„Bingen swingt“ vom 22. –24. Juni 2007

Das gleißende High-Note-Stakkato auf Randy Breckers Trompete zu dem elegant swingenden Spiel des Trios um den Pianisten Niels Lan Doky. In den Balladen wiederum schmiegt sich das warm und rund klingende Solo auf dem Flügelhorn sensibel in den Gruppensound. Das Konzert mit Randy Brecker und dem Niels Lan Doky Trio ist zweifellos einer der musikalischen Höhepunkte des Drei-Tage-Festivals „Bingen swingt 2007“. Ein weiteres Glanzlicht setzt der Tenorsaxophonist Benny Golson im Jazztett des Münchner Trompeters Claus Reichstaller auch wenn derinzwischen 82-jährige zunächst mit dem altbekannten „Sweet Georgia Brown“ auf die Bühne stürmt.

Im weiteren Verlauf rechtfertigt Golson seinen Ruf als der große Lyriker des Bebop. Sein sonores und fließendes, zuweilen auch expressives Spiel steht vor allem im zweistimmigen Duo in reizvollem Gegensatz zu den strahlenden, stählernen Linien des Trompeters in den hohen Lagen. Faszinierend sind die rasenden Läufe des Pianisten Kirk Lightssey mit den unerwarteten Sperrigkeiten, bestechend wie später im Brecker-Konzert die gitarrenähnlichen Linien des Bassisten Mads Vinding mit den wechselnden Tempi und überraschenden harmonischen Verzierungen. 

Das aufregendste Erlebnis des Festivals bereitet indessen den Besuchern der Saxophonist Ekkehard Jost mit seinem Projekt „Cantos de Libertad“, in dem er die Musik dses spanischen Bürgerkrieges in zeitgenössischen Jazz mit frei pulsierenden Metren und Mehrstimmigkeit der Bläser-Frontline transponiert ohne jedoch die folkloristischen Ursprünge aus den Augen zu verlieren. Auch hier ein aufwühlender Kontrast – dieses Mal zu der spanischen Gitarre von Gerd Stein und dem Gesang von Marta de la Vega. 

Aus dem riesigen Angebot des Binger Festivals mit immerhin 30 Bands auf den sieben Bühnen der Stadt kann der Besucher je nach Vorlieben nur wenige herauspicken. Da beweisen die Big Band 81 aus dem holländischen Venlo mit packenden Tutti hinter dem kraftvollen und mitreißenden Gesang von William Wulmsen, Angelien Stroeken und Ank Bindels sowie das Stitching Dutch Palladium Orchestra, das zeigt, wie humorvoll Bigband-Arrangements sein können. Auf einer anderen Bühne stellt die Sängerin Nicole Metzger mal sanft kokettierend, mal gewagt phrasierend zu den flirrenden und zugleich filigranen Linien des Gitarristen Wesley G. ihre neue CD vor. Zwei weitere talentierte Sängerinnen kehren aus der Ferne in die Heimatstadt Bingen zurück: Julia Oschewsky interpretiert Standards mit bestechender Phrasierung, aber in neuer Fassung, Sarah Lipfert kommt mit ihrer Ballroom Gruppe.

Swingend mit sanften und verspielten Balladen sowie mit straight marschierenden schnellen Läufe besticht das Quartett mit dem Gitarristen John Paiva, dem Pianisten Jan Eschke, dem Bassisten Thomas Stabenow sowie dem Saxophonisten Bob Rüderl. Spontan findet sich ein exzellentes Trio mit dem Saxoponisten Hans Rück , Heiner Franz und Jürgen Schwab zusammen, in dem sich in komplexen Parker-Kompositionen wie in Jobim-Bossas die beiden Gitarristen souverän in Melodieführung und Rhythmus abwechseln, während Rück sein Altsaxophon lyrisch singen lässt. Zwischen moderner Tradition und freier Entfaltung bewegen sich die Improvisationen des Saxophonisten Gerd Dudek, teilweise in Mehrstimmigkeit auf dem Sopransaxophon sowie in Begleitung so exzellenter Musiker wie dem Drummer Tony Levin, dem Bassisten Chris Laurence und dem Gitarristen John Parricelli. Auf einer anderen Bühne faszinieren der Pianist Otto Wolters mit perlenden Läufen, zarten Bass-Solo-Linien Gunnar Plümers und einem melodischen, aber treibenden Schlagzeug von Michael Küttner.

„Es ist toll, dass Balladen so gut ankommen“, freut sich der Sänger Peter Fessler, als das Publikum mehrere Zugaben erzwingt. Gefühlvoll hat Fessler gerade das legendäre „My Foolish heart“ sowie swingende Standards mit seiner über Oktaven reichenden Stimme interpretiert, um dann im intimen Duo mit dem Pianisten Vladyslaw Sendecki mit „Not like this“ den Auftaktabend des
Festivals zu beschließen. Zuvor stellte die NDR-Bigband unter der Leitung von Dieter Glawischnig mit voller Wucht und krachender Präzision ihre grandiosen Mitglieder in Soli vor. 

Beim Heimspiel beweist Losin Groove, die Bigband des Binger Stefan George Gymnasiums, zu welchen Leistungen junge Musiker fähig sind, wenn auch bei der Mammutbesetzung Patzer in der Satzarbeit und beim Timing nicht ausbleiben können. Professionallem Anspruch genügen die acht Schüler- und Jugend-Bigband, die gestern zur bundesweiten Endausscheidung des Skoda-Jazzpreise angetreten sind. Die Big Band des Gymnasiums Berenbostel machte schließlich das Rennen um den Skoda Jazzpreis der Schulorchester. Bei den Jugend-Big-Bands setzten sich „The Foobirds“ aus Kulmbach durch. Die Jugendlichen beeindruckten die Jury offensichtlich mit einer Eigenkomposition „Fight of the foobirds“ – ein Stück, das Ragtime-Läufe auf dem Piano mit schrägen und freien Tutti des Orchesters auf souveräne Weise verschmolz, das expressive, rockende Gitarrenglissandi einbettete und in Dynamiksprüngen geradezu explodierte. Beide Bands werden mit je einem Probenwochenende und einem Konzertauftritt mit Peter Herbolzheimer, einem der beiden Schirmherren des inzwischen bundesweiten Wettbewerbs belohnt. Über ein Coaching mit Till Brönner, dem zweiten Schirmherrn, darf sich die United Bigband des Arndt-Gymnasiums aus Berlin freuen.

Dizzy Gillespies Geist scheint über dem Trompeter-Triumvirat Randy Brecker, Till Brönner und Claus Reichstaller zu schweben. „A Night in Tunesia“ mit seinen Assoziationen an arabische Skalen und der Polyrhythmik wie auch das musikalisch verwandte „Manteca“ stehen auf dem Plan Reichstallers, der die Leitung des „Trumpet-Summit“ für den Abschluss des Festivals „Bingen swingt 2007“ übernommen hat. Bei der Probe in der Abgeschlossenheit der Binger Musikschule sitzen auf der einen Seite der Pianist Kirk Lightsey, der Bassist Mario Gonzi und der Schlagzeuger Paulo Cardoso, ihnen gegenüber die Trompeter Till Brönner, Randy Brecker und eben Claus Reichstaller. Brecker summt die ersten Takte von „Arrival“, Reichstaller erläutert Ablauf und Einsätze, Brönner hört konzentriert zu. „Let´s do first Cherokee Sketches“, wirft Brecker ein und stimmt die Melodie an. Die drei Trompeter fallen präzise in eine akzentuierte Intro, wechseln dann zum mehrstimmigen Satz, bevor die Soli folgen.  

Reichstaller hat zwar mit Brecker ein Clifford-Brown-Projekt bestritten, doch in dieser Zusammensetzung haben die drei Stars bislang noch nie gespielt. Ute Hangen, der Programmchefin des Festivals „Bingen swingt“, hat mit dem „Trumpet-Summit“ ein in Europa einzigartiges Konzertereignis präsentiert. „Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, aber ich freue mich“, versichert Till Brönner. Reichstaller sagte spontan zu und begeisterte Brecker für die Idee so sehr, dass dieser eigens für das Binger Konzert mit „Freefall“ eine Komposition mitbrachte, die aus einer früheren Arbeit für einen Workshop in USA entstanden ist. „Lasst uns zunächst auf das ursprüngliche Ding zurückgehen und das Ganze ein wenig höher spielen“, mahnt er bei der Probe im Dachgeschoss der Schule. Das Trio setzt daraufhin zu einem stechenden und aggressiven Unisono-Part an, wechseln in grelle Mehrstimmigkeit und spielen schließlich das ganze Stück einschließlich der Teile der Rhythmusgruppe durch.

Was in dieser intimen Runde auffällt, ist auch an späten Abend bei dem Open-Air-Konzert vor fast 2500 Zuhörern festzustellen: Mit geschlossenen Augen sind die Personalstile deutlich zu unterscheiden. Claus Reichstaller wirkt selbst in Balladen auf dem Flügelhorn stets schärfer und attackierender als seine beiden Kollegen. Brecker kann warm wie Art Famer oder schmetternd in gleißenden High Notes wie Freddie Hubbard improvisieren, doch seine Läufe ähneln sich. Till Brönner ist der Kreativste in diesem Trio. In der Ballade „You don´t know what love is“, wechselt er exemplarisch vom sanften und runden Ton zur romantisierenden Piano-Begleitung Kirk Lightseys zu zunehmend zupackenden und leicht überblasenen Stakkati.
Den drei Blechbläsern steht an diesem Abend der Saxophonist Benny Golson zur Seite, ein Lyriker des Bebop, der mit John Coltrane musikalisch aufwuchs, dessen berühmtes „Body and Soul“ wiederum Brecker gefühlvoll auf der Trompete interpretierte. Mit einem humorvollen „Blues-March“ als Zugabe bedankt sich der Trumpet-Summit bei einem begeisterten Publikum.

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