgenössischen Szene beschert.  

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