Anne Czichowsky überzeugte mit turbulentem Jazz in Halls Hospitalkirche


Alle Photos auf dieser Seite: Hans Kumpf 

2011 wurde der begehrte baden-württembergische Landesjazzpreis an Anne Czichowsky vergeben. Jetzt begeisterte die leidenschaftlich improvisierende Sängerin mit ihrem hervorragend eingespielten Quintett das Publikum in der Hospitalkirche.

Schon 1999 überraschte die damals 18jährige Anne Czichwosky beim Wettbewerb „Jugend jazzt“ bei dem Joe-Zawinul Hit „Mercy, Mercy, Mercy“ durch ihr expressives Singen. In der KGT-Jazzband vom Klettgau-Gymnasium Waldshut-Tiengen zupfte sie eigentlich Gitarre. Mit dabei der Trompeter Wenzel Mutzke – dessen Bruder Max vertrat Deutschland relativ erfolgreich 2004 beim „Eurovision Song Contest“ in Istanbul. Als Teenager hatte Maximilian Nepomuk Mutzke noch in der Combo von der ebenfalls im Jahre 1981 geborenen Anne Czichowsky getrommelt.

Im letzten Jahr erhielt Anne Czichowsky als erste Sängerin überhaupt den mit 15 000 Euro dotierten Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg zuerkannt. Nach lieb gewordener Tradition lädt Dietmar Winter die derart Geehrten zu einem Konzert in die Haller Hospitalkirche ein. Im nächsten Frühjahr wird man dann bei der vom örtlichen Jazzclub und vom städtischen Kulturbüro gemeinsam veranstalteten Reihe „Jazztime“ die soeben gekürte Pianistin Gee Hye Lee (34), eine seit eineinhalb Jahrzehnten in Stuttgart lebende Südkoreanerin, hören dürfen.  

Derzeit tummeln sich in der internationalen Musikszene kommerziell höchst erfolgreich etliche Damen, die als Jazz-Sängerinnen bezeichnet werden, denen allerdings die Gabe von wirklich spontaner und kreativer Improvisation nicht beschert ist. Darin bleibt eben die legendäre Ella Fitzgerald (1917-1996) geradezu einzigartig. Mit ihren wortsinnfreien Scats improvisierte sie einst so unmittelbar wie die Instrumentalisten. Dies vermag Anne Czichowsky ebenfalls bestens. Eben nicht nur das Thema des Liedes vortragen, die Männer einige Chorusse solieren lassen und zum Schluss nochmals die Hauptmelodie singen. Das unmittelbare Improvisieren bedeutet für die Badenerin eine künstlerische Notwendigkeit – und das ist gut so.

Zudem hat Anne Czichowsky Freude an „Vocalese“, wenn zu ursprünglichen Instrumentalmelodien, die auch rein improvisierter Natur gewesen sein können, passgenau Wörter, Sätze und Geschichtchen erfunden werden. Der 1921 geborene und immer noch aktive Jon Hendricks gilt in dieser Disziplin als Innovator. So interpretierte die agile Mezzosopranistin in Schwäbisch Hall als Lied mit vielen Worten dessen Bearbeitung der Duke-Ellington-Komposition „In A Mellow Tone“. Selbst mit semantischen Inhalten gefüllt hat Anne Czichowsky beispielsweise ein Stück des Miles-Davis-Altsaxophonisten Kenny Garrett, nämlich „Sing A Song Of Song“. In ihrer Vocalese-Dichtung macht sie sich darauf einen musiktherapeuthischen Reim: „Music is guiding us all the way / Healing our minds and souls every day / Following our dreams every night / Keeping us up till the first morning light.”

Wenn Anne Czichowsky Balladen vorträgt, verkommt dies nicht zum Nightclub-Kitsch. In ihrem Element ist die Vokalistin, die inzwischen an der Hochschule in Saarbrücken Jazzgesang doziert, bei fulminanten lateinamerikanischen Titeln und bei rasanten Bebop-Nummern. In gleicher heißer Intensität mischen ihre Quintett-Kollegen mit, die neben den zahlreichen solistischen Beiträgen nie den Sinn für enge Interaktion verlieren. Mit seiner elektrischen Korpus-Gitarre entwickelt der seit langer Zeit im Schwabenländle heimische Italiener Lorenzo Petrocca „horn lines“ in der Nachfolge des vorbildlichen Saitenmeisters Charlie Christian als auch Akkordisches. Überaus melodisch gestaltet Axel Kühn seine Einwürfe am Kontrabass, mit komplexen Rhythmen grundiert Drummer Matthias Danneck das Ganze.

Galant als auch zupackend in den Steinway-Flügel-Tasten griff Thilo Wagner, der auf dem gleichen Podium mit Bill Ramsey als Blues-Shouter am 28. März das 6. JazzArtFestival eröffnen wird. Und wenn alles klappt, wird der vielseitig engagierte Pianist zwölf Monate später, also 2013, den dann 87-jährigen Saxophonisten und Flötisten Emil Mangelsdorff begleiten – im obligatorischen Oldie-Top-Ereignis des dann siebten Festivals in Schwäbisch Hall.

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