Bob Degen und Eric Plandé im Rüsselsheimer „Rind“

Raffinesse und Einfachheit

Der Pianist Bob Degen ist ein Meister der Reduktion. Sein Spiel zeichnet aus, dass Raffinesse und Einfachheit keine Gegensätze sein müssen. Aus dem Tenorsaxophon des Franzosen Eric Plandé fließen die Läufe und Akkordkaskaden mit einer schier unerschöpflichen Energie, setzen einerseits Kontraste zu dem Spiel des Pianisten, runden andererseits in ihrer klaren und transparenten Führung das Duo-Spiel ab. So kann das Programm „Human Nature“ sowohl in lyrischen Momenten – etwa in den balladesken Teilen von „Touching“ mit dem schwebenden Finale oder Mona Lisa“ – als auch in den freien und percussiven Kompositionen – wie im einleitenden rau überblasenen “Labyrinthe“ oder im Titelstück „Human Nature“ – mit Klarheit und Virtuosität begeistern.

Beide Musiker sind Wanderer zwischen der Tradition und der Modernen, zwischen harmonisch gebundenem und freiem Spiel. Fast einhundert Minuten die Kunst des Duos vor einem sachkundigen Publikum auf der Bühne im Rüsselsheimer Kulturzentrum „Rind“ zu präsentieren, ist ein Wagnis, das sich nur zwei so inspirierte und virtuos kommunizierende Künstler wie der Amerikaner Degen und der Franzose Plandé wagen können – auch wenn im Verlauf des Konzertes den Zuhörern Konzentration und Offenheit abverlangt wird.

Viele Stücke folgen der bewährten Aufteilung von einleitendem Thema, langen Improvisations-Passagen und der abschließenden Rückkehr zum Thema. Plandé spielt sein Saxophon rau und überblasen, expressiv und sonor mit immer wieder überraschenden kurzen Sprüngen in die höheren Lagen. Der Saxophonist zersplittert seine Läufe in rasanten Stakkati oder lässt die Atemgeräusche im Instrument  vibrieren. Dabei windet er sich beim konzentrierten Spiel auf dem Sopran- und dem Tenorsaxophon, versenkt sich in seine expressiven Ausbrüche. Hin und wieder lässt Plandé sein Sopransaxophon schnattern. Degen singt bei seinen Soli die hinter den Akkordblöcken und Single-Note-Ketten liegenden Melodien hörbar mit. Lange melodische Linien sucht der Zuhörer denn auch in den lyrischen Parts vergebens. Der Pianist hat ein eigenwilliges Harmonieverständnis. Anklingende Lieblichkeiten werden mit Dissonanzen aufgelöst und spiegeln sich in den Ergänzungen von Plandés energetischen Saxophon-Schreien wider.

So kann sich ein kristallklarer und klirrender, oftmals sperriger Sololauf auf dem Klavier gegen die mal kreisende, mal gradlinig treibende Kraft der Saxophone durchsetzen. In Joachim Kühns „Thoughts about my mother“ beginnt das Solo Degens melodiös und im Duo mit dem Saxophon sensibel in einer kantablen Linie, bevor der Pianist wieder in sein unverwechselbares Spiel wechselt. So entstehen jene spannungsgeladenen Dialoge mit free-jazzigen Anklängen. Mit dem teilweise kantablen „Viva La Muerte“ als Zugabe verabschiedet sich das Duo im „Rind“.

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