Sylvie Courvoisier Trio in der Jazz-Fabrik Rüsselsheim, 7. März 2004

„Ich glaube, die Leute haben gedacht, dass sie heute Abend Jazz hören werden“, sagt Mark Feldman nach dem Konzert. Und Sylvie Courvoisier fügt hinzu: „Ich bin weder Jazzmusikerin noch klassische Pianistin.“ In der Tat ist die Musik, die die beiden gemeinsam mit der Cellistin Anja Lechner im Opel-Forum präsentieren, nur dann unter Jazz im weitesten Sinn einzuordnen, weil in Teilen improvisiert wird und zwischendurch auch Blue-Notes zu hören sind und rollende Bass-Ostinati der Linken mit gegenläufigen Melodielinien der Rechten an Boogie-Figuren erinnern.

Das Publikum hat denn auch gar kein Interesse, die Musik zu kategorisieren. Es genießt diese Grenzgänge der Avantgarde zwischen Improvisation und Neuer Musik. Disharmonien und Harmonien verschmelzen miteinander, Romantik geht nahtlos in Expressionismus über. Die in New York lebende Schweizerin nutzt ihren kräftigen Anschlag zu wuchtigen Clustern, die sie zu Klanggebäuden aufbaut, auf deren First eine hohe Single-Note sitzt. Ihr Lebensgefährte Feldman spielt die Geige mal elegant und geschmeidig, mal wild und stürmisch, schwelgt in zarter Melodik, um dann in heftigen Dissonanzen zu toben.

„Abaton“ ist der Titel der jüngsten CD, die das Duo mit dem Cellisten Erik Friedländer eingespielt hat. Beim Konzert des Rüsselsheimer Jazz-Fabrik übernahm die Münchnerin Anja Lechner Friedlanders Part als kongenialer Partner in dem Trio – und bewies sensibles Einfühlungsvermögen sowie technische Virtuosität. In „Abaton spielt die Pause die Musik. Kurze Unisono-Einwürfe der beiden Streicher setzen zwischen langen Pausen Akzente, die jeweils mit einem High-Note-Akkord des Pianos verstärkt werden. Das Spiel des Trios verdichtet sich, die Musiker bauen Spannungsbögen durch Ostinati in vielfältiger rhythmischer wie melodischer Form, um schließlich mit einem Crescendo abzuschließen. Dynamiksprünge sowie der rasante Wechsel zwischen romantischen Grundstimmungen und freien Explosionen kennzeichnen die Musik des Trios.

In „poco a poco“ übernimmt das Cello für kurze Zeit die Walking-Bass-Linie, streicht dann wiederum einen anhaltenden tiefen Grundton, über dem die Geige ein Motiv vielfach variiert, um sich schließlich in einem gezupften Duett und gestrichenem klassischen Unisono-Part mit der Violine zusammenzufinden.

Begonnen hatte das Konzert mit „Orodruin“ und Courvoisier-typischen Piano-Manipulationen. Die Künstlerin reißt im Instrument die Saiten an, mal zart mal hart, schlägt mit einem Paukenschlegel auf die Bass-Saiten, dämpft den Tastanschlag mit der Hand im Flügel. Das Piano wird zu Cembalo. Unterdessen streichen Feldman und Lechner hingehauchte Harmonien mit dem Bogen auf dem Holzcorpus ihrer Instrumente. Feldman lässt das Rosshaar auf den Saiten knirschen und kratzen, zupft und streicht auf phänomenale Weise sein Instrument simultan.

Das Publikum erzwingt mit anhaltendem Beifall zum Ausklang die Intro zu „Tony Delito“, eines jener experimentellen Stücke mit percussiven Elementen, Verfremdungen und gegensätzlichen Klangfarben sowie mit einem sensiblen Piano-Solo über einem Grundtonfundament der beiden Streicher. Und die Zuhörer gingen mit der Erfahrung nach Hause, dass dem zeitgenössischen Jazz keine Grenzen gesetzt sind.