13. Internationales JazzArtFestival in Schwäbisch Hall 2019

Emanzipierte Frauen und altersweise Männer

Zunächst zur Statistik. Unter der Gesamtleitung der städtischen Kulturbeauftragten Ute-Christine Berger fand wieder vor Ostern in Schwäbisch Hall wieder das JazzArtFestival statt. Auch bei der 13. Ausgabe hatten sich der örtliche Jazzclub, das Goethe-Institut und der Konzertkreis Triangel als funktionierendes Veranstalter-Team zusammengeschlossen. An fünf Festivaltagen zählte man präzise 1651 Besucher, zwei Konzerte (Vincent Peirani und das Barcelona Gipsy Balkan Orchestra) waren schon im Vorfeld ausverkauft.

Mit relativ langen und sehr abwechslungsreichen Stücken eröffnete die britische Trompeterin Laura Jurd samt ihrem Quartett „Dinosaur“ heuer das seit 2007 existierende das Jazz-Art-Festival.

Frauen und Jazz? Von alters her wurde dies nur mit Gesang und Klavier gleichgesetzt. Aber im Vereinigten Königreich ließ alsbald Barbara Thompson mit diversen Saxophonen intensiv aufhorchen, und mit ziemlich unorthodoxen Instrumenten emanzipierten sich die (inzwischen verstorbene) Fagottistin Lindsay Cooper und die Tenorhornistin Kate Westbrook schließlich auf der globalen Szene der mehr oder weniger swingenden Art. Nun also Laura Jurd, Jahrgang 1990, aufgewachsen in der Grafschaft Hampshire. Sie bläst Trompete – und Trompeterinnen sind mittlerweile in christlichen Posaunenchören, bei volkstümlicher Musik, im noblen Klassik-Bereich und eben im avancierten Jazz ja keine Seltenheit mehr. In der Haller Hospitalkirche stießen beispielsweise schon Anette Neuffer (im Jahre 2002) und Hilde Marie Holsen (2016) mächtig ins blecherne Horn, wobei sich die Norwegerin – wie auch jetzt die Engländerin – ausgiebig der Elektronik bediente.

Trompete und Elektronik? Mit seiner 1969 aufgenommenen Platte „Bitches Brew“ revolutionierte der legendäre Miles Davis analog und rockig das Jazz-Genre. An diese Tradition knüpft im allgemeinen Digitalzeitalter auch Laura Jurd an. „Dinosaur“ nennt sie frühzeitlich ihr quicklebendiges Quartett, mit dem sie am Mittwoch beglückt die 13. Ausgabe des Jazz-Art-Festivals eröffnete. Zwei ihrer Bandmitglieder zeigten sich schon bei einem Trio-Konzert erst Mitte Januar von dem schmucken Barocksakralbau der kulturell aufstrebenden Salzsiederstadt sehr begeistert, nämlich der raffinierte Pianist Elliot Galvin und der variable Schlagzeuger Carrie Dick. Skurril, intellektuell und unterhaltsam ging es da „very British“ zusammen mit Tom McCredie am korpulenten und vielfach gestrichenen Kontrabass zu. Im aktuellen Ensemble, welches seit 2010 besteht, greift nun Conor Chaplin in die fünf Saiten einer massiven Bassgitarre – flink gezupft, geschlagen, geslapt und groovig.

Auf seinem „Sadowsky“-Instrument (made in New York City) legt der Virtuose eine traumwandlerische Schnelligkeit hin, ordnet sich dem Bandkonzept willig unter, interagiert galant und ist auch solistisch überzeugend bei der Sache; elektrotechnische Mätzchen betreibt er nicht.

Keine nervenden Beats, aber gediegene Elektro-Sounds entlockt Laura Jurd ihrem preisgünstigen Kleinsynthesizer „Novation MiniNova“. Die Trompeterin erzeugt mit dem Gerät per Drehregler oder Klaviertasten künstliche Sounds und transformiert gewandt mit dem integrierten Vocoder ihre dann „harmonisierten“ Trompetentöne. Dabei bläst sie in ein konventionelles Stativ-Mikrophon und bedient sich keineswegs eines am Schallbecher befestigten Tonabnehmers.

Kraftvolle Attacken, lyrische Legato-Linien, messerscharfe Staccati, halbe Ventile, wilde Growl-Effekte, Wah-Wahs mit dem dunkelroten Gummidämpfer, beherzte Glissando-Schmierer – sämtliche Spielmöglichkeiten hat die Trompeterin, die nicht noch etwa ein eher sanftmütiges Flügelhorn einsetzte, äußerst professionell drauf. Eine wahre Lust, dabei zuzuhören – und zu schauen, wie der Flügel-Mann Galvin in das Innere des Steinways greift, um die angeschlagenen tiefen Töne mit der bloßen Hand abzudämpfen oder wie er mit verqueren Parallelläufen überrascht und simultan seinen „Polyphonic Analogue Synthesizer“ der Marke „Korg“ traktiert. Nostalgisch schön auch, wenn der vergnügte Schlagwerker Corrie Dick wiederholt archaisch seine „talking drums“ sprechen lässt.

Völlig ohne Notenmaterial bewältigte die Combo-Kooperative die komplexen Kompositionen der Bandleiterin. Rasche Stimmungs- und Tempowechsel, Flamenco-Phrygisches und US-amerikanisch Bluesiges, südostasiatisch Minimalistisches, wabernde Elektro-Sounds, lässig Swingendes, metrisch Ungebundenes, zupackend Rockiges, Gamelan-Glockenartiges: Grenzenlose Vielfalt, die bei steter Modalharmonik doch wiederum homogen erscheint.

Außer dem romantisch beginnenden „Shine Your Light“ aus dem bei Dave Stapletons „Edition Records“ veröffentlichten Tonträger „Wonder Trail“ interpretierte und extemporierte „Dinosaur“ auch Material von einer älteren Scheibe. Direkt oder indirekt: Die Bühnen-Akteure unter der Kanzel als auch das Publikum im profanisierten Kirchensaale standen zwei Stunden lang hochfrequent unter Strom. Moderne Zeiten für die Dinos…    

Nachdem eine knappe Woche vor dem Beginn des eigentlichen Jazz-Festivals schon der Fotograf Arne Reimer in der zur Cafeteria umbenannten Goethe-Mensa eigene Aspekte über „Jazz von der Insel“ dargelegt hatte, trat an der gleichen Örtlichkeit nun Dave Stapleton auf. Eine Vielfachbegabung: Als klassisch geschulter Pianist konvertierte er zum Jazz, war 2008 Mitbegründer der nun vielgelobten Plattenfirma „Edition Records“, komponiert gerne für Kurzfilme und ist noch fotografisch tätig. Unmittelbar vor dem Konzert des knitzen Quartetts „Dinosaur“, das der smarte Macher unter seine Fittichen genommen hat, ließ sich der Engländer vor einem Dutzend interessierter Zuhören zu einem aufschlussreichen „Jazzgespräch“ ein. Der Vinyl-Enthusiast Dietmar Winter stellte die gründlich ausformulierten Fragen und Horst Niermann, ebenfalls beständiger Jazz-Club-Aktivist, dolmetschte eloquent.

Dass die Kombination von tontechnischer Qualität und künstlerischer Kreativität bei seiner Plattenfirma oberste Priorität erhält, stellte Stapleton, der als einzige deutsche Formation das Trio des Pianisten Pablo Held unter Vertrag hat, erneut klar. Langspielplatten, CDs, Downloads, Streaming – auch Dave Stapleton muss sich den  wechselnden Verhältnissen anpassen, glaubt aber „Streaming wird bleiben, aber es wird auch einen Markt geben für Vinyls mit aufklappbaren Hüllen“. Physikalische Tonträger sind seiner Meinung nach also nicht vom Aussterben bedroht.

„Very British“ – so nannten sich in Hall die gegen den Brexit ankämpfenden Kulturwochen – kam auch Norma Winstone (Jahrgang 1941) daher. Die erfahrene Stimmkünstlerin, die ja 2017 im Stuttgarter Theaterhaus bei einem neuerlichen internationalen „Vocal Summit“ mitmischte, präsentierte primär elegant und kreativ aufgefrischte Filmmusik. Der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmte Bassist Eberhard Weber, der geistig topfit am Samstagnachmittag beim Festival zuvor den spannenden Film „Rebell am Bass“ vorgestellt hatte, wurde mit dem Song „40 Colours“ geehrt.

Liedgut aus dem US-amerikanischen Unterhaltungsmusiksektor –  dies könnte leicht ins Triviale abgleiten. Doch die aus der Schweiz stammende Sängerin Lucia Cadotsch erliegt dieser Gefahr nicht. Die 35-Jährige interpretiert die Songs mit dunklem Timbre ohne übertrieben gestikulierendes Show-Gehabe ziemlich nüchtern und eher introvertiert, freilich auch ohne spontan kreierte Scat-Vokalisen.

Der flexible Kontrabassist Frans Petter Eldh liefert ausschließlich zupfend (und somit bogenstrichlos) die musikalische Konstante. Aus Schweden kommt auch der klassisch geschulte neutönerische Tenorsaxophonist Otis Sandsjö.

Als Lucia Cadotschs Idol gilt die unvergessene Billie Holiday (1915 – 1959), von der sie beispielsweise die Balladen „Strange Fruit“, „Don’t explain“ und „Gloomy Sunday“ ins Repertoire integrierte. Der aktuelle Tonträger, sowohl in digitaler als auch in analoger Version publiziert, nennt sich nach einem lieblichen Song von Kurt Weill aus dem Broadway-Musical „One Touch of Venus“, nämlich „Speak low“. Außerdem erinnerte Lucia Cadotsch mit Sirenen-Sounds an die Polin Urszula Dudziak in Kompositionen des Filmkomponisten Krzysztof Komeda.

Dass auch die euphorisch herbeigeklatschte Zugabe, Henry Mancinis rührseliger Hit  „Moon River“, bei der Haller Performance nicht schnulzig geriet, lag zweifellos besonders an dem unorthodoxen Spiel des Bläsers im außergewöhnlich besetzten „Gesangtrio“. Auf dem Tenor kommentierte und unterlegte Otis Sandsjö die mehr oder weniger vertrauten Weisen forsch nach avantgardistischer Manier. Intensität setzte er dabei keineswegs mit Lautstärke gleich. Der Saxophonist raunzte und röhrte, winselte und wimmerte, quietschte und quetschte, erzeugte obertonreiche Multiphonics und durch gleichzeitiges Singen bewirkte Interferenztöne, außerdem setzte er für quasi endlose Phrasen die Zirkularatmung ein.

Nur Stimme und Kontrabass, als ohne Blasinstrument, birgt die Band „Le Bang aus München. Die Beiden bedienen sich populärer Songs wie „Nature Boy“ „Here come the Sun“, „God bless the Child“ sowie „All of me“ und gestalten daraus eigene kleine Kunstwerk – sie mit plastischem Sopran, er mit elektrotechnischen Transformationen.

Durch die vitale Folklorewelt tourten musikalisch mehr oder weniger imaginär der französische Akkordeonspieler Vincent Peirani, diesmal in Quartettbesetzung zusammen mit dem agilen Trompeter/Flügelhornisten Sylvain Bardiau als Bläser, und das internationale „Barcelona Gipsy Balkan Orchestra“, welches reichlich mehr als nur Flamenco bot. Bei diesem Sextett dominierten der Klarinettist Joaquin Gil und die Sängerin Sandra Sangiao. Eine „bewegende“ Performance – im teilbestuhlten Kirchenraum zuckte das rhythmisch ergriffene Publikum.

Kontrastprogramm hierzu bei Sebastian Studnitzky. Der auch Tasteninstrumente bedienende Trompeter aus Neuenbürg hat unzählige Tonträger eingespielt und in der ganzen Welt konzertiert. Studnitzky machte mit seinem Quartett, in dem noch der Gitarrist Laurenz Karsten, der Bassist Paul Kleber und der Drummer Tim Sarhan mitwirken, bei seinem Jazz-Festival-Event in der stimmungsvoll illuminierten Hospitalkirche unaufgeregt eine ohrengefällige Musik – zwar mit elektronischen Techno-Einsprengseln, aber lieblich auf europäisch vertrauter Funktionalharmonik basierend. Mehrheitlich zeigten sich die vielen Besucher von der gefühlvollen Performance sehr angetan, kritische Stimmen gab es aber auch – die Musik kam ihnen doch zu heil daher.

Höchste Virtuosität mit Humor in Sound und Ansagen verbindet das Stuttgarter Ensemble „TRI“. Libor Sima ließ sich in seiner alten Heimat Schwäbisch Hall auf Altsaxophon, Fagott und noch Glockenspiel hören, und auch Bassist Mini Schulz brachten enorme künstlerische Qualität mit guter Laune in Einklang.

Dank der Initiative des Kunststaatssekretärs a.D. Jürgen Walter werden baden-württembergische Festivals nun mit einem erklecklichen Geldsegen bedacht, wenn sie Jazzer aus dem Ländle verpflichten. Ein Grund mehr, endlich Bernd Konrad, in dessen Landesjugendjazzorchester auch schon Sebastian Studnitzky, Libor Sima und Mini Schulz mitgewirkt hatten, nach Hall zu holen. Im reifen Alter findet der Konstanzer wieder zur gefälligen Tonalität zurück, ohne seine avantgardistischen Vergangenheit zu leugnen. Der emeritierte Saxophon-Professor der Stuttgarter Musikhochschule zelebrierte zusammen mit dem gelernten Kirchenmusiker Paul Schwarz, mit dem er seit Jahrzehnten im Duo-Format und im baden-württembergischen Ensemble „Südpool“ kooperiert, in empfindsamer Altersweisheit kammermusikalisch Sensibles. Zunächst dienten Kompositionen von befreundeten Musikern (Hans Koller, Ralph Towner) als Ausgangsmaterial, um darüber in der phrygischen Tonskala und sehr inniglich zu improvisieren. In das Sopransax hauchte Konrad zuweilen fast unhörbar leise, und auf der Bassklarinette schnalzte er beherzt, während Schwarz auf dem Steinway gerne romantische Arpeggien und impressionistisches Glitzern entwickelte. Nach manch differenzierten Sound-Geschichten fand das Duo bei der zweiten Zugabe zum guten alten Blues zurück. So schnell war das kurzweilige Konzert in der Hospitalkirche vergangen, dass Konrad nicht noch sein geliebtes knorriges Baritonsaxophon einsetzen konnte.

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Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen

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