Die „Jack DeJohnette New Group“ in der Rüsselsheimer Jazzfabrik 24. Mai 2011

Fotos und Text: Klaus Mümpfer

 Wer Jack DeJohnette zuhört, kann kaum glauben, welche Klangvielfalt der Schlagzeuger aus seinem melodiös abgestimmten Dumset mit Trommeln, Snares und Becken zaubert. Wir erinnern uns: Virtuos hält dieses klar und präzise spielende Energiebündel mit kraftvollen Schlägen den Beat stets präsent, löst ihn zugleich mit scharf akzentuierter und abgestufter Dynamik in einzelne Rhythmusfiguren auf. Fast zweieinhalb Stunden hält die neue, erst vor einem Jahr gegründete „Jack DeJohnette New Group“ das Publikum beim Konzert der Jazzfabrik auf der Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters in Atem. Dichte und komplexe, Free-Bob-Kollektive stehen neben swingenden Passagen und lyrischen Soli. Zu hören sind transparente Ausflüge mit einem DeJohnette-typischen sorgfältig abgestimmten, melodischen und differenzierten Solo sowie ein fast kinderliedhaft schlichtes Thema auf der Melodica neben einem meist äußerst expressivem Powerspiel, unter dem einmal leider der Pianist George Colligan bei einem mitreißenden Solo auf dem Flügel zu leiden hat. Dass der Drummer während des gesamten Konzertes an seiner Bass-Trommel stimmt, sei nebenbei erwähnt.

Mit morsenden Stakkati und cantablen Linien prägt der Altsaxophonist Rudresh Mahanthappa über weite Teile den Sound der „New Group“. Seine Klangfarben mit einem Touch fernöstlicher Exotik paaren sich mit getragenen Linien auf der Doppelhalsgitarre von David Fiuczynski, der lyrisch mit reichem Vibrato zupft. An anderen Stellen reißt er schräge Glissandi aus den Saiten und kann dann seine Vorliebe für Punk-Jazz nicht ganz verleugnen.
Die Kompositionen lassen Musikern viel Raum für Soli und wilde Full Band-Passagen mit anhaltenden Crescendi, die Spannung einbüßen, weil sie sich nicht mit zwingender Konsequenz aus den Kollektiven zu entwickeln scheinen. Hin und wieder mangelt es an Logik und Strukturen. „One for Eric“, „Soulful Ballad“ und „6025“ füllen das erste Set, in dem gegen Ende Colligan auf den Keyboards Blockakkorde zum Bergen türmt, in expressiven Läufen schwelgt, ostinate Melodiefragmente in die Tasten hämmert und viel zu den Assoziationen an den Rock-Jazz der Siebziger Jahre beiträgt. Da bietet das Konzert ein Deja-Vu-Erlebnis, bei dem der Zuhörer aber eine Innovation im dialektischen Doppelsinn des Aufhebens vermisst: Des Bewahrens der Tradition und des Aufhebens auf eine neue Stufe.
Diese Kritik schmälert nicht die Einzelleistungen der Solisten. Neben dem Saxophonisten Mahanthappa, der wie in „Ahmad, the terrible“ selbst extrem schnelle Läufen immer wieder mit heiserer Mehrstimmigkeit aufbricht und dasselbe Stück mit einer langsamen, lyrischen und singenden Linie einleitet, ist es der stets unauffällig, aber solide stützende Bassist Jerome Harris. Bei einem seiner seltenen Soli in der Jamal gewidmeten Komposition kann er seine harmonische Wandlungsfähigkeit bei verzierten Melodielinien ausspielen, die er zudem mit Grummeln und Gesang begleitet. Hier zeigt sich der Drummer als sensibler Begleiter.
Pianist Colligan greift einmal zur Pocket-Trompete und bläst in „Blue“ seine Solo-Passage klar und schön wie Chuck Mangione. Das begeisterte Publikum wird von Jack DeJohnette mit dem „Tango African“ als Zugabe belohnt. Ein Tango, der seine rhythmische Brisanz aus dem vielschichtigen und virtuosen Spiel des Leaders zieht, der im Sound mit einer reizvollen Unisono-Passage von Saxophon, Keyboard und Gitarren überrascht.