Ein revolutionäres Jubiläum: 100 Jahre Theremin

Der Haller Hans Kumpf erinnert sich chronologisch an seine persönlichen Erlebnisse um dieses in Russland erfundene elektronische Instrument.

Theremin – ein elektronisches quasi in der Luft zu spielendes Instrument. Noch nie (davon) gehört? Doch! Nämlich bei dem 1966 entstandenen Pop-Hit „Good Vibrations“ der kalifornischen Pop-Formation „The Beach Boys“ – im Hintergrund sind da wiederholt aufjaulende „Sirenen“-Töne zu erlauschen.

Der von einer französischen Adelsfamilie abstammende Erfinder Leon Theremin, 1896 im russischen St. Petersburg als Lev Sergeivitch Termen geboren, begeisterte Anfang der zwanziger Jahre gar den Staatsgründer Lenin mit seiner künstlerischen Ingenieursleistung. Das futuristische Fossil basierte auf neuartigen Radio-Röhren und wies zwei berührungsfrei zu bedienende „Antennen“ auf. Nähert man sich mit der rechten Hand dem senkrechten Metallstab, so wird der Ton höher; und linkshändig kann man im Feld über einer waagrechten Edelstahl-Schlaufe die Lautstärke regeln. Der erzielte Sound ist ein makellos reiner Sinuston – einer Flöte oder einer hohen Frauenstimme (oder einer pfeifenden Rückkopplung) nicht unähnlich.

Robert Moog, Schöpfer des nach ihm benannten Synthesizers, der durch „Switched on Bach“ mit dem Interpreten Walter Carlos seinerzeit weltweiten Erfolg einheimste, modernisierte in den 1990er Jahren das ursprüngliche Ungetüm. Transistoren machten nun seinen „Etherwave“ benannten Kasten handlicher – und billiger.

Mich faszinierte das sonderbare Gerät schon als Teenager. Im Rahmen der von mir organisiertem „Musikwochen“ des Schwäbisch Haller Clubs „alpha 60“ hielt ich Anfang 1969 den Vortrag „Einführung in die Elektronische Musik“, wobei ich nicht nur Stockhausen, Ligeti & Co, sondern auch die Story von Theremin und dem kommunistischen Kreml-Herrscher erwähnte.

1988 begab ich mich mit meiner Klarinette auf meinen zweiten „Baltic Trip“ und improvisierte im litauischen Vilnius wieder öffentlich mit Vladimir Tarasov. Der Schlagzeuger vom weltberühmten Ganelin-Trio erzählte mir, dass Leon Theremin, inzwischen 92, im gleichen Hotel wie ich nächtigen würde und er ihn gerne zu unserer Performance einladen wolle. Der betagte Herr erschien nicht, und ebenso wenig vermochte ich im Frühstücksraum den Physikprofessor mit dem bewegten Leben zu erspähen: Bahnbrechende Erfindung, Audienz bei Lenin, Erfolg in den USA, dort vermutlich vom sowjetischen Geheimdienst gekidnappt und in einen Gulag gesteckt, alsbald tätig für Militär und KGB in Sachen Flugzeugkonstruktion, Alarmsysteme und Abhör-Wanzen.

Leon Theremin, übrigens ein gelernter Cellist, verstarb dann 1993 in Moskau. Zu seiner friedlich-musikalischen Erfindung stieß ich 1997 zunächst Mitte August. Da feierte in Marburg an der Lahn der amerikanische Pianist John Fischer, mit dem ich zuvor außer in Deutschland auch in Moskau, Leningrad, New York, Le Mans und Zürich gespielt hatte, konzertant seinen 67. Geburtstag. Mein in der hessischen Universitätsstadt wohnender Bruder hatte zuvor von seiner Frau eine von Bob Moog technisch weiterentwickelte Version eines Theremins geschenkt bekommen. Am Nachmittag übte ich auf diesem Apparat, beim abendlichen Ständchen setzte ich es schon gelegentlich ein.

Wieder im Schwabenländle daheim, bestellte ich bei einem Nürnberger Händler das heiß ersehnte Instrument russisch-amerikanischer Provenienz – für ganze 799 Deutsche Mark. Als ich die an meine vorhandene Lautsprecheranlage gekoppelte Neuerwerbung anfangs auf ein Bügelbrett legte, war nur nervendes Gebrumm zu vernehmen. Das empfindliche Ding muss man nämlich frei im Raum auf einen (Mikrofon-) Ständer schrauben – und mit dem Bauch geziemenden Abstand halten.  

Zufall oder nicht, wenig später im November 1997 bescherte das damals von Albert Mangelsdorff künstlerisch geleitete JazzFest Berlin ein „Theremin Summit“ mit aktionistischen US-Musikern (Eric Ross plus Youseff Yancy). Die noble Lydia Kavina, eine Nichte des Elektro-Innovators und bereits global durch Theremin-Lehrvideos auf VHS-Cassetten bekannt, kam kurzfristig – und im Programmheft nicht ausgedruckt – dazu und agierte bei ihren „Streicher-Kantilen“ dezidiert differenziert. Mit ihr kam ich beim Soundcheck ins Gespräch und erzählte von meinen diversen Theremin-Erlebnissen.

1919 fand also nicht nur die Gründung vom „Bauhaus“ statt, auch ein weiteres bedeutendes Kulturgut der Moderne wurde in dem turbulenten Nachkriegsjahr kreiert, nämlich eben das Theremin. 100 Jahre im Nischendasein…

Info Hans Kumpf spielt sein Theremin am Samstag, 12. Oktober 2019, 18 Uhr, bei der Vernissage der Ausstellung „Ladezone – Radierungen, Holzdrucke, Fotocollagen“ von Martin Weis in der Schwäbisch Haller Volkshochschule, Haus der Bildung, Salinenstr. 6 – 10

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