Er spielte Schach mit Mal Waldron – allein das konnte einen schon für ihn einnehmen. Der rumänische Saxophonist und Komponist Nicolas Simion ist unerwartet im Alter von 67 Jahren gestorben. Noch am Abend zuvor stand er in Brașov in Transsilvanien auf der Bühne.
Die Verbindung zu Mal Waldron beschränkte sich allerdings keineswegs auf das Schachbrett. Anfang der 1990er-Jahre brachte der TUTU-Produzent Peter Wießmüller die beiden Musiker zusammen. Simion war seit 1991 bei dem deutschen Label unter Vertrag. Waldron suchte damals nach dem Tod von Jim Pepper einen Saxophonisten für sein Quartett. Simion wurde dessen Mitglied – der Beginn einer intensiven musikalischen Zusammenarbeit.
Ein besonderes Dokument dieser Begegnung ist „Art of the Duo – The Big Rochade“. Waldron und Simion nahmen das Duoalbum am 19. Dezember 1995 im Kölner Loft auf; veröffentlicht wurde es 1998 bei TUTU Records. Schon der Titel verweist auf das Schachspiel – und passt zugleich erstaunlich gut zu einer Musik, die vom Reagieren, Verschieben von Positionen und vom Raum lebt, den zwei Musiker einander lassen.
Simions Verbindung zu Deutschland reicht jedoch über die Zusammenarbeit mit Waldron hinaus. TUTU Records spielte eine wichtige Rolle in seiner Karriere im Westen. Bei dem Label erschienen mehrere wichtige Aufnahmen. Seit 1998 lebte Simion in Köln, später gründete er mit 7Dreams Records sein eigenes Label.
Nicolas Simion wurde am 15. Juni 1959 in Dumbrăvița bei Brașov geboren. Er studierte klassische Musik in Bukarest und gehörte Anfang der 1980er-Jahre mit Opus 4 zu einer neuen Generation rumänischer Jazzmusiker. 1988 verließ er das kommunistische Rumänien; Anfang 1989 kam er nach Wien.
Dort fand er Anschluss an die westeuropäische Jazzszene und spielte unter anderem mit Art Farmer, Leo Wright, Idris Muhammad, Jim Pepper, Harry Sokal und Christian Muthspiel. Später kamen Begegnungen und Zusammenarbeiten mit Tomasz Stańko, Lee Konitz, Charlie Mariano, Archie Shepp, Duško Gojković, Ed Schuller, Lonnie Plaxico und anderen hinzu.
Kennzeichnend für Simions eigene Musik blieb dabei die Verbindung des modernen Jazz mit der Musik seiner rumänischen und insbesondere transsilvanischen Herkunft. Volksmusik war für ihn kein exotisches Versatzstück. Die Melodien und Rhythmen, die er als Kind bei Hochzeiten und Festen gehört hatte, gehörten zu seiner musikalischen Sprache.
2015 erhielt Nicolas Simion den WDR Jazzpreis in der Kategorie Improvisation.
Neben seiner Arbeit als Musiker und Komponist widmete sich Simion zunehmend auch der Geschichte des rumänischen Jazz. 2004 gründete er 7Dreams Records. Das Label sollte nicht nur der Veröffentlichung eigener Projekte dienen, sondern ausdrücklich auch der Dokumentation des rumänischen Jazz. Simion veröffentlichte historische Aufnahmen und widmete sich insbesondere dem Werk von Musikern wie Jancy Körössy, Richard Oschanitzky und Johnny Răducanu. Ohne die Kenntnis und Dokumentation der eigenen Jazzgeschichte, davon war Simion überzeugt, könne sich auch keine eigenständige musikalische Identität entwickeln.
Simion veröffentlichte historische Aufnahmen unter anderem von Richard Oschanitzky, János Kőrössy und Johnny Răducanu und machte damit Musik wieder zugänglich, die andernfalls vermutlich in Archiven verschwunden wäre.
In einem Interview wurde Nicolas Simion gefragt, ob er sich eine Welt ohne Jazz vorstellen könne. Seine Antwort endete mit einem schönen Bild: Eine Welt ohne Jazz wäre „wie eine Welt ohne Poesie“.
Nicolas Simion wurde 67 Jahre alt.
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