F.I.M. Festival 2026: Begegnungen in Frankfurt

Das Konzert hatte noch nicht begonnen, im Zuschauerraum brannte noch das Licht und längst nicht alle Besucher hatten ihre Plätze eingenommen. Aus dem laufenden Soundcheck heraus entwickelte Shahzad Ismaily ein schlichtes, erdig groovendes Bassthema, das Hamid Drake am Schlagzeug aufgriff. Weitere Musiker fanden nach und nach ins Spiel, das Bühnenlicht wurde eingeschaltet und der Soundcheck hatte sich elegant in das Abschlusskonzert des F.I.M. Festivals verwandelt.

Kaum eine Szene hätte den Charakter des F.I.M. Festivals in Frankfurt besser zusammenfassen können. Vier Tage lang trafen Musiker unterschiedlicher Generationen, musikalischer Herkunft und ästhetischer Vorstellungen in wechselnden Konstellationen aufeinander. Es ging nicht um die Präsentation eingespielter Rollen, sondern um das Experiment, Musiker zusammenzubringen, deren gemeinsamer musikalischer Weg zunächst offen war. Was könnte besser die DNA eines Jazzfestivals definieren?

Improvisierte Musik an unterschiedlichen Orten

Vom 1. bis 4. Oktober 2026 veranstaltete das Forum Improvisierter Musik (F.I.M.) sein internationales Festival in Frankfurt. Das Programm umfasste Konzerte, Soloperformances, einen Workshop, eine Filmvorführung und die Verbindung von improvisierter Musik mit Tanz.

Unterschiedliche Räume waren Teil des Konzepts. Improvisierte Musik wurde nicht ausschließlich auf klassischen Konzertbühnen präsentiert, sondern auch in Kirchen und kleineren Veranstaltungsorten. Ein besonderer Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf der Trompete, die in mehreren Soloauftritten zu hören war.

Das musikalische Spektrum reichte von kammermusikalisch konzentrierten Improvisationen über elektronische Klangexperimente bis zu energiegeladenen Free-Jazz-Formationen. Etablierte Musiker der internationalen Szene trafen auf jüngere Kollegen, akustische Instrumente auf elektronische Klanggestaltung.

An den beiden letzten Festivaltagen bot sich mir die Gelegenheit, einen Teil dieses Programms zu erleben. Interessant war dabei nicht nur das musikalische Geschehen auf der Bühne. Viele Musiker blieben über mehrere Tage in Frankfurt und waren in unterschiedlichen Besetzungen zu hören. Sie begegneten sich aber auch abseits der Konzerte. Vor der Brotfabrik standen Musiker mit Kollegen und Besuchern zusammen, man traf Bekannte, die man bereits von anderen Festivals kennt – die Jazzgemeinde: natürlich immer noch zu klein – und kam miteinander ins Gespräch.

Tilman Urbach, Alexander von Schlippenbach - F.I.M. Festival Frankfurt 2026 - Foto: Frank Schindelbeck

Alexander von Schlippenbach – eine Biografie in Begegnungen

Einen interessanten Zugang zu diesem Festivalgedanken bot der Dokumentarfilm Tastenarbeiter – Alexander von Schlippenbach von Tilman Urbach, der am Samstagnachmittag im Mal Seh’n Kino gezeigt wurde. Im Anschluss fand ein Filmgespräch mit dem Regisseur und Schlippenbach statt.

Bemerkenswert war, dass der Film nicht die konventionelle Erzählweise einer Musikerbiografie abspult. Statt Schlippenbachs Lebensweg chronologisch nachzuzeichnen und seine künstlerischen Stationen systematisch abzuarbeiten, zeigte er den Pianisten in unterschiedlichen Situationen: unterwegs, bei musikalischen Begegnungen und im Austausch mit anderen Musikern, darunter seine Frau Aki Takase. Die kochte ihm sogar einen Tee – durchaus zum Erstaunen des Beteeten…

Und im vierhändigen Zusammenspiel des Pianistenpaares zeigte sich nicht nur das musikalische Können der beiden, sondern auch die hervorragende Beobachtungsgabe des Regisseurs, der mit sorgfältig komponierten Close-ups und bewusstem Spiel mit Schärfe und Unschärfe dem Film auch künstlerisch eine eigenständige Note gab. Die Person Schlippenbach erschloss sich dabei weniger durch erklärende Kommentare als durch Beobachtungen und Beziehungen. Wer mit der Geschichte des europäischen Free Jazz vertraut ist, konnte zahlreiche Zusammenhänge erkennen. Wer diese Kenntnisse nicht mitbrachte, musste sich manches selbst erschließen.

Gerade dieser offene Ansatz passte zum Festival. Auch hier ging es weniger um die Präsentation abgeschlossener künstlerischer Positionen als um die musikalischen Beziehungen, die zwischen den Beteiligten entstehen.

Begegnungen auf der Bühne

Am Samstagabend stand in der Brotfabrik zunächst das Trio mit Camila Nebbia, Elliott Sharp und Paal Nilssen-Love auf dem Programm.

Nebbia gehört einer jüngeren Musikergeneration an als ihre beiden Partner. Allerdings ist die argentinische Saxophonistin inzwischen selbst international außerordentlich präsent und in zahlreichen unterschiedlichen Formationen zu hören. Von einem Zusammentreffen zwischen einer Nachwuchsmusikerin und zwei erfahrenen Free-Jazz-Veteranen konnte deshalb keine Rede sein. Vielmehr entwickelte sich ein gleichberechtigter musikalischer Austausch zwischen drei eigenständigen Persönlichkeiten.

Bemerkenswert waren insbesondere die ruhigen Passagen. Immer wieder nahm sich Nilssen-Love zurück oder setzte zeitweise ganz aus, sodass zwischen Nebbia und Sharp konzentrierte Dialoge entstehen konnten. Es waren Momente, in denen das gegenseitige Zuhören mindestens so wichtig wurde wie das eigene Spiel. Die Musik musste nicht permanent auf maximale Intensität zusteuern. Gerade die Wechsel zwischen dichter Interaktion und zurückgenommenen Passagen gaben dem Konzert seine Spannung. Ein gelungenes Zusammentreffen dreier unterschiedlicher musikalischer Persönlichkeiten mit einer fast schon selbstverständlichen Beiläufigkeit.

Das funktionierte auch im Trio mit Eivind Aarset, dem „Elektroniker“ Jan Bang und der britischen Cellistin Lucy Railton. Es war ein sanftes, ruhiges Konzert, in seiner Klangbetonung und meditativen Ausrichtung ein echter Kontrast zu den wuchtigeren Formationen, natürlich auch durch den Verzicht auf ein Schlagzeug. Lucy Railton erweitert selbst mit elektronischen Mitteln die Ausdrucksformen ihres Cellos – spannend zu hören und zu sehen, wie Jan Bang hier zusätzliche Akzente mit ihrem und dem gitarristischen Material von Eivind Aarset setzte. Seine gelegentlichen Ansätze, das Spiel in eine rhythmisch kantigere Richtung zu lenken, blieben dezent. Eigentlich ein Konzert zum intensiveren Nachhören.

Am Sonntagabend trafen mit Alexander von Schlippenbach, Rudi Mahall, Elliott Sharp und Paal Nilssen-Love vier ausgeprägte Musikerpersönlichkeiten aufeinander, deren Spielweisen keineswegs selbstverständlich ineinandergriffen. Schlippenbach wirkte dabei weniger als Leiter der Formation denn als eine Art strukturelles Zentrum. Sein Klavierspiel setzte Bezugspunkte, schuf Verdichtungen und öffnete Räume, an denen sich die anderen Musiker orientieren oder reiben konnten. Seine Präsenz beruhte in diesem Konzert auf seiner Fähigkeit, musikalische Zusammenhänge entstehen zu lassen. Paal Nilssen-Love brachte enorme rhythmische Beweglichkeit und Energie ein. Elliott Sharp erweiterte das Klangspektrum durch kantige, teilweise geräuschhafte Gitarrenklänge.

Rudi Mahall nahm innerhalb dieses Gefüges eine besondere Rolle ein. Sein Klarinettenspiel war äußerst präsent, mit scharf gesetzten Figuren, abrupten Wendungen und einer starken rhythmischen Eigenständigkeit. Allerdings konnte diese Präsenz auch ausgesprochen raumgreifend werden. Seine Interventionen erzeugten Reibung, beanspruchten aber mitunter so viel Aufmerksamkeit, dass das Gleichgewicht innerhalb des Quartetts ein wenig ins Wanken geriet. Das muss nicht grundsätzlich gegen eine solche Formation sprechen. Gerade im Free Jazz gehört die Auseinandersetzung unterschiedlicher musikalischer Vorstellungen zum Prinzip. Deutlich wurde aber auch, wie schmal der Grat zwischen produktiver Reibung und der Dominanz einzelner Stimmen sein kann.

Das Konzert hatte damit einen anderen Charakter als das Trio vom Vorabend. Wo dort ein konzentrierter musikalischer Dialog entstanden war, wurden hier für mich die Unterschiede zwischen den Beteiligten deutlicher hörbar.

Eivin Aaarset, Hamid Drake - F.I.M. Festival Frankfurt 2026 - Foto: Frank Schindelbeck

Das anschließende Abschlusskonzert führte schließlich sieben Musiker zusammen, deren musikalische Ansätze auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher hätten sein können. Neben Shahzad Ismaily am Bass und Hamid Drake am Schlagzeug gehörten Marta Warelis am Klavier, Camila Nebbia und Philipp Gropper an den Saxophonen, Eivind Aarset an Gitarre und Elektronik sowie Jan Bang mit Live-Sampling und elektronischer Klangbearbeitung zur Formation. Der Beginn war ungewöhnlich und zugleich programmatisch.

Ismailys Bass und Drakes Schlagzeug setzten einen ausgesprochen körperlichen, erdigen Ausgangspunkt. Der Groove entwickelte eine unmittelbare Wirkung, die zunächst wenig mit jenem intellektuellen Überbau zu tun hatte, mit dem freie Improvisation gelegentlich verbunden wird. Hier wurde nicht erst ein kompliziertes musikalisches Konzept vorgestellt. Es wurde einfach gespielt.

Von diesem Ausgangspunkt entwickelte sich eine Musik, in der höchst unterschiedliche Klangvorstellungen zusammentrafen.

Eivind Aarset brachte an der Gitarre seine atmosphärische, teilweise beinahe schwebende Klangwelt ein. Jan Bang agierte auf einer weiteren Ebene mit seinem Ansatz, die musikalischen Gedanken seiner Mitmusiker einzufangen und diese, elektronisch interpretiert, sofort wieder in die Musik einzuspeisen. Seine Eingriffe erweiterten und veränderten das akustische Geschehen. Dazu kamen mit Camila Nebbia und Philipp Gropper zwei Saxophonisten mit unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen sowie Marta Warelis am Klavier. Nebbia war damit innerhalb von zwei Tagen in zwei sehr verschiedenen Formationen zu hören.

Gerade diese Unterschiede machten das Konzert interessant. Hier trafen nicht nur verschiedene Instrumente aufeinander, sondern regelrecht unterschiedliche musikalische Welten: der körperliche Groove von Ismaily und Drake, die sphärischen Gitarrenklänge Aarsets, Bangs elektronische Klanggestaltung und die freie Improvisation der übrigen Musiker. In einer so großen Besetzung hätte das leicht auseinanderfallen können. Zu unterschiedlich erschienen die musikalischen Ansätze, zu groß die Gefahr, dass einzelne Stimmen im Gesamtklang untergehen oder sich gegenseitig überlagern. Tatsächlich funktionierte das Zusammenspiel ausgesprochen gut. Die Musiker fanden immer wieder gemeinsame Bewegungen, ohne ihre individuellen Klangvorstellungen aufgeben zu müssen. Der Groove blieb als Grundlage erhalten, wurde aber nicht zum Korsett. Elektronische Klangflächen konnten sich entfalten, freie Improvisationen traten hervor, und immer wieder entstanden neue Konstellationen innerhalb des Ensembles.

Das Abschlusskonzert wurde damit zu einem der überzeugendsten Beispiele für die Möglichkeiten, die das Festival mit seinen ungewöhnlichen Besetzungen eröffnete.

Ein Festival der Möglichkeiten

Die Offenheit und die klare Auswahl machten das Festival schon im Vorfeld interessant. Man las die Besetzungen und kam aus dem zustimmenden Nicken nicht heraus: ein exzellent kuratierter Querschnitt der freieren Improvisationsszene: Schlippenbach und Drake als Anker dieser Musik, Musiker wie Sharp, Nilssen-Love oder Aarset, die seit Jahrzehnten die Szene prägen, und die Musiker der jüngeren Generation, wie die hochpräsente Saxophonistin Camila Nebbia, die Pianistin Marta Warelis oder die Cellistin Lucy Railton.

Mit dem diesjährigen F.I.M. Festival haben die Organisatoren ein fettes Ausrufezeichen für improvisierte Musik in die hiesige Festivallandschaft gesetzt. Chapeau! Und weiter so, bitte.

Fotos: Frank Schindelbeck

| Forum improvisierter Musik – F.I.M. Frankfurt

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© 1997 – today | ISSN 2751-4099

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