International Skoda All Star Band bei der Jazzfabrik in Rüsselsheim, 1. November 2005

Dieses Kind hat ein kräftiges Organ. Mit einem strahlenden und stählern gleißenden Solo steigt der Trompeter Uli Beckerhoff bei Fred Herschs „Child Song“ in die höchsten Lagen, während Pianist Glauco Venier ein paar romantisierende Akkordfiguren einstreut. Matthias Nadolny lässt sein Tenorsaxophon in sonorem und leicht aufgerauten Ton hörbar atmen. Dann kommt Bassist Gunnar Plümer mit wuchtigen Griffen hinzu, Bruno Castellucci lässt die Besen auf den Fellen kreisen, Gitarrist Peter O´Mara fügt Single-Note-Trauben ein – die Rhythm-Section swingt vehement. Mehrstimmig tragen die beiden Sängerinnen Norma Winston und Maria Pita de Vito zu der hymnischen Stimmung bei. Die International Skoda All Star Band bewegt sich in dem Konzert des Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ sicher und routiniert im Hauptstrom des Jazz, auch wenn der Pianist zwischendurch Saiten im Innern des Bösendorfer-Flügels tonverfremdend anreißt. 

Wer zu den Skoda All Stars kommt, weiß, dass er keinen Free-Jazz oder gar neutönerische Experimente erwarten darf. Das Konzept des Oktetts unter der Leitung Beckerhoffs greift ehe nostalgisch auf die Klassik des Jazz zurück – etwa im Piano-Trio mit Kontrabass und Schlagzeug bei Thelonious Monks „Evidence“ und deutlicher noch bei Norma Winstons Interpretation von „Heather On The Hill“.

Maria Pia de Vito blieb es überlassen, mit Stimme und Elektronik Experimentelles zu wagen. Sie scattet, gurrt, schnalzt, seufzt und schreit verhalten, nimmt ihre Vokalisen in den Sampler, lässt sie mehrstimmig über Loops und Schleifen laufen, mit Hall und Echo ins Dunkel des Rüsselsheimer Theaters tragen. „Nel respiro“ ist der treffende Titel des Stückes. Später dann wird die Italienerin in der samtweichen Ausdrucksform ihrer neapolitanischen Heimat „Scalinatella“ hauchen, kontrastreich zu den High-Notes Beckerhoffs. Norma Winston wiederum beweist die Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme in der lasziven und betont ironischen Interpretation von Steve Swallows „Ladies in Mercedes“.

Im Kontrast zu „Childs Song“ steht Peter O´Maras „Another Avenue“, das nach einem Duett der Sängerinnen und einem Duell der Bläser, sowohl im Ruf-Antwort-Spiel als auch einander umspielend, in ein Gitarrensolo mit einem extrovertierten, rasenden Lauf auf den hart angerissenen Saiten sowie gleißenden und knalligen Glissandi mündet – ein Ausflug in den rockenden Jazz, der vom Schlagzeug pulsierend unterlegt und vorangetrieben wird.

Das Konzert der Band lebt von der Abwechslung den musikalischen Ausdrucksweisen, ohne dass dies in einem Stilmischmasch münden würde, sowie von den unterschiedlichen Zusammensetzungen. Die Musik der Skoda All Stars bietet keine Überraschungen, bewegt sich aber stilsicher und geschmackvoll auf hohem künstlerischen Niveau, ist aufregend nicht durch Aufgeregtheit, sondern durch das eigenwillige Gruppenspiel. Die Mitglieder schöpfen dabei aus den Quellen des zeitgenössischen und klassischen Jazz, der mediterranen Folklore und der E-Musik des 20. Jahrhunderts. Das Publikum feierte mit anhaltendem Applaus die emotionale Ausdruckskraft, die virtuose Behandlung der Instrumente und der Stimmen sowie die Spielfreude der International Skoda All Star Band.