Drummer Jack DeJohnette jazzte mit Bassistin Esperanza Spalding in Backnang

Lovano DeJohnette Foto: Hans Kumpf
Text und Photos: Hans Kumpf 

Arrivierte Grammy-Stars wagen das
neutönerische Experiment

Man konnte es kaum glauben: Am 1. April ein gemeinsames Konzert von drei US-amerikanischen Superstars, wovon ein jeder einzelne zu einem Festival-Knüller getaugt hätte. Und das in Backnang, geografisch (und zeitlich!) gelegen zwischen Schwäbisch Hall (JazzArtFestival) und Stuttgart (Theaterhaus-Jazztage). Kein Wunder, dass das dortige Bürgerhaus mit 600 Sitzplätzen restlos ausverkauft war.

Drummer Jack DeJohnette (Grammy 2009) machte vor einem halben Jahrhundert mit Miles Davis bei der elektronisch geprägten Produktion „Bitches Brew“ für immer Jazzgeschichte. Die am Kontrabass und an der Bassgitarre sowie vokal tätige Esperanza Spalding (29) ergatterte einen Grammy 2011. Der Bläser Joe Lovano (Tenor- und Sopransaxophon, das hölzerne Einfachrohrblattinstrument Tarogato, Flöte)  ist ohnehin weltweit ein gewiefter Allrounder, und in dessen Formation wirkte zuvor der 1979 geborene argentinische Pianist Leo Genovese mit. Unter „Spring Quartet“ firmiert nun dieses von Altmeister Jack DeJohnette – inzwischen 71 Lenze jung – angeführte Ensemble.

Ob mehr oder weniger prominent im internationalen Music-Bizz – es herrschte musikalische Gleichberechtigung, und die Stars machten es sich nicht auf ihren Lorbeeren bequem. Anstatt Standards aufzufrischen, wurde das mitunter sehr neutönerische Experiment gewagt. So manches Stück fing etwas chaotisch an, um dann unisono zu einträchtiger Ordnung zu finden. Man korrespondierte eifrig miteinander, auch wenn ein Quartettmitglied mal längerfristig solistisch hervortrat.

Da gab es viele Überraschungsmomente. So gefiel sich Schlagzeuger Jack DeJohnette als Rapper, und Esperanza Spalding sowie Leo Genovese griffen zum Alt- respektive Sopransaxphon und interpretierten hierbei Notengebundenes. Ein überaus spannungsreicher Abend mit kreativen Höhepunkten, der wohl unvergesslich bleiben wird. Auch minutenlanger Applaus konnte die All-Star-Formation nicht zu einer Zugabe bewegen.

Esperanza Spalding - Foto Kumpf

Das Superereignis mit dem „Spring Quartet“ in der Provinz ließen sich viele namhafte Jazzmusiker aus Baden-Württemberg nicht entgehen. Wie empfanden sie ihre Instrumental-Kollegen aus dem fernen Amerika?

Schlagzeuger Hans Fickelscher: „Jack DeJohnette sieht aus wie die Jugend im Frühling und klingt auch so.“

Bassist Jan Jankeje: „Esperanza Spalding ist ein Genie und kann sich anpassen. Dass die zierliche Bassistin in der Ersten Liga spielt, ist gerecht. Jeder Ton bei ihr hat seine Funktion.“

Sängerin Susanne Schempp:  „Ihr Gesang ist Weltspitze. Esperanza verfügt über zweieinhalb Oktaven, sie hat ihre Stimme voll im Griff.“

Saxophonist Alexander „Sandi“ Kuhn: „Wahnsinnig! Joe Lovano ist einzigartig und unverkennbar – nicht zu kopieren. Er hat alles aufgesaugt und spielt, was er will. Er könnte ja auch auf Charlie Parker oder John Coltrane machen.“

Saxophonist Martin Keller hingegen: „Er klingt ein bisschen muffig. Lovano spielt zwar gut, Respekt! Aber das ist nicht mein Ding…“

Pianist Frieder Berlin: „Leo Genovese? Ein großartiger Techniker! Für mich ist es toll, dass ein Musiker, der mir vom Namen her zuvor nichts gesagt hat, unheimlich niveauvoll spielt und über den Flügel hinaus die elektronischen Keyboards für die Band sehr dienlich einsetzt.“