Wie der Wind in den Anden – Das Saluzzi/Lechner Trio in Mainz, 18. März 2012

Text & Fotografie: Klaus Mümpfer

Die leise, getragene Melodie auf dem Bandoneon schwillt an. Cello und Tenorsaxofon greifen das Thema auf, führen es fast klassisch klingend mit verhaltener Melancholie fort, um in einem beseelten Trio-Klang sensibel aufeinander zuzugehen. „Musik ist Kommunikation ohne Worte“, sagt der Bandoneon-Virtuose Dino Saluzzi. „Sie ist nicht das Notenbuch, Musik ist Leben.“ Saluzzi erzählt von seinem Instrument, das ihm der Vater geschenkt hat, als er gerade sieben Jahre alt war. Er spricht von dem Gefühl der Dankbarkeit und Anerkennung für die einfachen Leute seiner Anden-Heimat, lässt die Knöpfe des Bandoneon klappern und den Balg seufzen. „Ich liebe den Tango“, hat er stets betont. „Doch ich muss ihn überwinden, um Neues erzählen zu können.“ Im voll besetzten Frankfurter Hof demonstriert der Künstler dem andächtig lauschenden Publikum die unterschiedlichen Stilformen des Tangos, den er selbst als „Tango Libre“ für die Begegnung mit anderen Klangwelten und Kulturen geöffnet hat. Es scheint, als ob der Tango in der Klangwelt Saluzzia aufgegangen ist. 

Das Programm „Navidad de los Andes“, mit dem er, sein Bruder Felix an Tenorsaxfon und Klarinette sowie die Cellistin Anja Lechner, die Zuhörer in Bann ziehen, bezieht weitab von den Tango-Klischees Jazz und Klassik in eine Klangwelt ein, die leise und zeitweilig hauchend mit der Intensität der Winde in den Anden verglichen wird. Immer wieder wird die Harmonie mit der Disharmonie des „Tango nuevo“ aufgebrochen, wird der Fluss der Melodie durch die Sprunghaftigkeit des Tango Rhythmus unterbrochen. „Trio Lech“ ist eine solche Komposition, die beim Ojos Negros-Konzert in Lech entstand. In ihr fließen nach einem stilübergreifenden Solo der Cellistin freier Jazz, Tango-Folklore und E-Avantgarde zusammen. Bandoneon, Cello und Saxofon/Klarinette entwickeln aus melancholisch wirkenden Harmonien filigran schwingende mehrstimmige Passagen, fein dosierte Dissonanzen sowie weite Melodiebögen. Während Anja Lechner das Cello percussiv streicht oder zupft, greift Saluzzi das Bandoneon zurückhaltend mit hohen Akkorden oder lässt das Instrument verhalten schmauchen. Bruder Felix bläst in „Soledad“ das Tenorsaxofon mit sonorem, fast sakralem, Ton. In sensiblen Duos griffen jeweils zwei Musiker Melodien aus „Orfeo Negro“ auf. Saluzzi klopft auf dem Korpus des Bandoneons, Lecher streicht das Cello mit Vibrato. Die Musik wechselt von beseelter Melodik zu treibender Rhythmik und zurück. 

Dass Saluzzi ein begnadeter Geschichtenerzählen ist, zeigt sich schon zu Beginn der Konzertes in „Ronda de ninos en la Montana“. Mit seinem Bruder hat er seit der Kindheit musiziert. In Anja Lechner, die aus dem legendären Rosamunde-Quartett zu ihm stieß, hat Saluzzi eine Partnerin gefunden, die ebenfalls Grenzen überschreitet, virtuos improvisiert, aber auch in freien Passagen ihren unverwechselbaren klaren und warmen Ton bewahrt. 
Klaus Mümpfer