Charlie Mariano & Karnataka College of Percussion im Frankfurter Hof in Mainz, 16. November 2003

„Carmine“ ist der zweite Vorname des Saxophonisten Charlie Mariano. Gleichlautend daher auch die Komposition von T.A.S. Mani, die der indische Percussionist dem Amerikaner gewidmet hat, der einst in Indien Ragas und Talas studierte und der heute die Percussions- und Vokal-Improvisationen klassischer karnatischer Musiktradition einfühlsam auf dem Saxophon begleitet. Mariano antwortet in den Dialogen der Sängerin Ramamani, umspielt deren Melodielinien mit harmonischen Variationen. Dann vollendet der singende Saxophonton in eingeschobenen Unisono-Passagen mit der herb sinnlichen Altstimme die Symbiose von südindischer Folklore und Jazz.

Das Konzert im Frankfurter Hof ist geprägt von Indien. Doch dieses Mal geht es nicht um Verschmelzung, sondern um die Erweiterung der Klangfarben von Ragas, in denen Melodie, Stimmung, Tonart, Phrasierung und Formgebung zusammenfallen. Marianos sanft heiserer und näselnder Ton auf dem Blasinstrument nähert sich der menschlichen Stimme, während diese mehr und mehr instrumental  eingesetzt wird –  bisdie drei indischen Künstler Ramamani, Mani und Ramesh Shotam schließlich bei einer kreisenden Improvisation in der Trommelsprache in Dialoge und Triologe eintreten. Melodie- und Rhythmusfiguren werden mit zungenbrecherischer Virtuosität in langen Spannungsbögen variiert.

Charlie Mariano und das Karnataka College of Percussion aus Bangalore haben vor genau 20 Jahren mit „Jyothi“ den Klassiker der Grenzüberschreitung von Jazz und indischer Musiktradition eingespielt. Und in den seither vergangenen zwei Jahrzehnten hat dieses Treffen zweier unterschiedlicher Kulturen nichts an Reiz verloren. In der Zugabe kommt sogar eine archetypische Verwandtschaft zwischen südostasiatischer und südwesteuropäischer Folklore zum Vorschein.

Das Karnataka College of Percussion ist eine Meisterschule südindischer Trommelkunst. T.A.S. Mani, der sie mitgeprägt hat, spielt die Mridangam – jene querliegende Trommel, die auf der hellen Seite m it den Fingern und auf der dunklen mit den Stock geschlagen wird – meisterlich. Nicht weniger virtuos klopft Ramesh Shotam die große Tempelmusik-Trommel Tavil, den Tonkrug Ghatam und die kleine Rahmentrommel. Unter dem komplizierten Percussionsgeflecht, den langen intervalllosen Gesangslinien aus Presstönen und vibratoreichen Melodiefiguren sowie den singenden Saxophonsounds liegt der mikromelodische Klangteppich der Tampura, der allerdings von der Kassette erklingt. Schade.