Nguyen Lé Quartett im Frankfurter Hof in Mainz, 27. April 2005

Paul McCandless spielt auf der Flöte eine zarte Melodie, Nguyen Lé zupft ein paar Single-Notes auf der Gitarre, Art Lande reißt die Saiten der hohen Lagen im Innern des Flügels an und Schlagzeuger Patrice Heral unterstreicht diese Einleitung zu „Butterfly Dream“ mit flirrender Besenarbeit. Dann greift McCandless, Mitglied der legendären World-Music-Formation Oregon, zu seinem Lieblingsinstrument, der Oboe, und improvisiert zu lyrisch verspielten Romantizismen des Pianisten im Oregon-Sound. Befürchtungen, dass das Konzert des Quartetts in Gänze einer Oregonisierung zum Opfer fallen werde, erfüllen sich glücklicherweise nicht. Schon das nächste „Wingless Flight“ ist ein Up-Tempo-Stück mit klirrenden Glissandi auf der Gitarre, einem attackierenden Solo auf dem Sopransaxophon – ein „burning solo“, wie Lé in der Moderation lobt.

Nguyen Lé beherrscht als Gitarrist das atemberaubende Hochgeschwindigkeitsspiel ebenso wie die lyrischen und schwebenden Single-Note-Läufe und die gleißenden verzerrten Glissandi mit der emotionalen Kraft eines Jimi Hendrix. Solche jaulenden Läufe zur aggressiv in den Mittellagen gespielten Bassklarinette, den rollenden Bass-Ostinati auf dem Piano und dem pulsierenden Schlagzeug bestimmen das Titelstück „Walking on the Tiger´s Tail“ der jüngsten CD und der gegenwärtigen Tour. Nach Themenvariationen und einer Unisono-Passage von Gitarre und Sopransaxophon sowie percussiven Vokalisen klingt das Stück schließlich mit elektronischen Sounds aus. Der Tiger, dem er sich gegenübersah, sei eine schwere Krankheit gewesen, die er auch mit Hilfe dieser Musik überwunden habe, sagt Lé. Wer ihn auf der Bühne beobachtet und die Hingabe registriert, mit der sich der Musiker in seinen Soloausflügen verliert, glaubt ihm.

Der kluge und effektvolle Einsatz von Echos, Loops und Synthesizer-Verfremdungen sind ein anderes Kennzeichen der Gitarrenkünste des in Paris lebenden Musikers vietnamesischer Abstammung. In solche Klangflächen fügt sich das percussive Spiel Herals ebenso wie die Saxophonausflüge von McCandless. Ein sangliches, melodisches Thema wie „Zamore“ entwickelt sich über ein expressives Solo auf dem Tenorsaxophon in reiner Bebop-Phrasierung zu eine Collage aus Soundfetzen auf den verschiedenen Instrumenten.

Zwischen die attackierenden temporeichen Stücke schiebt das Quartett sanfte Balladen wie „Bee“ mit seinen schwebenden und lyrischen Linien auf der Gitarre und den singenden Läufen auf dem Sopransaxophon. Und dennoch folgt das Konzert erfreulicherweise nicht dem Prinzip „Für jeden etwas“, sondern wie die Kompositionen selbst einem dramaturgischen Spannungsbogen. Dass das Publikum mehrere Zugaben erzwang und die Musiker weit über zwei Stunden auf der Bühne standen, spricht für beide Seiten.