Claus Boesser-Ferrari und Elliott Sharp: Boris Lurie und „Immigrant’s NO Suitcase“

Mit ‚Immigrant’s NO Suitcase‘ haben Claus Boesser-Ferrari und Elliott Sharp ein gemeinsames Projekt vorgelegt, das sich auf Arbeiten des Künstlers Boris Lurie bezieht. Ausgangspunkt war ein Film über Boris Lurie von Rudij Bergmann. Am 10. Oktober wird das Projekt im Rahmen von Enjoy Jazz im Karlstorkino Heidelberg präsentiert. Im Gespräch erläutert Boesser-Ferrari, wie aus der Beschäftigung mit Luries Werk die gemeinsame Musik mit Sharp entstand.

Boris Lurie (1924–2008) wurde in Leningrad geboren und wuchs in Riga auf. Nach der deutschen Besetzung Lettlands wurde er 1941 im Alter von 16 Jahren gemeinsam mit seinem Vater inhaftiert. Beide überlebten das Rigaer Ghetto sowie mehrere Arbeits- und Konzentrationslager, darunter Stutthof und das KZ-Außenlager Magdeburg-Polte des KZ Buchenwald. Luries Mutter, seine Schwester, seine Großmutter und seine damalige Freundin wurden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Nach der Befreiung emigrierte Lurie 1946 mit seinem Vater in die USA und ließ sich in New York nieder, wo er seine Arbeit als Künstler begann. Er starb 2008 in New York.

Claus Boesser-Ferrari / Elliott Sharp - Immigrant's NO Suitcase - Cover

Die Erfahrung von Verfolgung, Konzentrationslager und Verlust blieb ein zentraler Bezugspunkt seines Werks. Schon unmittelbar nach dem Krieg entstanden Zeichnungen und Bilder, in denen Lurie Erlebnisse aus Ghettos und Lagern verarbeitete. 1959 gründete er gemeinsam mit Sam Goodman und Stanley Fisher die NO!art-Bewegung. Sie richtete sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung der Kunst ebenso wie gegen Krieg, Rassismus, atomare Aufrüstung, Konsumkultur und gesellschaftliche Verdrängung. Luries Kunst verweigert sich bewusst einer gefälligen Ästhetik. In seinen Collagen treffen dokumentarische Bilder aus Konzentrationslagern auf Pin-ups, Werbung, Schriftzeichen und Symbole. Sexualität, Gewalt, Erinnerung und Konsum werden dabei auf eine Weise nebeneinandergestellt, die Irritation nicht vermeidet, sondern ausdrücklich sucht.

Ein besonders persönliches Werk entstand 1963 mit „Immigrant’s NO Suitcase (Anti-Pop)“. Lurie verwendete dafür den Koffer, den er 1946 bei seiner Emigration in die USA mitgeführt hatte, und verwandelte ihn mit Malerei, Stoff, Fotografien und Collagen in ein Kunstobjekt. Bilder von KZ-Opfern stehen darin neben einem Glamour-Model und Davidsternen. Der Gegenstand der Emigration wird so zugleich zum Erinnerungsträger und zur Anklage. Dieses Werk gibt dem gemeinsamen Projekt von Claus Boesser-Ferrari und Elliott Sharp seinen Namen.

Die Musik entstand aus der Beschäftigung mit Luries Bildern. Claus Boesser-Ferrari und Elliott Sharp entwickelten daraus eine weitgehend akustische, kammermusikalische Klangsprache, die sich nicht als Illustration der Kunst versteht. Die Stücke bewegen sich zwischen melodischen Passagen und abstrakten Klangformen.

Claus Boesser-Ferrari - Photo: Frank Schindelbeck Fotografie

Claus Boesser-Ferrari im Gespräch

Frank Schindelbeck: Lass uns über ‚Immigrant’s NO Suitcase‘ sprechen, das gemeinsame Projekt mit Elliott Sharp. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

Claus Boesser-Ferrari: Ich war in der Alten Feuerwache Mannheim und habe ein Konzert mit Erwin Ditzner und Elliott gesehen. Und dann kommt Rainer Kern [Leiter des Enjoy Jazz Festivals] und sagt: „Ich muss dir jetzt unbedingt jemanden vorstellen.“ Dann sind wir hin und ich habe mit Elliott gesprochen.

Ich habe ihm von diesem Projekt erzählt. Die Initialzündung dazu kam durch Rudij Bergmann, der den Film „The Art and Life of Boris Lurie“ gedreht hat. Das war für mich der Anstoß, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Rudij Bergmann ist viele Male nach New York geflogen, hat Boris Lurie besucht und interviewt, war mit ihm im Atelier. Er hat Vertreter der Boris Lurie Foundation, Mäzene und andere Menschen aus diesem Umfeld getroffen. Insofern war New York schon einmal ein guter Ausgangspunkt für das Thema Boris Lurie.

Frank Schindelbeck: Was hat dich an dem Film so fasziniert? Da ging es ja zunächst nur um den Film, die Dokumentation und nicht um irgendein musikalisches Thema.

Claus Boesser-Ferrari: Ja, es ging erst einmal nur um den Film. Was mich an Boris Lurie als Künstler interessiert hat, ist, dass er für mich so wahrhaftig ist. Diese Kunst ist ja alles andere als „kulinarisch“.

Er hat seine Zeit als junger Mann im KZ und auch den Verlust vieler Verwandter auf eine Art und Weise reflektiert, die mich sehr angesprochen hat. Also nicht einfach schreckliche Bilder. Da ist ein Bruch drin. Er hat zum Beispiel auch diesen Aspekt der Pornografie aufgegriffen. Er hat gesagt, in diesem KZ-Hintergrund sei auch etwas Pornografisches: diese nackten Frauen, die dann erschossen werden. Also genau das, wo es ganz schmutzig wird und wo man nicht gerne drüber redet. Das hat er in seinen Collagen und Gemälden aufgegriffen.

Mich hat auch ein Interview mit ihm sehr überzeugt. Da sagt er beispielsweise, wenn er ehrlich sei, gefielen ihm die Impressionisten eigentlich besser. Er hätte auch gerne impressionistisch gemalt, aber das gehe nicht. Das hat mich sehr überzeugt. Wenn er sagt: „Ich kann nicht anders. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt nette Bilder male.“

Das ist ähnlich wie bei Marc Ribot, der mir in New York mal gesagt hat: „Ich kann diesem beschissenen Planeten jetzt nicht auch noch schöne Musik machen.“ Also schon schön und meinetwegen auch kitschig, aber immer mit Misstrauen gegenüber der Idylle. Und das würde ich auch als meinen Ansatz begreifen.

Das hat mich an Boris Lurie interessiert. Dass er das so glaubhaft vermittelt und sagt: „Ich kann keine schönen Bilder machen. Das geht mit meiner Biographie nicht.“

Frank Schindelbeck: Wie kommt es dann zum nächsten Schritt? Du siehst diesen Film und bist beeindruckt. Aber dann musst du das ja noch zur Musik übertragen. Passiert dieser Prozess bei dir automatisch oder nur, wenn dich ein Thema ganz besonders trifft?

Claus Boesser-Ferrari: Nur dann. Ich muss da schon wirklich angestoßen sein. Es gibt ja unglaublich viele Dinge, mit denen du in Kontakt kommst. Aber da muss mir etwas zufliegen. Und ich muss mich eine Weile daran reiben. Dann denke ich irgendwann: Okay, jetzt muss ich das in irgendeiner Form bearbeiten.

Rudij habe ich dann kennengelernt. Ich kannte seine Filme schon vorher. Der hat wirklich tolle Kunstfilme gemacht. Er hat zum Beispiel ein gigantisches Ding über Leonardo da Vinci gemacht, mit einem Ansatz, den ich so noch nie irgendwo gesehen hatte. Ich habe seine Sendungen auf Arte immer gerne gesehen und mich darauf gefreut, weil ich das total spannend fand.

Dann haben wir den Lurie-Film zusammen angeschaut und ich habe gesagt: „Rudij, der Film hätte einen anderen Soundtrack verdient.“ Ich habe dabei gar nicht gleich an mich gedacht. Aber ich dachte, dass bei Filmen beim Soundtrack vielleicht auch gespart wird oder dass er einfach nicht so im Fokus steht.

Frank Schindelbeck: Weil ein Regisseur natürlich vor allem das Bild im Kopf hat. Und vielleicht will er auch gar keinen so starken Soundtrack?

Claus Boesser-Ferrari: Ja, natürlich. Zumindest im Theater erlebe ich das oft so, dass Regisseure Angst vor der Musik haben, wenn sie zu stark wird.

In diesem Fall habe ich gesagt: Lass uns doch mal einen Versuch machen. Wir nehmen bei diesem Lurie-Film den Ton weg – natürlich nicht die Interviews und die Sprache – und ich mache live einen Soundtrack dazu. Einfach mal gucken, wie dir das gefällt. Das haben wir dann im Ella & Louis gemacht. Ich fand es toll, dass Thomas Siffling [Trompeter und Leiter des Ella & Louis] sich darauf eingelassen hat, weil das Programm natürlich völlig aus dem normalen Programm seines Jazzclubs heraussticht. Und danach hat Rudij gesagt: „Ich habe den Film heute Abend zum ersten Mal richtig gesehen.“ Also mit diesem Soundtrack.

Dann kam eben Elliott ins Spiel. Ich habe ihm hier in Mannheim von diesem Film erzählt, bin ans Auto gegangen, habe den Film geholt und ihm mitgegeben. Elliott sagte mir dann, dass seine Mutter Holocaust-Überlebende ist. Das war also schon ein Thema, das auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat. Und da war er sofort angestochen, das zu machen. Er sagte: „Komm doch in mein Studio, dann nehmen wir das auf.“ Ich war ja sowieso schon mehrmals in New York und hatte dort gespielt.

Vor Ort haben wir bei ihm erst einmal gejammt. Das ist ja immer der Versuch: Geht das? Versteht man sich wortlos? Und das war gut. Dann bin ich wieder hingefahren und wir haben drei Tage aufgenommen.

Frank Schindelbeck: Hattet ihr für die einzelnen Stücke konkrete Strukturen im Kopf, oder ist vieles erst gemeinsam im Studio entstanden?

Claus Boesser-Ferrari: Wir haben die Bilder gesehen und ohne darüber zu sprechen einfach gespielt.

Frank Schindelbeck: Und ihr habt euch dabei gegen das eigentlich Naheliegende entschieden…

Claus Boesser-Ferrari: Genau. Gerade weil es so naheliegend gewesen wäre, mit Pedalen und Effekten zu arbeiten, haben wir entschieden, das genau nicht zu machen, sondern weitgehend akustisch zu spielen.

Ich habe an manchen Stellen ein leichtes Delay, aber ansonsten ist das akustisch eingespielt. Und das finde ich auch genau richtig. Das andere wäre einfach zu trivial gewesen: irgendeine fürchterlich laute Musik dazu zu machen.

Wir wollten eher etwas Leises, Kammermusikalisches. Das ist teilweise melodisch, teilweise aber auch wirklich abstrakt. Ich würde sagen, es sind so etwas wie Skulpturen.

Frank Schindelbeck: Funktionieren die Stücke für dich auch unabhängig vom Film und von den Bildern – also als eigenständige Musik?

Claus Boesser-Ferrari: Ja, weil die Musikstücke auch so etwas wie verklanglichte Gemälde sind, funktionieren sie auch ohne Luries Bilder. Die Stücke beziehen sich auf zwölf seiner Bilder und Collagen – deshalb sind auch die Titel an diese Arbeiten angelehnt.

Frank Schindelbeck: Und dann kam die Frage, wie man das Ganze live umsetzt.

Claus Boesser-Ferrari: Der nächste Schritt war Enjoy Jazz. Ich habe mit Rainer gesprochen, ihn hat das interessiert und er hat gesagt: „Klar, machen wir.“ Wir präsentieren das Projekt im Karlstorkino in Heidelberg: große Leinwand, Bühne, gutes Soundsystem. Das ist für so ein Projekt natürlich ein sehr guter Platz. Und Elliott ist wirklich hoch motiviert und sehr interessiert an unserem Projekt. Er sagt selbst, dass das auch etwas mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat. Und so werden wir am 10. Oktober dort den Film zeigen und ihn musikalisch begleiten.


Boesser-Ferrari / Sharp - Photo: Mia Ferrari

Claus Boesser-Ferrari, 1952 in Bellheim geboren, ist Gitarrist und Komponist. Nach ersten Jahren als Rockmusiker studierte er klassische Gitarre am Konservatorium in Speyer. Seit den frühen 1990er-Jahren arbeitet er international als Solist. Sein Umgang mit der akustischen Gitarre geht weit über traditionelle Spieltechniken hinaus: perkussive Elemente, Klangverfremdungen, Reduktion und Dekonstruktion gehören ebenso zu seiner musikalischen Sprache wie improvisatorische Ansätze. Neben Soloarbeiten entstanden zahlreiche Projekte an den Schnittstellen zu Theater, Film, Literatur und bildender Kunst. Zu seinen musikalischen Partnern zählen unter anderem Ralph Towner, Fred Frith, Marc Ribot, Marc Ducret, Eugene Chadbourne, Hans Reffert und Jutta Glaser.

Elliott Sharp, 1951 in Cleveland geboren, gehört seit Ende der 1970er-Jahre zu den prägenden Musikern der experimentellen New Yorker Szene. Der Gitarrist, Multiinstrumentalist und Komponist studierte unter anderem Komposition, Improvisation, Musikethnologie, Physik und Elektronik; zu seinen Lehrern gehörten Morton Feldman und Roswell Rudd. Nach seinem Umzug nach New York wurde er Teil jener Downtown-Szene, aus der Musiker wie John Zorn, Marc Ribot und zahlreiche weitere Grenzgänger zwischen improvisierter Musik, Jazz, Rock und neuer Musik hervorgingen. Sharps eigenes Werk reicht von freier Improvisation und experimenteller Gitarrenmusik über zeitgenössische Komposition bis zu Blues, Rock und elektronischer Musik. Wissenschaftliche Modelle und mathematische Strukturen spielen dabei immer wieder eine Rolle. Auch bei ihm besteht eine Verbindung zum Enjoy Jazz Festival – 2025 erschien ein Mitschnitt seines Auftritts mit Erwin Ditzner vom Enjoy Jazz Festival 2024.

„Immigrant’s NO Suitcase“ von Claus Boesser-Ferrari und Elliott Sharp erscheint bei fixcel records. Das Projekt wird am 10. Oktober 2026 im Karlstorkino Heidelberg im Rahmen von Enjoy Jazz präsentiert. Der Regisseur Rudij Bergmann wird ebenfalls vor Ort sein.
Hinweis: Der Autor betreibt fixcel records.

| CD Release bei Enjoy Jazz am 10.10.2026
| Claus Boesser-Ferrari
| Elliott Sharp
| Boris Lurie Art Foundation

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© 1997 – today | ISSN 2751-4099

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