Arkady Shilkloper jazzte mit dem Alphorn


Interregionales Sinfonieorchester

Das Interregionale Sinfonieorchester traf sich in Oberschwaben

Ochsenhausen. Ohne viel Aufheben überschreitet die Jugend heutzutage vermeintliche Genre-Grenzen. Das „Interregionale Sinfonieorchester“ (IRO) spielte 2007 eine neue Fassung von Wolfgang Dauners „Urschrei“, der 1976 beim JazzFest Berlin für Aufruhr sorgte, unter dem Dirigat von Professor Wolfgang Gönnenwein gar auf CD ein, jetzt hatte man mit dem in Wuppertal heimisch gewordenen Russen einen profilierten Jazzmusiker zur Seite – auf dem Alphorn. 

Das IRO wird vom Landesmusikrat Baden-Württemberg in Zusammenhang mit der Landesmusikakademie Ochsenhausen getragen. Finanzielle Förderung erhält das Projekt vom Kultusministerium und der EnBW.

Mit 50 Instrumentalisten stellten die Talente vom deutschen Südweststaat wieder die meisten Mitglieder, 27 junge Musiker reisten aus dem spanischen Katalonien an, 20 Personen stark war die russische Delegation. Einzelne Musiker kamen noch aus Kanagawa (Japan), Lodz (Polen), Flandern (Belgien), Kroatien, Rhones-Alpes (Frankreich), Wales und Ontario (Kanada). 

Summa summarum 115 begabte und fleißige Tonkünstler fanden sich erneut Mitte August in der „Landesakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg“ im oberschwäbischen Ochsenhausen zusammen, um an zehn Tagen unter der Leitung von Hermann Bäumer (Osnabrück) neben der so populären wie besetzunngstechnisch groß dimensionierten Alpensinfonie von Richard Strauss noch Werke des Italieners Gioacchino Rossini und des Schweizers Daniel Schnyder einzustudieren und aufzuführen. Gewitztes Generalthema: „Alpenglühen“.

Den schmissigen Reitermarsch aus Rossinis Ouvertüre zur Oper „Wilhelm Tell“ kennt jeder, nicht aber die subtilen Cello-Kantilenen zu Beginn des Stücks. Mit Bravour meisterte das IRO diese breite Ausdrucksskala. „Diese Komposition von Rossini“, so kommentiert der aus der Bodenseeregion kommende Posaunist Sebastian Harras (22), „ist ein sehr bekanntes Werk unter den Posaunisten, da das Sturmthema mit den aufgehenden Chromatikläufen einige Wochen an Vorbereitung benötigt und im Fortissimo durchgeblasen werden muss.“

Als brillanter Solist des 2004 entstandenen Konzerts für Alphorn und Orchester des mittlerweile in New York wohnenden Eidgenossen Daniel Schnyder fungierte Arkady Shilkloper. Schon vor drei Jahrzehnten spielte der zungenfertige und lippenstarke Russe Waldhorn im Orchester vom Moskauer Bolshoi Theater. Längst hat sich Shilkloper auch in der internationalen Jazzszene durchgesetzt. Bei den fulminanten Konzerten in Weingarten, Ehingen, Ochsenhausen und Oberstdorf wurde von ihm jeweils eine Zugabe erklatscht. In der bayerischen Marktgemeinde und Skimetropole schnitten Hörfunk und Fernsehen die imposante Darbietung mit.

Das Alphorn ist in der Jazzszene eigentlich kein Exotikum mehr. Aber bei Arkady Shilkloper verkommt diese alpenländische Holzblasröhre nicht zum Ku(h)risum mit Heidi-Idylle. Die Naturtonreihe ist vorgegeben – und klingt zwangsläufig besonders in der höheren Lage ziemlich falsch. Doch Shilkloper bemüht sich redlich und erfolgreich, der „wohltemperierten“ Stimmung nahe zu kommen. Dann setzt er noch, wie einst Albert Mangelsdorff, durch zusätzliches Hineinsingen erzeugte Interferenztöne ein und verblüfft mit Zirkularatmung. Ununterbrochen einen zwei Stunden langen Ton zu fabrizieren, bereite ihm keine Mühe, erklärt Shilkloper verschmitzt. Er werde bedrängt, einen neuen Guiness-Weltrekord aufzustellen…

In einer Solokadenz hatte der ausgebildete Waldhornist die Möglichkeit, seine Improvisationsfähigkeit und seine instrumentaltechnische Klasse zu demonstrieren. Jazzsaxofonist Schnyder ließ den Orchesterapparat zuweilen rhythmisch markant wie Bernsteins „West Side Story“ ertönen, brachte europäisch Liedhaftes und Bluesiges sowie breit Swingendes ein – und verschmähte nicht, wie auch Richard Strauss, den originalen Kuhglockenklang.

„Die Alpensinfonie ist eines der anspruchvollsten und für mich schönsten Werke überhaupt“, erklärt Sebastian Harras und fügt hinzu: “Strauß bringt eine unglaubliche Klangwelt zum Ausdruck. Er war ein Meister der Instrumentation, und gerade als Posaunist bin ich froh, in diesem sinfonischen Werk eine wichtige Rolle übernommen zu haben. Es gab einige Momente, in denen ich eine Gänsehaut bekommen habe, gerade am Schluss nach dem Sturm, wo das Horn mit dem Sonnenthema noch einmal zu Wort kommt und von der Trompete abgelöst wird. Einfach unbeschreiblich.“

Dann trat jeweils die Orgel und somit Kai Dolde zunächst völlig solistisch in Aktion: Der 19-Jährige zog etliche Register, griff in die Tasten und betätigte die Basspedale. Immer wieder eine Meisterleistung. 

Ganz begeistert äußerte sich der Backnanger darüber: „Die Orgel hat ein wunderschönes Solo gegen Ende des Stückes, wo sie majestätisch, aber mit weichem und vollen Sound, den „Ausklang“ einleitet – eine meiner Lieblingsstellen. Die Alpensinfonie zu spielen, ist jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis!“

Enthusiastisch fällt das Resümee des Ludwigsburger Fagottisten Johannes Himmler (Jahrgang 1991) aus: „Das IRO beweist: Musik ist die einzige Sprache, die jeder versteht. Die besondere Kombination aus dem Austausch mit anderen Kulturen und das Musizieren auf höchstem Niveau macht das IRO zu einem Highlight für jeden Mitwirkenden.“ Der kesse „IRO“ war bereits Ende Mai mit von der Partie, als eine kleinere Formation des Klangkörpers in Moskaus „Novaya Opera“ musizierte.

Und der kulturell beflissene Busfahrer meinte nach der Performance in Ehingen (bei Ulm), er habe schon die Spitzenorchester in Dresden und Leipzig gehört, ihm gefalle das IRO aber viel besser – da sei wirkliche Dynamik drin.

IRO mit Arkady Shilkloper

IRO, im Vordergrund Kai Dolde

Sebastian Harras, IRO

Hermann Bäumer dirigiert das IRO