Ein hochgepegelter Vokalartist

STUTTGART. Als Al Jarreau vor über zwei Jahrzehnten der Beginn einer Weltkarriere vergönnt war, staunte man nicht schlecht über das Stimmwunder: ein enormer Tonumfang, eine ungeheure Improvisationslust, eine breite Ausdrucksskala, eine phänomenale Flexibilität, verblüffende Instrumentalimitationen – ein gewitzter Entertainer. Anfang der achtziger Jahre präsentierte sich dann Bobby McFerrin auf der Jazzszene und schien zunächst nur ein Epigone von dem am 12.3.1930 in Milwaukee geborenen Jarreau zu sein. Auch nach seinem Kommerzhit „Don’t Worry – Be Happy“ blieb McFerrin trotz alledem ein kreativer Jazzer, der ganz solo achtzig Minuten lang für Hochspannung sorgen konnte. Dies geschah beispielsweise 1988 beim Festival „JazzGipfel“ im Stuttgarter Beethovensaal. Im gleichen Raum trat nun Al Jarreau auf, doch statt leiser Zwischentöne dröhnte es bei dem Grammy-verwöhnten Star pop- und rockmäßig laut.

„Tomorrow Today“ heißt die neue Jarreau-CD, die nun vermarktet werden soll. Seine Musik sei „frisch“ und „urban“ betont der Vokalist, der Sound sei „black and funky“. Doch bei der Performance in der Liederhalle geriet diese hochpegelige Musik im Permanenz leicht zum diffusen Einerlei. Mehr Differenzierung in der Dynamik – und auch mal eine ganz schlichte Ballade, mit nur einem oder gar keinem Instrument begleitet, hätten für die nötige Abwechslung sorgen können. Auf die Dauer wirkte dann auch Jarreaus leichtgängige Intervallsprunghaftigkeit mit dem schnellen Changieren zwischen sonorem Bass und nasaler Kopfstimme stereotyp. Faszinierend ist die Beweglichkeit des 60-jährigen Energiebündels – freilich muss man dabei nicht gleich wie Chuck Berry entenmäßig über die Bühne hopsen. Zur Show gehört zudem, dass immer wieder der Saxofonist Joey Sorano mit an die Rampe kommt und – mit der PA drahtlos verbunden – auf Sopran und Alt einheizt. Ebenfalls professionell die Band um den Keyboarder Freddie Ravel – und die Background-Sängerin Debbie Davis, die sich mehrmals in den Vordergrund stellen durfte. Wenn sie „We’re in the world together“ trällern und dann Männer der „Securuty“ geradezu polizeistaatsmäßig gegen Fotografen vorgehen und die Kamerausrüstung beschlagnahmen wollen, bekommt die heile Welt allerdings einen schmerzlichen Kratzer ab…

Kevyn LettauVergnüglich freilich der akrobatische Jarreau-Hit „Mornin'“ und die ausgedehnte Version von „My Favorite Things“. Free-Jazz-Innovator John Coltrane machte den Walzer jazzfähig; Al Jarreau jodelte jetzt adäquat über die phrygische Skala und legte zusammen mit Debbie Davis einen klassischen „belcanto“ hin – zur zum Musical „Sound of Music“ hochstilisierten österreichischen Trapp-Familie, die in den USA eine neue Heimat gefunden hatte, eine stimmige Sache.

Beethovens „Elise“ ließ Jarreau im Hauptprogramm erklingen, seine zungenbrecherische Adaption von Chick Coreas „Spain“ leitete planmäßig die Zugabenrunde ein. In etlichen Trailern hatte der Südwestrundfunk auf die Deutschlandtournee von Al Jarreau aufmerksam gemacht. Einen 45-minütigen „live“-Mitschnitt bringt „SWR 1“ am 25. Juni 2000 um 22.15 Uhr.

Im Vorprogramm gab das Management der in Deutschland aufgewachsenen Sängerin Kevyn Lettau eine Chance. Zu viele melodische und textliche Wiederholungen bei Cover-Versionen der Gruppe „Police“, Interessanteres bei eigenen Stücken. Die Dame, die im Foyer charmant ihre CDs signierte, kann sich ja noch entwickeln. Al Jarreau ist unüberhörbar ein Vorbild für sie. Aber von ihm muss sie ja nicht die Lautstärke des Rock-Zeitalters übernehmen.

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