Frenetischer Applaus für einen 71-Jährigen – „Heiße Kanne, volle Pulle“ – Sonny Rollins


Frenetischer Applaus für einen 71-Jährigen 
„Heiße Kanne, volle Pulle“

STUTTGART. In den fünfziger Jahren setzte Sonny Rollins mit den Alben „Saxophone Colossus“ und „Tenor Madness“ Meilensteine in die Jazzgeschichte, sein fröhlicher Calypso „St. Thomas“ wurde zum – gerne nachgespielten – Standard, was dem Komponisten heute noch eine Menge Tantiemen einbringt. Der am 7. September 1930 in New York geborene Tenorsaxofonist macht sich jedoch hinsichtlich seiner live-Auftritte rar. In Clubs spielt er ohnehin nicht mehr, bei Konzerten und auf Festivals ganz selten. Kein Wunder, dass innerhalb der Reihe „Jazznights“ seine beiden Konzerte in Köln und Stuttgart volle Häuser brachten.

71 Jahre alt ist er nun – und kein bisschen leise. Zwar wirkte der Tenorist anfangs etwas zaghaft, hatte in der zweiten Konzerthälfte kleine Durchhänger und sonderte im Eifer des musikalischen Gefechts unbeabsichtigt auch mal ein paar quietschende Kiekser ab – aber man erlebte endlich einmal eine Künstlerpersönlichkeit von Statur. Rollins’ hot intonierter Ton zeugt von Widerborstigkeit und Herzlichkeit zugleich, er ist swingend, zwingend und drängend. In den präzise artikulierten Phrasen paaren sich Ungeduld und Souveränität. Er produziert – ohne viel dynamische Differenzierung – mit voller Pulle wahrlich eine heiße Kanne Das Improvisieren steht im Vordergrund, und Sonny Rollins dominierte in seinem Stuttgarter Konzert ohnehin.

Ähnlich eckig und kantig musizierte der vielseitige Pianist Stephen Scott, während Posaunist Clifton Anderson, übrigens ein Neffe von Sonny Rollins, meist butterweiche Legato-Linien blies. Brav und ohne rhythmische Raffinessen auch in den Soli zupfte Bob Cranshaw seine Bassgitarre; als zuverlässige Diener ohne markantes Profil erwiesen sich noch Schlagzeuger Perry Wilson und sein Perkussionskollege.

Die x-te Version von „St. Thomas“ ersparte sich Sonny Rollins im Stuttgarter Beethovensaal, obgleich das frenetisch jubelnde Publikum mit „standing ovations“ nach einer Zugabe verlangte. Aber tänzelnde Calypsos und Sunshine-Karibik samt Blues-Einschlag waren durchweg präsent. In diese populäre Richtung geht ja auch „Salvador“ von der Mitte 2000 aufgenommenen CD „This Is What I Do“. Etwas Naturidylle und instrumentales Vogelgezwitscher bei „A Nightingale Sang In Berkeley Square“, und offensichtlich eine musikalische Mahnung des sozial denkenden Sonny Rollins an seinen neuen Präsidenten George W. Bush mit der Komposition „Global Warming“.

Viele vertraute Hits versah Sonny Rollins mit seinem unverwechselbaren Sound, so auch Duke Ellingtons „In My Solitude“. Ansonsten mal wieder nach dem Motto „Erkennen Sie die Melodie?“ viele Griffe in die Zitatenschatztruhe: von Alexander Borodins „Fürst Igor“ über George Gershwin bis zum simplen „Happy Birthday To You“. Doch all diese Reminiszenzen wurden mit musikalischer Gewitztheit eingebracht.

Stets im Mittelpunkt und durch kabellose Saxofonverstärkung überaus beweglich agierte Sonny Rollins. Man mag es nicht glauben, dass dieser Jazzlegende gelegentlich Selbstzweifel überkommen sollen. Die Sonnenbrille bleibt bei ihm ein Markenzeichen, das Haar wurde mittlerweile weiß. Ein Künstler mit tiefer Humanität und multikultureller Welterfahrung – da kommt einem irgendwie der literarische „Nathan der Weise“ in den Sinn. Sonny Rollins verhalf der bundesdeutschen Reihe „Jazznights“ zu einem wirklichen Highlight.

(Mai  2001)

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