9. Jazz-Art-Festival in Schwäbisch Hall

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Text und Photos: Hans Kumpf 

Perkussionisten mit Überraschungsmomenten

Fünf Tage, neun Konzerte, drei Veranstaltungsorte und 1900 Besucher – so lautet das statistische Resümee des 9. Jazz-Art-Festivals in Schwäbisch Hall, organisiert von städtischem Kulturbüro, örtlichem Jazzclub, Konzertkreis Triangel und vom ansässigen Goethe-Institut. Als Überraschung des Veranstaltungsreigens in der Metropole der bundesweit berühmten Bausparkasse, der theatralischen Treppe und der historischen Salzsieder dürfen getrost etliche Perkussionisten genannt werden.

Trilok Gurtu - Photo: Kumpf

Es begann mit Trilok Gurtu, der im Quartett des Saxophonisten Jan Garbarek auf seinen beiden Tabla-Trommeln nicht nur Indisches ertönen ließ, sondern auch rockmäßig derb zuschlagen vermochte. Zudem bestätigte sich der nun weißhaarige Gurtu als faszinierender Vokalist. Die Musik des ansonsten als tristen Tröter verspotteten Norwegers wurde so ordentlich aufgemischt. Keyboarder Rainer Brüninghaus und der aus Brasilien stammende Yuri Daniel mit seiner bundlosen fünfsaitigen Bassgitarre sorgten für weitere ungewöhnliche Momente.

Godard, Coskun - Photo: Kumpf

Filigranrhythmische und klangmalerische Individualisten waren auch Bodek Janke, Murat Coşkun und Patrice Heral, während der bei den „Fantastischen Vier“ bewährte Florian Dauner, vereint mit seinem Piano-Papa Wolfgang (79), sich als harter Drummer erwies. Relativ behutsam gingen in der Hospitalkirche zwei jüngere Damen am Flügel vor: Julia Kadel und Johanna Borchert. Der Ulmer Trompeter Joo Kraus entfachte mit dem kubanischen Pianisten Omar Sosa ein wahres Feuerwerk nicht nur karibischer Musik.

Auf vier Festival-Events soll jetzt näher eingegangen werden.

Der Türke Murat Coşkun hat sich auf Rahmentrommeln, die durch ihren besonderen Obertonreichtum auffallen, spezialisiert. Keine bloßen Rhythmen, sondern auch abgerundete Klänge bis zu reibenden und schabenden Sounds. Auch er traktiert das in der Schweiz erfundene und gebaute Schlaginstrument Hang, welches eine komprimierte Form einer Trinidad-Steeldrum darstellt.

Michel Godards Primärinstrument ist die (grüne) Tuba – imposant, wie er aus einer „Gravity“ enorme Leichtigkeit zaubert. Da widmet er ein absolutes Solo-Stück den australischen Aborigines und imitiert deren Didgeridoo – inklusive Hineinsingen und Zirkularatmung.  Exotisch kommt da sein mittelalterliches Serpent daher – sozusagen eine geschlängelte Blockflöte mit Trompetenmundstück. Auch hier setzt der Virtuose gewandt Jazzphrasierung ein. Und dann greift der in Paris wohnhafte Godard zur Bassgitarre, die er mit elektronischen Tricks per „Loops“ quasi selbstständig ertönen lassen kann und so mit repetierenden Riffs eine harmonisch-metrische Grundlage für Aktionen auf dem Serpent zu schaffen vermag. Im Duo erfolgte eine konzentrierte Kommunikation und ein intensive Interaktion – bei unbändiger Musizierfreude.

Mit Triosence-Protagonist Bernhard Schüler reiste nach Hall der traute Kontrabassist Ingo Senst. Der reguläre Schlagwerker Stephan Emig hatte sich allerdings „unfit to play“ gemeldet. Für ihn kam Bodek Janke. Dieser ist bereits so routiniert, dass er sich schnell in die Konzeption und das Repertoire von Triosence einarbeiten und dann auch eigene Akzente setzen konnte.

Den späten Konzertabend begann Bernhard Schüler am Flügel klassisch elegant mit feinnervigem Wohlklang. Danach erwartungsgemäß erneut Südamerikanisches samt Reggae-Rhythmen. Gegen Schluss startete Janke auf dem nordafrikanischen „Mbira“-Daumenklavier, und Schüler leitete kontinental weiter zu südafrikanischer Kwela-Choralhaftigkeit.

Vielfach perkussionistisch ging auch Kontrabassist Ingo Senst vor: Der Korpus wurde zum Schlaginstrument umfunktioniert, außerdem kam schepperndes Kleinzeug zum Einsatz. Aber dann strich Senst mit dem Bogen beruhigend über die Saiten und markierte mit repetierenden Flageoletttönen eine modalharmonische Konstante. Schließlich schlug er noch mit einem Holzstab auf die Saiten – Bob Haggart und „The Big Noise from Winnetka“ ließen grüßen.

June Tabor - Photo: Kumpf

Auch in diesem Jahr hielt das Jazz-Art-Festival wieder eine kurzweilige Sonntagsmatinee in der kooperierenden Kunsthalle Würth ab. Zwei ambitionierte Franzosen schufen erwartungsgemäß hochartifizielle Perkussionsmusik: Vibraphonist Franck Tortiller mit vier Schlägeln mehr melodisch-harmonierend, „Hand-Trommler“ Patrice Heral vor allem rhythmisch und als furioser Vokalist, der von der Techno-Beatbox über Scat bis zum Obergesang so alles drauf hat.

Der in Montpellier lebende Patrice Heral kooperierte immer wieder gerne mit baden-württembergischen Jazzkollegen – meist jedoch optisch im Hintergrund. Jetzt aber geriet er als Front-Mann zur Überraschung des Festivals. Ein wuseliger und gewitzter  Perkussionist, der mittels diversen Kleinkrams selbst auf der Snare-Drum interessante Sachen vollbringt. Ein struktureller Kontrast zum nachhal(l)tigen Wohlklang des Vibraphons.

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Der langjährige leitende Jazz-Redakteur beim Hessischen Rundfunk, Uli Olshausen (81), ist nach wie vor schreibend für die FAZ tätig, und dort kürte der Experte den neuesten Silberling von June Tabor zur „CD der Woche“. Da sei, so heißt es schon in der Überschrift, „Intellektualität gepaart mit Unternehmungslust“, und die von Manfred Eicher für sein ECM-Label produzierte „Quercus“ benannte Scheibe der gleichnamigen Formation überzeuge mit „mündiger Folklore“.

In Halls Hospitalkirche begann die Vokalistin ihren Auftritt mit einem einleitenden Solo-Beitrag. Die Lady vom Jahrgang 1947 verfügt über eine angenehme Altstimme, die sie zunächst im vibratolosen archaischen Duktus ertönen lässt – geradezu geheimnisvoll, mitunter mystisch, ein introvertierte Dramatik.

Ballamy - Photo: Kumpf

Der Improvisation sei sie nicht mächtig, gesteht June Tabor freimütig ein, und dafür sind auch zwei veritable und virtuose Jazzmusiker der Insel zuständig. Pianist Huw Warren hat Genregrenzen überwindend seinen romantischen Keith Jarrett drauf, und auch Iain Ballamy auf dem Tenorsaxophon passt sich der meditativen Stimmung in den getragenen Tempi hervorragend an. Beide beleben das Konzert immer wieder mit frischen Improvisationen. Und im instrumentalen Duo-Format dürfen die Jazzer auch mal aufs Tempo drücken.

Aber auch June Tabor vermag mit jazzig swingendem Timbre aufzuwarten. Da klingt es zuweilen gar brasilianisch, ein Stück erinnert mit den Halbtonherabstufungen an Duke Ellingtons „Sophisticated Lady“, ein anderes im harmonischen Ablauf an Ralph McTells Hit „Streets of London“.

Nachdenklich und kultiviert verbleibt die Stimmungslage, süßliche Sounds als auch schicksalsschwangere Lieder. Diese ohne starres Metrum und stattdessen mit beabsichtigten agogischen Schwankungen.

Vormerken darf man sich jetzt schon das 10. Jazz-Art-Festival statt. Der „harte Kern“ findet von 16. bis 20. März 2016 statt, traditionell eingerahmt von vielen „Extras“.

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