Sirtaki-Komponist Mikis Theodorakis wird 90

Photo: Kumpf Theodorakis
Photos, 1996 in den Bauer Studios, Ludwigsburg: Hans Kumpf 

 Mikis Theodorakis ist ein griechischer Komponist, Schriftsteller und Politiker. In seiner Heimat wird er als Volksheld verehrt. Theodorakis gilt als der bekannteste griechische Komponist des 20. Jahrhunderts Geboren: 29. Juli 1925 in Chios, Griechenland

Kumpf-Artikel Februar 1996:  Theodorakis zu CD-Aufnahmen in Ludwigsburg 
LUDWIGSBURG. Wer kennt ihn nicht, den immer mehr an Geschwindigkeit und Intensität gewinnenden Sirtaki, den Anthony Quinn in dem Film »Alexis Sorbas« tanzt? Mikis Theodorakis ist der Komponist dieses folkloristischen Welt-Hits, doch der 1925 auf der Insel Chios geborene Grieche hat nicht nur Leinwandmusiken geschrieben, er trat auch mit Liedern und Instrumentalstücken sowie Chor- und Orchesterwerke hervor. Traurige Berühmtheit erlangte der freiheitsliebende Künstler, als er 1967 von dem damaligen griechischen Militärregime interniert wurde.

Jetzt weilte Mikis Theodorakis in Ludwigsburg, um bei den Bauer Studios die Aufnahmen für eine neue CD zu leiten. Maria Farantouri, die auch schon im- Pariser >Olympia« mit Theodorakis-Songs zu begeistern wußte, kam als authentische Interpretin in die Markgröninger Straße 46. Der sonoren Sängerin standen ein Instrumentalensemble um den Pianisten und Arrangeur Henning Schmiedt (Berlin) zur Seite. Mit dabei auch der renommierte  Jazz-Saxophonist Volker Schlott. Für eine klassische Note sorgten Oboe und Cello.

Theodorakis hatte für diese Produktion zehn Gedichte von dem jungen Lyriker Dionisios Karantzas vertont. Wie der Komponist, der in Paris einst bei dem Avantgardisten Olivier Messiaen studierte, selbst einräumte, tendieren diese Kompositionen mehr in Richtung Kunstlied, obgleich er seine griechischen Wurzeln hierbei nicht verleugne, was besonders mit der Melodik der Musik seiner Heimat zum Ausdruck komme. Nach wie vor bekennt sich Mikis Theodorakis eindringlich zu seinem kulturellen Erbe und der damit verbundenen Wohlleben und Verantwortung.  In einer Pressekonferenz berichtete Mikis Georgiu Theodorakis ausführlich über seine künstlerische Tätigkeit und seine gesellschaftspolitischen Visionen, die von tiefem Humanismus geprägt sind. So verabscheut er die ständige Musikberieselung in Kaufhäusern, Lifts und WCs, was letztendlich zur Verdummung und zur Eliminierung einer kulturellen Identität führe. Abscheu äußerte er über die neumodische Techno-Musik, denn diese ist seiner Meinung nach zum »rhythmischen Primitivismus des Neandertalers« zurückgekehrt.

Andererseits berichtete Theodorakis, der von 1990 bis 1992 dem bürgerlichen Kabinett Mitsotakis als Minister ohne Geschäftsbereich angehörte, dass er beim jüngsten Ägäis-Insel Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei mit der Initiative eines offenen Briefes zur Entschärfung der Lage beigetragen habe. Besonnene Künstler und Intellektuelle aus beiden Ländern hätten diesen „Irrsinn“ nicht verstehen können, so Theodorakis.  In Ludwigsburg fühlte sich Mikis Theodorakis sichtlich wohl – nicht nur im noblen Monrepos-Hotel, in welchem er residierte, sondern auch in einer griechischen Taverne, wo der Überraschungsgast als Nationalheld stürmisch gefeiert wurde. Dieweil nutzte die Ehefrau des Komponisten die Gelegenheit zu einem Einkaufsbummel. In den »Bauer Studios« konnte Theodorakis zudem Bekanntschaft schließen mit einem arrivierten Talent aus Aserbaidschan: Die Pianistin Aziza Mustafa-Zadeh, glückliche Anführerin der deutschen Jazz-Charts, spielte in der schwäbischen Residenzstadt wieder eine neue Silberscheibe ein.

Die Theodorakis-CD mit lyrischen Liebesliedern und subtilen Naturbeschreibungen Label »Peregrina Music«, das den »Bauer Studios« direkt angeschlossen ist, erscheinen. Bislang trägt das Projekt noch den Arbeitstitel »Poetica«.
(Hans Kumpf, Februar 1996)