26. Internationale Theaterhaus Jazztage Stuttgart


Alle Photos auf dieser Seite: Hans Kumpf 

Wenn ein Jazzfestival viele Besucher anlocken soll, dann gelingt dies kaum mit puristischem Jazz. Nach diesem Prinzip verfahren in Stuttgart nicht nur die sommerlichen “Jazzopen“, sondern auch über Ostern nun auch das Theaterhaus. 

Als Intro – wie 2004 – der elektronifizierte Trompeter Joo Kraus mit der bei diesem Projekt von Ralf Schmid angeleiteten SWR-Big-Band. Alte Welthits versehen mit Sprechgesang und viel Groove, nichts Aufregendes mehr. Ein reger Publikumszuspruch war auch bei dem Unternehmen „Soul Diamonds“ mit vier Vokalisten vorneweg (darunter Fola Dada) und renommierten Jazzinstrumentalisten aus dem süddeutschen Raum als auch beim stürmischen Finale unter dem Begriff „Band of Gypsies Spezial – Taraf de Haidouks + Kocani Orkestar“ zu verzeichnen.

Ein ausgesprochenes Motto hatte die Ausgabe der Theaterhaus Jazztage im Jahre 2012 nicht. Aber vielseitige und vielschichtige Genre-Überschreitungen kammermusikalischer Art waren immer wieder zu konstatieren. Beispielsweise in den Duos des österreichischen Akkordeonisten Martin Paier mit der kroatischen Cellistin Asja Valcic sowie des deutschen Pianisten Patrick Bebelaar mit dem französischen Tubisten Michel Godard oder mit der japanischen Pianistin Aki Takase und dem niederländischen Schlagwerker Han Bennink. 

Was wären Werner Schretzmeiers Internationale Theaterhaus Jazztage, wenn nicht der runde Geburtstag eines liebgewordenen Künstlers in aller konzertanten Öffentlichkeit gefeiert werden würde. Jetzt war der am 23. Mai 1947 in New York geborene Richard Alan Beirach an der Reihe. Der seit Beginn des Jahrtausends in Leipzig tätige Klavierprofessor erreicht mit 65 alsbald das Pensionsalter. Inzwischen hat sich das musikalische Schwergewicht körperlich stark verschlankt, geblieben sind jedoch seine wieselflinken Aktionen auf dem Flügel, die begeisterte Akribie und das immense Temperament.

Mit artistischer Brillanz schuf Richie Beirach adäquat eine hellwache Solo-Version von dem Thelonious-Monk-Klassiker „Round Midnight“, und sein langjähriger Freund Gregor Hübner machte bei Johann Sebastian Bachs „Siciliano“ aus der Flötensonate Es-Dur (BWV 1031) zunächst den Jazz-Paganini, um dann in eine neutönerische Kaputtspielphase überzugehen. Solide an der Trompete agierte der Schwede Anders Bergcranz. Vervollständigt wurde das harmonierende Quintett durch den Hübner-Bruder Veit am Kontrabass und den Stuttgarter Schlagzeuger Michael Kersting, der ja auch schon als Sideman von Chet Baker fungierte.

Danach der vitale Keyboarder Jasper van’t Hof in multinationaler Besetzung. Der fröhliche Holländer hatte in seiner multinationalen Gruppe den furios blasenden österreichischen Tenoristen Harry Sokal, den ordentlich mit „drive“ hart zuschlagenden Schweizer Drummer Freddy Studer und als Neuvorstellung den 1966 am Niederrhein geborenen Bassgitarristen Stefan Neldner, der auf seinem bundlosen Instrument – wie beim Kontrabass – die Töne elastisch-plastisch gestalten kann. Die ziemlich angerockte Musik geriet dann doch recht lautstark, was nicht jedem der Zuhörer behagte.

Betulicher ging es dagegen zur gleichen Zeit im kleineren Theaterhaus-Saal T3 zu. Da tat sich die Wiener Geigerin Annelie Gahl mit dem Trio um den Potsdamer Pianisten Nicolas Schulze, dem Stuttgarter Saxophonisten und Klarinettisten Ekkehard Rössle und Daniel Kartmann. Der Schlagzeuger erfuhr im Herbst 2010 ja ungewollte Publicity, als er bei einer Demonstration gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ durch einen polizeilichen Wasserwerfer schwerste Augenverletzungen davontrug. Auch diese Gruppierung verfuhr mehrgleisig: Einegefahrlose Kreuzung von (erweiterter) Klassik mit Jazz. Mal impressionistischer Wohlklang, mal brav aufgekratzte Moderne. Die von dem Posaunisten Christian Muthspiel als Ausgangsmaterial übernommene Komposition „Augenblicke für Violine solo“ reihte sich da problemlos ein.

Eine interessantere Kombination zwischen Tradition und Gegenwart ist da dem Rottweiler Magnus Mehl mit seinem Quartett gelungen. Bei seinem Stück „Autumnal in Stuttgart“ handelt es sich um eine behagliche Ballade, deren Thema der Saxophonist jedoch mittels präzise herausgearbeiteter Multi-Phonisch mehrstimmig erklingen lässt.

Das dreiteilige Konzert mit Musikern aus der Region hatte mit dem vom Fellbacher Perkussionisten Hans Fickelscher organisierten Projekt „OrchesterJazz@Large“ seinen voluminösen Anfang genommen. Auf der fast zu kleinen Bühne versammelten sich 23 Musiker aus der landeshauptstädtischen „Interessengemeinschaft Jazz“, ein doch sehr disziplinierter Haufen, unorthodox besetzt mit drei Kontrabässen (Karoline Höfler, Joel Locher, Helmut Siegle), drei Gitarren (Jo Ambros, Martin Wiedmann, Boris Kischkat) und drei Schlagwerkern (neben Fickelscher noch Uwe Kühner und Bodek Janke). Senior des jungen Klangapparats ist der – bei einer Ausstellung wieder als Grafiker hervorgetretene – Trompeter Herbert Joos (72), der als Uraufführung ein Stück namens „Holy Smokes“ beisteuerte. Nach anfänglich tiefem Grummeln skurril gewollte und im Gestus sich scharf voneinander abgrenzende Solo-Improvisationen, nervöse Bebop-Phrasen, schmalzige Cello-Kantilenen der gestrichenen Bässe, Fanfarenrufe der Gitarren und orchestrale Cluster-Ballungen. 

Nicht minder abwechslungsreich fertigten der nun in Kirchheim/Teck wohnende Saxophonist Jochen Feucht („Fluidum –Szenario 5“) und der aus dem südbadischen Laufen bürg stammende Trompeter Dominik Wagner („The Time Trieler Suite“) ihre eigens für den österlichen Theaterhaus-Jazz konzipierten Werke. Ein munteres Hin- und Her zwischen geradezu filmmusikalischer Dramatik und reizvollen Klangexperimenten, Gediegenheit und Aufruhr. Langweilig wurde es da keinesfalls bei diesem XXL-Klangkörper, der All-Star-Band der „IG Jazz“.

Im Saal T3 dominierten am Ostersonntag die 88 Tasten, auch im Doppelpack. Den finnischen Pianisten Liro Rantala hatte man im Theaterhaus ja schon wiederholt gehört. In seinem halbstündigen Solobeitrag bestätigte er, dass er musikalisch keine Grenzen kennt. Da changierte er bei meist klarer metrischer Grundlage zwischen minimalistischer Pattern-Musik und romantischem Rausch, zwischen Swing und Neuzeit. Dem rasenden Bebop-Hit „Donna Lee“ drückte Rantala eine multistilistische Note auf, um gleich danach – wie er selbst erklärte – eine balladeske Eigenkomposition in der Art von Michel Legrand zu präsentieren: Nicht Herbst, aber „A Spring in Stuttgart“ – äußerst lieblich und rührselig. 

Dann entfachte am zweiten Flügel Gwilym Simcock, mal wieder als „shootingstar“ der britischen Insel tituliert, ebenfalls sein von Klassik-Knowhow fundiertes instrumentaltechnisches Feuerwerk. Der 1981 in Wales geborene Virtuose musizierte zwar nicht besonders innovativ, aber interessant und schlüssig. Es folgte ein fulminantes Duo der beiden Klavierkünstler. Eine extravagante Exkursion durch Raum und Zeit, interaktiv und kommunikativ, mal Barock, mal „Birdland“. Bereits in der Probe am Nachmittag zeigten GwilymSincock und IiroRantala enormen Spaß und großes Einverständnis bei der gemeinsamen Sache.

Kooperativ im Hintergrund verblieb Simcock schlussendlich in seinem Trio „Lighthouse“, das ganz global agierte. Dafür sorgte vor allem der Perkussionist Asaf Sirkis, ein 1969 in Israel auf die Welt gekommener Jeminite. Der ließ mit Feingefühl auf dem in der Schweiz erfundenen handlichen „Hang“ quasi karibische Steel-Drums erklingen. Tim Garland sorgte auf dem Tenorsaxophon und auf der Bassklarinette währenddessen für mehr Jazz-Touch.

Mit Gustav Mahler stieß Uri Caine einst auf unüberhörbare Resonanz, der amerikanische Pianist verharrt jedoch nicht in der Spätromantik. Kreuz- und quer bewegt er sich durch die Musikgeschichte. Sein Uraufführungsopus „String Theories“ für das New Yorker Sirius-Quartet und sich selbst am Klavier orientierte sich zunächst an der Moderne zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Bei Gregor Hübners „The Harlem Hights String Quartet Nr. 1 op 35 für Streichquartett und Bass“ klang etwas Paul Hindemith durch, aber der aus Fronreute stammende und mittlerweile in NYC wohnende Komponist, der hier 2. Geige spielte, und der aus Malaysia stammende Violinist Fung Achern Zwei konnten in solistischen Einsprengseln durchaus swingen. 

Eine eigenwillige Stimmung – dunkel war’s, die Elektronik schwebte – entfachte der Schweizer Keyboarder Nik Bärtsch mit seinem Quintett „Ronin“. Ohne Steckdose kam das wieder auferstandene und quicklebendige „Zentralquartett“ aus. Die renitente Rentnerband aus der verblichenen DDR feiert im kommenden Jahr mit einer würdigen Abschiedstournee ihren 40. Geburtstag. Mit dabei sind (wieder) Saxophonist Luten Petrowsky, Posaunist Conny Bauer, Pianist Uli Gumpert und Schlagwerker Günter „Baby“ Sommer. Historismus verband sich im Theaterhaus mit aktuellen Spontaneitäten.

Eine Menge Interessantes, Skurriles und sorgfältig Aufbereitetes wurde an den fünf Jazz-Tagen in Stuttgart geboten – man darf jetzt auf Ostern 2013 gespannt sein. 

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