Das Jazzfestival in Saalfelden kann man auf vielen Wegen angehen. Nicht wenige Besucher sind schon Tage zuvor angereist und lassen sich von der fantastischen Landschaft und den Geräuschen der Natur inspirieren, bevor sie sich ins Festival stürzen. Oder sie wandern sich ins Festival ein, mit der ersten „We Hike Jazz“-Wanderung, die gleich einmal mit Camila Nebbia, Lukas Kranzelbinder, Sun-Mi Hong und Aymeric Avice prominente Stimmen des Festivals in die Natur verpflanzte.
Den Übergang zum Hauptprogramm konnte man dann am Donnerstagabend sozusagen im Bauch des Festivals genießen. Im Nexus, der kleineren Hauptspielstätte des Festivals, war in diesem Jahr das Untergeschoss wieder der passende Ort für eine Musik-Performance-Installation. „WAS___“ von MMM, dem Trio Maja Osojnik, Mathia*s Lenz und Matija Schellander, nahm diesen Raum über mehrere Tage hinweg in Beschlag. Ausgangspunkt waren die ersten 66 Meter einer grafischen Partitur, die nicht als abgeschlossenes Werk gedacht ist, sondern als Teil einer auf zehn Jahre angelegten Raum- und Klangreise. Schon die Dimension machte deutlich, dass es hier nicht einfach um eine andere Form musikalischer Notation ging. Die Partitur zog sich als langes Band durch den Raum, Tonbandmaterial, Tonköpfe und Lautsprecher wurden ebenso Bestandteil des Projekts wie dessen visuelle Erscheinung. Bild, Klang, Objekt und Performance gingen ineinander über.
Entscheidend war, dass „WAS___“ keine statische Installation blieb. Das Projekt mutierte im Laufe der Festivaltage und wurde durch Bespielung mit wechselnden Musikern immer wieder neu gelesen. Zur Eröffnung kam mit der Schlagwerkerin Špela Mastnak eine ausgesprochen körperliche Ebene hinzu: Papier, Folien, Ballons und andere Materialien wurden berührt, gedrückt, gekratzt und verformt und damit selbst zu Klangerzeugern. In den folgenden Tagen trafen unter anderem Sun-Mi Hong, Lukas König und Judith Schwarz auf das Projekt, später Manu Mayr und zum Abschluss Aymeric Avice, Cuong Vu, Leo Riegler und Eve Risser. Wer während der vier Tage immer wieder ins Untergeschoss des Nexus hinabstieg, konnte einem Werk begegnen, dessen Veränderung integraler Teil des Konzepts war. Vielleicht wurde gerade dadurch „WAS___“ zu einem der charakteristischen Projekte dieses Festivaljahrgangs. Die Grenzen zwischen Konzert, Installation, Performance und bildender Kunst wurden aufgelöst.
Überhaupt gehört es zu den besonderen Qualitäten von Saalfelden, dass solche Grenzüberschreitungen nicht schmückendes Rahmenprogramm neben dem „eigentlichen“ Jazz sind. Sie sind Teil des Festivals. Das zeigte sich auch am Samstagvormittag im Nexus bei Keravec/Mazurek/König. Erwan Keravec am bretonischen Dudelsack, Rob Mazurek an der Trompete und Lukas König am Schlagzeug: Allein diese Instrumentierung machte neugierig und ließ kaum vorhersagen, wohin die Reise gehen würde. Keravec löste den traditionell stark konnotierten Dudelsack vollständig aus seinem vertrauten Umfeld. Aus den stehenden Klängen des Instruments, Mazureks Trompetentönen und Königs ebenso dynamischem wie feinstrukturiertem Tun am Schlagzeug entwickelte sich eine Musik, die weniger von Solist und Begleitung als von Klangflächen, Reibung und Verdichtung lebte. Die „Rasselkette“, die beim Konzert mit Chad Taylor natürlich auf der Hauptbühne dabei war, fehlte hier. Ob absichtlich oder nicht – stattdessen gab es einen stummen Ausdruckstanz von Mazurek, durchaus beeindruckend. Als Bonus zum Schluss noch ein Trompetenduo von König und Mazurek.
Mazurek spielte am selben Tag noch einmal eine wichtige Rolle. Roundabout Midnight stand er mit Chad Taylor in der Formation Chicago Underground Duo auf der großen Bühne des Congress. Das Duo war nach längerer Pause kürzlich mit dem Album „Hyperglyph“ zurückgekehrt. Elf Jahre lagen zwischen diesem und dem vorausgegangenen Album. Eine nostalgische Rückbesinnung klingt anders. Mazurek wechselte zwischen Trompete, Piccolotrompete, Keyboards und Elektronik, Taylor bearbeitete sein Schlagzeug besonders intensiv, nur um diese Wucht in leiseren Passagen mit Mbira und Kalimba betont aufzubrechen. Dieses Konzert gehörte zu den nachhaltigsten Momenten des Festivals. Faszinierend war weniger die schiere Energie als die Fähigkeit der beiden Musiker, aus vergleichsweise wenigen Elementen immer neue Räume entstehen zu lassen. Elektronische Klangflächen, die extrem organisch klangen, Trompete und perkussive Patterns verdichteten sich und konnten unmittelbar darauf wieder auseinanderfallen. Dass hier lediglich zwei Musiker auf der Bühne standen, war angesichts der klanglichen Dimension dieser Musik leicht zu vergessen.

Getoppt wurde dieses Konzert vielleicht noch vom zuvor auftretenden Darius Jones & Otomo Yoshihide Quintet. Jones am Altsaxophon und der japanische Gitarrist Otomo Yoshihide trafen auf Nick Dunston am Kontrabass sowie Gerald Cleaver und Yasuhiro Yoshigaki am Schlagzeug. Es war eine Premiere dieser Besetzung. Bemerkenswert war nicht zuletzt der Umgang mit Reduktion. Wenige wiederholte Basstöne genügten, um einen Ausgangspunkt für Jones‘ lange Linien zu schaffen, während Otomos Gitarre zwischen Geräusch, schroffen Interventionen und abstrakter Klangfarbe wechselte. Die beiden Schlagzeuger sorgten nicht einfach für zusätzliche rhythmische Masse, sondern erweiterten das Koordinatensystem der Musik.
Einen ganz anderen Umgang mit einer größeren Besetzung zeigte zuvor das Dag Magnus Narvesen Octet DAMANA mit „Rhizome“. Drei Saxophone, Trompete und Posaune standen Klavier, Kontrabass und Schlagzeug gegenüber. Statt auf die Wucht eines kleinen Jazzorchesters zu setzen, arbeitete Narvesen mit Brüchen, Klangblöcken und schnellen Perspektivwechseln. Komponierte Strukturen bildeten dabei kein Gegengewicht zur Improvisation, sondern deren Ausgangsmaterial. Passagen mit Anklängen an Big-Band-Traditionen konnten unvermittelt in freie Bereiche kippen und sich anschließend wieder sammeln. Gerade dieses Verhältnis von Komposition und improvisatorischer Offenheit machte den Reiz der Musik aus.
Nicht alles hinterließ einen gleichermaßen nachhaltigen Eindruck. Marta Sanchez etwa stellte mit ihrem Quintett „Before the Bloom“ eine kompositorisch sorgfältig gearbeitete Musik vor, für den Auftritt in Saalfelden erweitert durch Cuong Vu an der Trompete. An komplexen harmonischen und rhythmischen Strukturen und an der Qualität der beteiligten Musiker mangelte es nicht. Trotzdem wollte der Funke nicht recht überspringen. Über längere Strecken wirkte die Musik eher konstruiert und kontrolliert; die Komplexität der Kompositionen führte nicht automatisch zu entsprechender musikalischer Spannung. Auch Cuong Vu, von dessen unverwechselbarer musikalischer Persönlichkeit man sich in dieser Konstellation einiges versprechen konnte, änderte daran nur teilweise etwas. Gerade im Vergleich zu den offeneren und riskanteren Begegnungen des Festivals blieb dieser Auftritt – für mich – eher einer der weniger nachhaltigen Eindrücke.

Eine zentrale Rolle spielte dagegen der eigens für Saalfelden entstandene Kompositionsauftrag „Strange Motion“ von Yvonne Moriel. Die österreichische Saxophonistin stellte dafür mit Antonis Anissegos, Miriam Adefris, Manu Mayr sowie den Schlagzeugern Toma Gouband und Max Andrzejewski eine ungewöhnlich instrumentierte Formation zusammen. Komponierte Passagen und offene Improvisationen griffen ineinander, wobei schon die Kombination von Saxophon, Keyboards, Harfe, Bass und zwei sehr unterschiedlich agierenden Schlagzeugern ein breites Klangspektrum eröffnete. „Strange Motion“ stand damit exemplarisch für einen Ansatz, der in Saalfelden immer wieder zu beobachten war: Komposition nicht als starres Gerüst zu behandeln, sondern als Material, das sich im Zusammenspiel zu verändern hat.
Dass sich dieses Prinzip nicht auf die klassischen Spielstätten beschränkte, gehörte auch 2026 zum Charakter des Festivals. Einen der sichtbarsten Belege für die Freiheit des Festivals in der Stadt lieferte am Samstag „The Big Shake – A Saalfelden Homecoming“.
Vor zehn Jahren hatte Shake Stew beim Jazzfestival Saalfelden ihr erstes Konzert gespielt. Zum Jubiläum kehrte die Band um Lukas Kranzelbinder zurück und traf auf Bürgermusik und Eisenbahnermusik Saalfelden. Rund 70 Musiker setzten sich vom Rathausplatz aus in Bewegung, spielten vor dem Congress und zogen schließlich in den Stadtpark, wo das Projekt in einem gemeinsamen Auftritt mündete. Die Verbindung von Shake Stew und den örtlichen Blasmusikern war dabei mehr als eine folkloristische Dekoration für ein Festivaljubiläum. Der Zug durch Saalfelden und der gemeinsame Konzertbeginn im Stadtpark machten vielmehr sichtbar und hörbar, wie stark das Festival mit dem Ort selbst verbunden ist. Und wer die Brass Section der traditionellen Musiker ganz körperlich beim hinreissenden Groove von Shake Stew mitswingen sah, der wusste: das ist gelungen.
Gelungen waren auch die zahlreichen kleineren und teilweise frei zugänglichen Veranstaltungen. Mountain Tracks, City Tracks und Konzerte an ungewöhnlichen Orten – Erwan Keravec solo auf dem Kirchturm – sorgen dafür, dass sich das Festival nicht auf Congress und Nexus reduzieren lässt. Ein Konzert kann morgens bei einer Wanderung in der Landschaft stattfinden, später geht es ins Nexus, danach zurück in die Stadt und am Abend auf die Mainstage. Im Untergeschoss des Nexus wiederum kann die 66 Meter lange grafische Partitur Ausgangspunkt eines über mehrere Tage fortgeschriebenen Klangprojekts sein. Konzertsaal, Stadt, Landschaft und Ausstellungsraum bilden keine voneinander abgeschotteten Bereiche. Wer es kannte, vermisste in diesem Jahrgang aber auch Spielstätten: die Buchbinderei Fuchs, den Brücklwirt …
In der Gesamtheit bekommen die Zahlen rund um das Festival ihre Aussagekraft. Das 46. Jazzfestival Saalfelden umfasste an vier Tagen 56 Konzerte an 13 Spielorten, mehr als die Hälfte davon bei freiem Eintritt. Rund 29.000 Konzertbesuche wurden am Ende gezählt. Das ist für ein Festival mit einem Programm, das sich über weite Strecken eben nicht an einem möglichst breiten musikalischen Konsens orientiert, durchaus bemerkenswert. Denn Saalfelden geht bei der seit Jahren zu beobachtenden Öffnung von „Jazzfestivals“ einen sympathisch eigenständigen Weg. Im Stadtpark durchaus populärere Musik im Programm – auf den Hauptbühnen dann doch Jazz, Neue Musik, aber auch Noise, Elektronik, Performance und radikale Improvisation.
Das bedeutet zwangsläufig, dass nicht jede Versuchsanordnung gleichermaßen funktioniert. Manche Idee trägt über eine Stunde, andere erschöpft sich früher. Bei einigen Formationen kann die Konzentration auf Klangfarbe und Textur mit zunehmender Dauer auch einen statischen Charakter entwickeln. Das gehört jedoch zu einem Festival, das musikalische Risiken nicht nur behauptet, sondern tatsächlich eingeht. Ein Programm, bei dem jedes Konzert auf Anhieb funktioniert und möglichst allen gefällt, wäre vermutlich gerade das Gegenteil dessen, was Saalfelden ausmacht.
Bemerkenswert ist vielmehr, dass das Festival trotz seiner Größe Platz für Formationen lässt, deren Musik sich nicht in wenigen Sätzen erklären lässt, für Begegnungen, die vorher noch nie stattgefunden haben, und für Projekte, bei denen keineswegs feststeht, ob sie funktionieren werden. Ein Dudelsack mit Trompete und Schlagzeug, zwei Schlagzeuger mit Altsaxophon, Gitarre und Bass, ein Duo aus Chicago, das mit Trompete, Elektronik, Kalimba und Schlagzeug einen erstaunlich großen Klangraum aufspannt, eine über Jahre weiterwachsende grafische Partitur oder rund 70 Musiker, die gemeinsam mit Shake Stew durch die Stadt ziehen. Und die Bögen schließen sich fast schon rituell: Das Waldkonzert am Sonntagmorgen mit Almut Kühne, Max Andrzejewski und Lukas Kranzelbinder beschwor wieder einmal auf anrührende Weise die Verbindung zwischen Künstlern, Natur und Publikum.
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© 1997 – today | ISSN 2751-4099














































































































