F.S. Blumm in der Rüsselsheimer Jazzfabrik am 10. Juli 2003

Ist das Jazz? Nein! Im weitesten Sinn vielleicht doch! Spannen wir den Bogen vom Minimalisten Steve Reich bis zu Joe Pass. Von den amerikanischen Folkloristen bis zu den europäischen Klassikern. Es gibt keine Kategorie, in die F.S. Blumm passt. Er ist in diesem Spannungsfeld allgegenwärtig. Was der Musiker da auf der kleinen Bühne der Jazzfabrik an wundersamen Instrumentalmelodien mit elektronischen Geräuschen und Sounds entwickelt, ist so karg wie die ihn umgebende alte Opel-Werkshalle. Sanfte Single-Note-Linien und ostinate Akkordreihen von schlichter und zugleich zeitloser Schönheit erklingen klar und transparent über und neben elektronischen Experimenten.

Der als Frank Schültge 1968 in Bremen geborene Künstler komponiert und improvisiert wie er wohl früher gemalt hat. Pastellfarben. Tupfer fügen sich zu pointillistischen Klangbildern zusammen. Sorgsam und kontrolliert entwickelt er Strukturen – intellektuell und zugleich beseelt. Konstrukte aus Naturklängen und elektronischen Geräuschen. Plätscherndes Wasser und Hochspannungs-Pfeiftöne. „Talsperre Spur“ heißt eine Komposition, „Greifling“ eine andere, „Laichteich“ eine dritte.

Eine ziselierte Single-Note-Linie wird mit eingespielten Rhythmusfiguren unterlegt. Aus einem Papprohr und einem Draht – einem an die Kindheit erinnernden Büchsen-Telefon ähnlich – entlockt Blumm knarrende, knarzende und kratzende Töne. Schmutzig und so gegensätzlich zu denen, die er auf den Gitarrensaiten zupft. Und dann die Akkordvariationen von geradezu klassischer Schönheit. Ein spannendes Spiel der Gegensätzlichkeiten.

In der Zugabe reißt Blumm schließlich die Saiten hart an. Schmiert die Töne, zupft den Rhythmus so sperrig und gegenläufig, dass eine Klavier-Improvisation von Thelonious Monk dagegen fließend erscheint.

Zwischendurch greift der Multiinstrumentalist zur Melodica. Ihr entlockt er flächige Klangbilder, die mit Hall ausgeformt werden. Oder er spielt aus dem Minidisc-Player eben jene Melodica-Sounds den Notenlinien auf der Gitarre zu. Metallstäbe klingen wie himmlische Glocken, Melodiefragmente einer kleinen Spieluhr finden sich in der elektronischen Schleife eines Synthesizers wieder, unterlegen Akkordkürzel auf der Gitarre. Ein Thema von Latin-Leichtigkeit schält sich aus der Collage heraus.

F.S. Blumms Stücke sind zumeist suitenartig zusammengefasst. Manchmal mit nahtlosen Übergängen, dann wieder mit beabsichtigten Brüchen. Er zitiert aus seinen auf den CD´s „ankern“ und „Mondkuchen“ eingespielten Kompositionen, hat sie für die Sologitarre transponiert. So werden sie zu feingliedrigen Sound-Miniaturen mit übereinander geschichteten repetitiven Klangebenen.

Er versuche, bei seiner klanglichen Spurensuche „die Essenz eines musikalischen Gedankens zu finden“ sagt der Künstler. Beim Konzert in Rüsselsheim können die wenigen, aber interessierten Zuhörer dies nachvollziehen.