Duo Brötzmann / Vandermark und Vandermarks „Frame Quartet“ beim UpArt-Jubiläumskonzert in Mainz, 5. September 2009

Don Cherry hatte ihn einst „Machine Gun“ genannt. Dies hatte dem Saxophonisten Peter Brötzmann offensichtlich so sehr geschmeichelt, dass er so eine seiner wichtigsten Einspielungen nannte. Dennoch ist es immer wieder faszinierend, welch sanfte Läufe der Berserker an Saxophonen und Klarinetten sowie dem aus Ungarn stammenden Tarogato entlocken kann. Beim Duo-Konzert mit dem amerikanischen Kollegen Ken Vandermark zur 20-Jahr-Feier von „UpArt“ setzt Brötzmann die Hymnik afrikanischer Beschwörungsformeln gegen eine sonore, fast sakral wirkende Grundlinie, die Vandermark auf dem Tenorsaxophon anstimmt. Zuvor hatte der eine Generation jüngere Amerikaner mit rhythmischen Ostinati knallender Schnalzlaute auf seinem Instrument die langgezogenen Läufe Brötzmanns strukturiert. Beide Bläser steigern sich im Verlauf des Stückes in Intensität und Lautstärke zu einem Crescendo, ähnlich jenem, mit dem die Duo-Partner zum Beginn des Konzertes voll eingestiegen sind. 

Die energetischen und expressiven Stakkatoläufe Vandermarks und Brötzmanns gleichen einem „Saxophon-Battle“ nach dem Motto lauter, kraftvoller, aufschreiender. Immer wieder schrauben sie sich auf den Klarinetten in überspitzt und überblasen in schwindelerregende Höhen, bis sich die Töne fast schmerzhaft wie Tinnitus in den Gehörgängen festsetzen. Dazwischen gibt es nahezu lyrische Passagen, in denen Brötzmann auf dem, der Klarinette ähnelnden Tarogato die „Melodie“-Linien Vandermarks umspielt, bevor die beiden Klarinettisten ihre Läufe verweben, Brötzmann eine kantable Linie bläst und Vandermark in Zirkularatmung einen schier nicht enden wollenden Lauf mit reichlich Vibrato ausklingen lässt. Extreme Dynamikspünge kennzeichnen die Duo-Improvisationen, Uni-Sono und Mehrstimmigkeit die Interaktionen. Jene unauffälligen Rückbesinnungen auf die Tradition strafen Kritiker Lügen, die Brötzmann zu stark im europäischen Free-Jazz der sechziger Jahre hängengeblieben sehen und Ken Vandermarks diesjährige Einspielung „c.o.d.e.“ als Tribut an die Free-Jazz-Pioniere Ornette Coleman und Eric Dolphy belegt, dass auch der Jüngere das freie und ungebundene Spiel in eine zeitgemäße Form transformiert hat.

Dies gilt um so mehr für die Musik von Vandermarks „Frame-Quartet“, mit dem er im zweiten Teil des Jubiläumskonzertes (Balkan-?)-Folkore, freien Jazz, elektronische Experimente und E-Avantgarde auf einzigartige Weise verschmelzen lässt. Es beginnt mit reinen Electronics, die Percussionist Tim Daisy mit zunächst swingendem Spiel unterlegt. Vandermark greift mit dem Tenorsaxophon das Thema auf, zerfasert es, während der Daisy vom Beat zum „Pulse“ wechselt. Cellist Fred Lonberg-Holm liefert sich mit dem Bassisten Nate McBride auf dem Bass rasende gestrichene wie gezupfte Wettläufe. Ein anderes Mal leitet die String-Section kammermusikalisch Vandermarks Klarinettensolo ein. Plötzlich überraschen ein Dutzend Gongschläge die Zuhörer, bevor das Cello neutönerisch gestrichen wird. Die Klarinette schreit auf, schraubt sich in überblasene High-Notes oder schnattert in den Mittellagen. Die Musik des Quartetts entzieht sich jegliche Einordnung, ist in seinen Grenzüberschreitungen sowie der künstlerischen Aussage einzig, scheint intellektuell zu sei und nimmt dennoch emotional mit.

Vor dem Konzert blicken die Vorsitzende Marli Weißenberger und UpArt-Fan Reimund Dillmann auf die 20 Jahre des Vereins für zeitgenössische Kultur zurück. Die Liste der Künstler gleicht einem „Who is who“ des modernen Jazz. Dillmann bescheinigt der Vereinsmitgliedern von UpArt „offene Ohren, Kompetenz sowie konstruktive Streitkultur“ zum Nutzen der Jazz-Freunde.