Rabih Abou-Khalil, Joachim Kühn und Jarrod Cagwin in Mainz, 5. April 2006

Joachim Kühn schwelgt in rasenden Läufen mit bisweilen überfallartig herausgeschleuderten Motiven des Themas. Dann dämpft er mit der rechten Hand die Bass-Saiten im voluminös klingenden Bechstein-Flügel ab und schlägt mit der linken ein paar Akkorde an. Bass-Akkorde greift auch Abou Rabih-Khalil auf dem Oud, der arabischen Knickhals-Laute. Hart reißt er die Saiten mit dem Federkiel an. Dazu schlägt Jarrod Cagwin auf der Rahmentrommel ein ostinates Rhythmusfundament.

Inzwischen ist Kühn bei sich wiederholenden Melodiefragmenten gelandet, baut mit Abou-Khalil weite Spannungsbögen. „Shrewed Woman“ nennt der in München heimisch gewordene Libanese seine Komposition, in der sich wie in allen Stücken dieses bemerkenswerten Konzertes arabische Skalen und verzweigte Polyrhythmen mit europäischer Romantik und metrumfrei pulsierenden freiem Jazz verbinden. Es ist die Begegnung des Instruments einer Folklore, die keine Akkorde kennt, mit einem akkordischen und temperierten Instrument der westlichen Tradition. 

„Journey to the center of an egg“ nennt Abou-Khalil die CD, die in dem gemeinsam vom Frankfurter Hof und dem Jazzclub Rheinhessen arrangierten Konzert vorgestellt wird. Ein Titel, der in erste Linie dem Humor des Initiators entsprungen ist, aber die Interpretation zulässt, dass die Künstler zum fruchtbaren Kern beider Kulturen vordringen möchten. So entsteht eine vielschichtiges Netz aus sinnlich meditativen, naiv verspielten und scharf attackierenden Passagen, immer aber sensibel aufeinander eingehend, in rhythmisch parallel laufenden Duos und mehrstimmigen Ruf-Antwort-Momenten. „I´m better off without you“ hebt mit einer sanften Einleitung an. Es folgen ein paar Single-Note-Einwürfe auf dem Piano, einige percussive Tupfer auf der Rahmentrommel und flirrendes Saitenspiel unter vibrierenden Fingern am oberen Ende des Oud.

Das Trio steigert nach Soli auf Flügel und Laute Intensität und Dynamik in den Improvisationen, um dann zum Thema zurückzukehren. Ganz anders ist „White widow“ angelegt: mit einer rasenden Intro, in der Kühn aus dem Vollem schöpft, Akkorde aufschichtet und Single-Note-Trauben greift, die er mit karategleichen Handkanten-Clustern abschließt. Abou-Khalil lässt die Finger über die Saiten schrammen, die glissandohaft jaulen. Wie ein Gewitter mit Donner treibt Cagwin auf seinen Trommeln die Mitmusiker vor sich her. In „Yakhbeire John“ pendelt Kühn nach einer getragenen Einleitung im Solo auf dem Altsaxophon mit expressiven Stakkati zwischen Hardbop und Free, lässt Abou-Khalil den Oud in schnellen Läufen förmlich explodieren.

Der ständige Wechsel zwischen trügerisch sanften Passagen und abrupten harten Ausbrüchen kennzeichnet nahezu alle Stücke des Trios – ebenso wie die Mischung aus exotischen Stimmungen, europäischer Klassik und neuem Jazz. In dieser Gratwanderung aus Notation und Improvisation verliert keiner der Musik seine Identität und verschmilzt dennoch musikalisch mit seinen Partnern.

Scroll Up