Richard Galliano mit „Piazzolla forever“ Jazzfabrik-Rüsselsheim, 23.März.2004

Richard Galliano ist Traditionalist im dialektischen Sinn der dreifachen Aufhebung, des Negierens, der Bewahrung und der Verlagerung auf eine neue, höhere Ebene. Der Akkordeon- und Bandoneon-Spieler, der wie viele seiner französischen Landsleute stark in der Folklore seiner Heimat verwurzelt ist, hat den „New Musette“ entwickelt, indem er die Musette-Tradition überwand und  deren Essenz mit den Elementen des Jazz verknüpfte. Später hat Galliano diese Mixtur mit dem „Tango Nuevo“ seines Freundes und Förderers Astor Piazzolla verschmolzen. Das ist ihm gelungen, ohne dass die jeweiligen Bestandteile ihren Charakter aufgeben mussten.

„Wenn ich heute einen Musettewalzer spiele, dann denke ich an den Schlagzeuger Elvin Jones oder an die Kraft von John Coltrane“, sagt Galliano.

Süße Melancholie und expressive Leidenschaft, schmelzender Geigenklang und hüpfende Ostinati von Melodiekürzeln, schmeichelnde Melodien und verfremdete Harmonien, Wohl- und Missklang zugleich – der Tango wechselt seine Stimmungen wie die Tage und Jahre ihre Abläufe. Da ist nicht mehr viel zu verspüren vom Salon-Tango und von Walzerseligkeit. Galliano hat beim Konzert für die Rüsselsheimer Jazzfabrik im Theater die Formen aufgebrochen und neu zusammengefügt. Da stand der Franzose mit dem mächtigen Knopfakkordeon – dessen Abdeckung er über den Klappen des direkten Tones wegen abgenommen hatte – sowie dem Bandoneon gemeinsam mit fünf Streichern – drei Violinen, einem Cello und einem Kontrabass – sowie einem Pianisten auf der Bühne und widmete sich ganz seinem Mentor Piazzolla. Er erlaubte sich harmonische Freiheiten auf dem Akkordeon im Duo mit den klagenden Geigestrichen seines ersten Geigers Alexis Cardenas. Er zauberte lang gezogene Akkordlinien aus dem Balg des Bandoneons, während die Streicher Jean Marc Apap und Sebastien Surel ihren Instrumenten kurze Kratzgeräusche entlockten oder schnelle Pizzicati zupften. Jean René da Conseicaõ lässt den Bass in jazzig im Hintergrund marschieren. Herve Sellin hat eine Vorliebe für romantisch verspielte Melodielinien auf dem Piano, die er in einem Duo-Stück „Milonga sien palabras“ mit dem Cellisten Eric Picard voll auskostet.

In ein ausgedehntes Akkordeon-Solo Gallianos, freien Improvisationen über seine Kompositionen „Valse Margaux“ und „Libertango“ fließt dann, wie die Titel nahe legen, die gesamte Fülle der französischen und argentinischen Traditionen ein. Da erklingen die wuchtigen Bassakkorde, die filigranen Pirouetten, die schnellen Tänze und die sehnsüchtige Melancholie bis Galliano pfeifend ein Zwiegespräch mit den High-Notes-Kürzeln auf dem Knopfinstrument beginnt. Weit zieht er in der Zugabe den Balg des Bandoneons auseinander, lässt das Instrument in Nuancen atmen. Es entsteht ein fein gewobenes Geflecht der Klangwelten Europas mit jenen Nord- und Südamerikas. Nach dem Konzert können die Zuhörer nachvollziehen, wenn Galliano sagt, dass er die Grenzen des Akkordeons ausgeweitet hat, dass er ständig „weitere Dinge entdeckt, von denen ich vor einigen Jahren niemals geglaubt hätte, dass man so etwa spielen kann“.