Donaueschinger Musiktage 2002

DONAUESCHINGEN. Multimedial verkabelt und multikulturell verästelt sind die Donaueschinger Musiktage schon lange, 2002 ergab sich für Programmmacher Achim Köhler eine „thematische Akzentuierung“ auf Sprache. Hierbei zählte freilich nicht bloß der semantische Aspekt, sondern alle möglichen Facetten von vokalen Äußerungen. Nunmehr wird die menschliche Stimme vielfach einem elektroakustischen Transformationsprozesse unterzogen – doch hier konnte die selbsterklärte Novitäten-Messe nicht mit überzeugenden Innovationen aufwarten. Den ästhetische Rahmen und die Materialerforschungen hatten findige Köpfe wie Cathy Berberian, Dieter Schnebel und Helmut Lachenmann schon vor Jahrzehnten vorgegeben.

Als Solo-Interpreten in eigener Kompositionssache präsentierten sich da beispielsweise der Franzose Philippe Broutin, die in Australien lebende Engländerin Amanda Stewart und der Niederländer Jaap Blonk: mitunter leerer Aktionismus vor einer Batterie von Mikrofonen – und dann nur Althergebrachtes. Da bleiben in Donaueschingen die früheren Solo_Eskapaden von Lauren Newton, Greetje Bijma, Diamanda Galas und Urszula Dudziak ganz anders in Erinnerung.

Stuttgart genießt den Ruf, die Chor-Hauptstadt Deutschlands zu sein. In Donaueschingen hörte man beim Eröffnungskonzert das von Daniel Reuss sorgsam einstudierte SWR-Vokalensemble bei zwei Uraufführungen. „La Ligne, La Prim’ombra, La Perte“ des als Spross armenischer Eltern in Frankreich aufgewachsenen Franck Christoph Yeznikian verharrte meist gleichförmig in Mikrotonalität und im Mezzopiano, während die Nelly-Sachs-Vertonungen „Teile dich Nacht“ von Karin Rehnquist ihren besonderen Reiz durch Lena Willemark erhielten. Die schwedische Volksmusiksängerin tönte geradezu ekstatisch. Kaum zu glauben ist, dass die Folklore vom „kühlen“ Norden so lebhaft und archaisch wie Vokalisen aus Bulgarien und Sibirien klingen kann.

Die profilierten „Neuen Vokalsolisten Stuttgart“ dominierten die Matinee in der mit aufwendiger Lichttechnik hochgerüstete Sporthalle der Realschule. Der Philippine Alan Hilario ließ bei „Phonograph“ Sängerinnen Plattenspieler bedienen und stellte antike Kratz- und Rauschzustände wieder her. Stimm-Haftes ohne Worte: Sprachlosigkeit, und dies mehrkanalig im Raumklang surround. Allenthalben hauchen und stöhnen, schreien und stammeln, ächzen und krächzen (wie bei Julio Estrada und Gerard Pape). Und dass die Interpreten die Einsätze und „Noten“ mittels FTF-Display erhalten, gehört in Donaueschingen zum gewohnten Bild. Dem Licht, sei es Neon oder Stroboskop, zu einer eigenen Rolle und zum kontrapunktischen Widerpart verhalf die Japanerin Misoto Mochizuki.

Welchen Stellenwert und welche bleibende Qualität eine Komposition wirklich birgt – dies vermag die Zeit erst zeigen. Dass anfängliche Einschätzungen oft revidiert werden müssen, räumte auch der souveräne SWR-Orchesterdirigent Sylvain Cambreling ein. Was gräbt sich sich von den Donaueschinger Musiktagen des Jahrgangs 2002 unauslöschlich ins Gedächtnis ein? Vielleicht vordergründig einige visuelle Eindrücke (die im veranstaltenden SWR2-Radio ohnehin nicht zu vermitteln sind). Zunächst der Voodoo-Zauber und der Mummenschanz des Kubaners George Lopez in dessen Gesamtkunstwerk „Schatten vergessener Ahnen“. Da befehligte eine übergroße Monsterfigur mit einem riesigen Dirigierstock den Einsatz der Attacken der Schlaginstrumente, die außer auf dem Podium noch auf den drei Emporeteilen postiert waren. Schließlich besiegten drei Tänzerinnen den diktatorischen Dämon und zerhackten mit Äxten brachial dessen Geweih. Die Ehrengäste in der ersten Stuhlreihe erhielten die Bruchstücke als Souvenirs respektive Reliquien zugeeignet. Und dies ging noch ins Auge: Die grazile Russin Natalia Pschenitschnikova blies in Helmut Oehrings theatralischem „Er.Eine She“ die voluminöse Bassflöte und geizte unter ihrem weißen Schleier partiturgemäß nicht mit erotischen Reizen.

Ganz ohne grelle Lichteffekte und überbordender Elektroniktransformation kam Altmeister Klaus Huber (Jahrgang 1924) aus. Dramatisch und emotional fesselnd geriet auch sein neues Opus „Die Seele muss vom Reiter steigen“ nach einem Gedicht von Mahmoud Darwisch. Wenn sich dem souveränen „SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg“ noch altertümliche Instrumente wie Langhalslaute, Gambe und ein (mit Schnarrsaiten versehene) Baryton hinzu gesellten, so bedeutende dies kein historisierender Rückgriff, vielmehr wurde hier höchst sensibel die Avantgardemusik mit all ihren filigranen Feinheiten erweitert. Besonders imposant das universelle Können des Hamburger Countertenors Kai Wessel.

Noch nie war ein – in Anführungszeichen – „Jazzkonzert“ bei den Donaueschinger Musiktagen so ungewöhnlich und unausverkauft, so provozierend und penetrant lang – und so elektronisch. Dr. Reinhard Kager, in Nachfolge von Joachim-Ernst Berendt, Werner Wunderlich und Achim Hebgen neuer Jazzredakteur beim Südwestrundfunk in Baden-Baden, möchte bewusst „im produktiven Sinne schockieren“. Und dass Neue Musik und Zeitgenössische Musik konstruktiv miteinander verbinden kann, ist schließlich nichts Neues. Improvisationskunst und Emanzipation der Elektronik bilden einen gemeinsamen Nenner. Wenn die „bits“ und „bytes“ mit „beats“ angereichert werden, kommt vielleicht noch ein vertrautes „swing“-Feeling auf. Krzysztof Penderecki bemängelte einmal in einem Interview mit mir, im Jazz würde man stets stereotyp über acht Takte improvisieren – dies entsprach seit der Free-Jazz-Ära ohnehin nicht der Realität. Bei der „SWR-Jazz_Session“ in der Baar-Sporthalle verkamen Jazz-Phrasen zur absoluten Seltenheit.

Aus New York kam in die idyllische Schwarzwald-Metropole ein feminines Elektronik-Duo. Marina Rosenfeld legte auf ihre Plattenspieler selbstgefertigte Azetat-Platten auf und „scratchte“ damit, während Ikue Mori sich als Knopfdrückerin und Maus-Schieberin auf ihrem Laptop, mit dem sie „Samples“ und synthetische Schlagzeugklänge abrufen konnte. Geradezu wie Audio-Autisten bedienten die beiden Damen das Gerät – keine Spur von Lächeln und Lust bei den lasziven Ladies. Über spontane Kommunikation und wirkliche Interaktion konnte man bei der Performance nur spekulieren. Das Klangbild der Technokratinnen: eine Mixtur zwischen Karlheinz Stockhausens „Kurzwellen“ und György Ligetis „Artikulation“ aus den 50er Jahren. Reinstes Sinuston-Geblubber, aufgegekratztes Rauschen voller Nachhalltigkeit und Belanglosigkeiten allenthalben konstatierten konsterniert die Kritiker, als Offenbarung einer sich öffnenden Akustik-Kultur empfanden es anwesende Zeitgeist-Genießer.

Mehr Körperlichkeit entwickelten da schon die sieben Mannen um Wolfgang Mitterer. Der Österreicher lieferte 2001 für die SWR-Sinfoniker die Komposition „Konzert für Klavier, Orchester und Elektronik“, die von Einzelaktionen zu einem fetten Gesamtklang führten. Jetzt agierte der ursprüngliche Keyboarder in der Jazzabteilung. Kein Konzert im konventionellen Sinne – die Zuhörer wurden sogar aufgefordert, sich – mit Speis und Trank stärkend – im Raum herum zu wandeln und den Musikern ganz nahe zu kommen. Jeder darf hören, was er gerade hören will. Man kann dies eine Konzertinstallation nennen – oder eine Aufforderung zum Weghören. Musik sollte mehr sein als Background zum Bügeln, Auto fahren oder zur Verdauungsanregung. Sind so die Zeiten? Da lobe ich mir Anton Webern, der sich wirklich ganz komprimiert und konzentriert auf das Essenzielle beschränkte. Nun auch in der gemeinhin als seriös bezeichneten Musik langwierig ein unnötiges Palaver und Geschwätz, wo man nicht im traditionellen Sinne stets aufpassen soll?

Als Rückgrat der Komposition „Radio Fractal/Beat Music“ diente ein digitalisiertes „Zuspielband“ von exakt 1 Stunde und 54 Minuten. Die Digital-Uhren waren so unerbittlich wie bestimmend, die Partituren befand sich auf Papier – und auf Flachbildschirmen. Zuweilen jazzten der Gitarrist John Schröder und der Baritonsaxofonist nach alter Väter Sitte sekundenlang beherzt drauf los, und Drummer Herbert Reisinger entfesselte sich rockrhythmisch. DJs und Computer-Cracks generierten Multi-Kulti-Klänge und betrieben Recycling der akustischen Umweltverschmutzung. Aus dem Off erschienen da hymnische Chöre und afrikanische Gesänge – und dies aus acht Richtungen. Ganz zum Schluss einprogrammiert kollektiv der orgiastische Höhepunkt mit schneller Abschlaffung. Aber dies hörten kurz vor Mitternacht die wenigsten Besucher, die meisten hatten sich bei den andauernden Lautstärkegraden zwischenzeitlich verflüchtet.

Die in Donaueschingen mitgeschnittenen Jazzsendungen erfolgen am 21.11.2002 (Mori/Rosenfeld) und am 5.12.2002, jeweils um 19.05 Uhr.

Auch bei anderen Konzerten schlich sich wieder jazziges ein. Zu erwähnen ist da der englische Posaunist John Kenny, der im metrisch-kontinuierlichen „Thorn Into The Flesh“ des Tschechen Michal Nejtek mit Jazz-Intensität und „drive“ einbrachte. An die opulente „Jazz-Sinfonik“ von Leonard Bernstein knüpfte der Linzer Bernhard Lang bei seinem Orchesteropus „Differenz/Wiederholung 7“ an. Die Vokalisten Jaap Blonk und LenaWillemark sind auch auf der Jazzszene nicht unbekannt.

Zu einem von TV-Teams dokumentierten Politikum der diesjährigen Donaueschinger Tage für Zeitgenössische Tonkunst geriet die Rede der neuen Staatsministerin Christina Weiss. Gerhard Schröders neue Frau für die Kultur bekräftigte, dass sie sich Donaueschingen mehr verbunden fühle als Bayreuth. Weiss weiß, wovon sie spricht – gehört sie doch seit 1994 der fachkundigen Jury für den Karl-Sczuka-Preis an. Den renommierten Hörspielpreis für 2002 überreichte sie dem Italiener Stefano Gianotti und hielt noch die kenntnisreiche Laudatio.

2002: Kein feudal-festliches Abendessen im Schloss der Fürstenbergs. Nach dem Tod seines Vaters Joachim fungierte erstmals S.D. Heinrich zu Fürstenberg als Schirmherr des Neutöner-Festivals, und dieser begrüßte nun seine geladenen Ehrengäste (darunter Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum) zu einem nahrhaften Stehempfang in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen – umgeben von einem ausgestopften Braunbär und provozierender Kunst des 20. Jahrhunderts („The Pisces Collection“).

Keine Frage, dass der technophile Festivalchef Armin Köhler für alle Welt und allezeit die Musiktage im Internet multimedial abrufbar hält: www.swr.de/donaueschingen.

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