Kreativität – ohne musikalische Tradition möglich?


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 Hans Kumpf – Historischer Aufsatz von 1985 – geschrieben für Helmuth Rilllings Bachakademie und das Europäische Musikfest in Stuttgart

Jazz wird oft gleichgesetzt mit Improvisation – und spontan erbrachter Kreativität. Aber ist eine Improvisation wirklich – ganz genau beim Wort genommen – „unvorhersehbar“? Und: Findet tatsachlich ein unmittelbarer „Schöpfungsakt“ statt?

Jazz – dies ist die Geschichte einer (sicherlich gekonnten) Verarbeitung von Phrasen, Formeln und Klischees. Dies hat allerdings systemimmanente Gründe. Der Musiker, quasi Komponist und Interpret in Personalunion, muss in Sekundenbruchteilen Entscheidungen fällen, für die ein klassischer Komponist beträchtliche Zeit aufwenden kann.

Die musikalischen Gebrauchsmuster sind meist schon derart internalisiert, dass man sich nur schwer von ihnen lösen kann. Die vielen aufgenommenen Erfahrungen, eben die musikalische Tradition, sind im Musikanten-Hirn und -Herzen fest gespeichert.

Natürlich müssen tradierte Konventionen aufrechterhalten werden, um eine Musik als Jazz zu definieren. Das wesentliche Element ist dabei das Spannungsverhältnis zurzeit: „swing“ kleingeschrieben und (zunächst) nicht mit dem Swing-Stil eines Benny Goodman zu verwechseln. Dieses rhythmische Feeling ist seit New Orleans eine Konstante im Jazz – auch im Free Jazz wurde dies erhalten.

Freilich war und ist „swing“ in diesem avantgardistischen Jazz nicht so vordergründig wahrnehmbar, man spricht vielmehr vom „pulse“. So kann man immerhin unterscheiden, ob ein „Jazzer“ oder ein Vertreter der Neuen Musik improvisiert, auch wenn das melodische (und harmonische) Material frei von althergebrachter Tonalität ist.

In den sechziger Jahren kam der Free Jazz auf, eine Musik, die ein direktes Korrelat zu der gesellschaftspolitischen Aufmüpfigkeit der jungen kritischen Generation darstellte. Normen, gesellschaftlicher oder musikalischer Art, wurden intensiv hinterfragt. Je mehr Tradition an sich abgelehnt wurde, desto mehr kam das Postulat nach Kreativität auf.

Schlagworte wie „originell“, „produktiv“, „sensitiv“, „entdecken“, „erfinden“, „flexibel“, mit denen kreatives Tun umschrieben werden kann, gerieten auch zu den Maximen für den Free Jazz: stets auf der Suche nach Neuem, Sturm und Drang, nach unverbrauchtem oder noch nicht so verbrauchtem akustischen Material. Dem Musizieren im Kollektiv kam hervorragende Bedeutung zu. Star-Kult mit seinen hierarchischen und autoritären Strukturen war weitgehend verpönt. Doch mittlerweile weht der Zeitgeist im Jazz aus einer anderen Richtung. Die Ambitionen der Jungjazzer haben sich enorm verändert. Jazzkurse werden allerorten angeboten, das Jazzen wird verschult. Stilistisch orientieren sich die meisten Nachwuchsswinger am Bebop und Hard Bop, allenfalls. wird dieser Neo Bop mit rock-rhythmischer Elektronik versetzt. Die sichere Beherrschung des Instruments heißt nun: Das virtuos-versierte Spiel mit Skalen in rasantem Tempo, Aneinanderreihung rhythmischer Patterns. Nicht mehr dominiert die individuelle Kreativität. Stattdessen: Perfektion in der Sterilität. Die Tradition von Charlie Parker, der sich zu seiner Zeit gewiss „unerhört“ und kreativ gebärdete, wird gehegt und gepflegt.

Klar: Es gibt in der heutigen Jazz-Szene einen breiten Stil-Pluralismus. Aber der allgemeine Trend tendiert derzeit nicht zur Kreativität. Der Blick ist rück- oder rockwärts gewandt – Miles Davis, der Innovator(?), darf als Musterbeispiel hierfür gelten. Letztendlich jedoch kann keine Alternative zwischen Kreativität und Tradition konstruiert werden. Die kulturelle Tradition einfach abschütteln – das ist nicht zu realisieren. Zu sehr sind wir (wir Mitteleuropäer) von ihr geprägt, bewusst und vor allem unterbewusst. Und wenn jemand, wie der Schreiber dieser Zeilen, in seiner musikalischen Praxis nach kommunikativer free-jazziger Interaktion sucht, so geschieht dies keineswegs im traditionsfreien (oder -leeren) Raum. Einerseits wird hier Tradition weiterentwickelt, andererseits braucht man die Kenntnis der Tradition, um sich von ihr abzusetzen, neue Ausdrucksformen zu finden, kreativ zu sein.

(veröffentlicht in „MusikFest aktuell“, Heft 1/85, Stuttgart)