Tänze mit perkussivem Feuerwerk

„Rhythmik Attacca“ konzertierte  im Rathaus Murr

Die Reihe „Kulturprisma Murr“ tat sich wieder einmal mit dem „Musikfestival der seltenen Besetzungen“ zusammen – und diese Kooperation versprach vorneweg Außergewöhnliches. Kein Massenpublikum wird hier avisiert, Vertrautes verbündet sich behutsam mit Neuem, Neugier stellt sich ein. Die beiden Cellisten-Brüder Thomasius und Bernhard-Michael Gärtner sind ungemein agil und haben in ihrer Eigenschaft als Intendanten viel Freude am organisatorischen Tun. Eine ungezwungene Atmosphäre herrschte allenthalben, als das Quartett „Rhythmik Attacca“ im Foyer vom Bürger- und Rathaus Murr konzertierte.

Zum Ambiente paßte bestens eine kurzfristig bewerkstelligte Ausstellung von farbenfrohen Musik-Gemälden der Stuttgarter Bratschistin Corolin Kriegbaum. Der Star des Abends war freilich eine Musikerin mit dem Hauptinstrument Marimbaphon: die aus Gdynia stammende Katarzyna Mycka. In Danzig musizierte sie einst mit Polens neuem Jazzpiano-Star Leszek Mozdzer, in Stuttgart studierte sie bei Klaus Tresselt und spielt nun musicalfließbandmässig bei „Miss Saigon“.

Mit ihrem holzbeplattelten Mallet-Instrument interpretierte Katarzyna Mycka solo zunächst Teile von Johann Sebastian Bachs barocke Cello-Suite Nr. 3 in C-Dur, die sich mittlerweile zu einem „Klassiker“ für Marimbaphonisten mausert – etliche CD-Veröffentlichungen unterstreichen dies. Der spätere Thomaskantor komponierte sein Halbdutzent sechssätziger Cello-Suiten (BWV 1007-1012) um 1720, er fungierte zu jener Zeit als fürstlicher Kapellmeister bei Leopold von Anhalt-Coethen. Was früher revolutionär erschien, nämlich die Polyphonie auf ein vermeintlich „einstimmiges“ Instrument zu übertragen, bedeutet für das Marimbaphon natürlich keine Schwierigkeit. Mit humanem Atem interpretierte Katarzyna Mycka die melodisch klar konturierte Allemande, fließend die Courante und präzisierte die fugativen Umspielungen in der Gigue. Leichtigkeit und Eleganz bei diesen drei ursprünglichen Tänzen.

Zu einem Standard-Werk für Virtuosen geriet das „Marimba Spiritual“, welches der Japaner Minoru Miki 1984 seiner (auch in Baden-Württemberg erfolgreichen) Landsmännin Keiko Abe zugedacht hatte und programmatisch lähmende Hungersnöte in Aethiopien und den Überlebenswillen dessen Bevölkerung zum Thema hat. Der Asiate übernimmt dabei viele afrikanische Xylophon-Musik-Elemente, läßt aber auch kurz die Gagaku-Kultur seiner Heimat anklingen. Langsam und getragen der Beginn, furios und großintervallig der Schluß: rasant, am Intervall hin- und herspringend, beendete die auch hier auswendig spielende Polin das multikulturelle Werk. Akzente setzten dabei mit Cymbals und Trommeln Ineke Wulf, Michael Aures und Eckhard Kopetzki.

Eckhard Kopetzki, der in Würzburg bei dem musikliberalen Siegfried Fink das Percussion-Handwerk vervollkommnete, gründete „Rhythmik Attacca“ und konzipierte für sein Ensemble auch eine Vielzahl von Kompositionen. Für sich selbst als Solisten ersann er den „Topftanz“, wo sich zu den genormten mit Fell bespannten Schlaginstrumenten handelsübliche Küchenkochtöpfe gesellen. Das ganze Arsenal ist dann melodisch abgestimmt, rhythmische Raffinesse kommt auf wenn er beispielsweise einen Fünfertakt gegen einen Siebenertakt setzt.

Höchste Konzentration beim deutsch-polnischen Quartett in der 1973 entstandenen „Music for Pieces of Wood“ des New Yorkers Steve Reich. Mit „einfachen“ Woodblocks (Schlitztrommeln) werden – ausgehend vom simplen 4/4-Takt – komplexe Strukturen erzeugt, wenn sich nuanciert die Patterns verschieben und eine typische „minimal music“ mit irisierenden Klanggebilden entsteht. Ohne gestrenge Disziplin geht bei Reich nichts…

Mit „The Four Kings“ meint der Amerikaner Ernest Harris vier Konzerttrommeln, die der Marschmusik huldigen und diese derart emanzipieren, daß von Stumpfsinn keine Rede mehr sein kann. Im Rathaus(treppen)raum verteilt machte man sich ganz unmilitärisch einen musikalischen Spaß.

Sämtliche andere in Murr zur Aufführung gelangten Werke waren von Kopitzki. Die doch herzerwärmenden und romantisierenden „Circles of Ice“ ließen den Komponisten am Vibraphon hören, bei „Le Chant du Serpent“ wurden die Trommeln – sticksfrei – mit den bloßen Händen und Fingern traktiert, dazu kamen Händeklatschen und kurze Vokalrufe. Unisono als auch sukzessive setzten in diesem diffizilen Stück die Parts der vier Perkussionisten ein. Der „Siebentanz“ für Marimbaphon und Vibraphon wies gleichfalls repetitive Muster und dynamische Auffwallungen auf. Nach einem lyrischen Mittelteil wurde wieder rhythmisch attackiert. Jazz-Reminiszensen an das Mallet-Duo von David Friedman und David Samuels sowie an den Vibraphon-Virtuosen Gary Burton drängten sich auf.

Mit „African Wind“ hatte der Abend begonnen: zuweilen lautmalerische Musik, bei der mit dem Mund die Marimba-Stäbe „angeblasen“ wurden. Ein improvisierter Blues schließlich als Zugabe. Kurzweil für das begeisterte und erlesene Publikum.