Das William Parker Quartett in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 26. Januar 2012

Text & Fotografien: Klaus Mümpfer

„Malachi’s Mode“ zeugt nach den freie-explosiven Kompositionen „Invocation #1 und #2 sowie „Statement #1“ mit seiner cantablen Melodiosität und beschwörenden Rhythmik von der Zweigleisigkeit der Musik des William Parker-Quartetts. Auf der einen Seite pflegt der Bassist mit seinen Kollegen den jazzbasierten Avantgardismus, auf der anderen Seite greift er zurück auf die Folk-Wurzeln der Kulturen. Bei seinem Konzert in der Rüsselsheimer Jazzfabrik schließen Parker, Pianist Cooper Moore, Schlagzeuger Hamid Drake und Altsaxofonist Rob Brown beide Sets mit jeweils einem der vertraut klingenden, teilweise getragenen und melodieträchtigen Stücken. Neben „Malachi’s Mode“ ist es „Big Spirit“, das Parker dem Black-Power-Schriftsteller Leroi Jones widmet, und in dem der Saxofonist Brown mit teils hymnischen Sounds die melodische Basis legt, die Cooper Moore mit liedhaften Läufen unterstreicht. Zur Beginn hat der Bassist mit einer dem Nadaswaram ähnlichen indonesischen Oboen-Flöte den Weg zu den Wurzeln gefunden.  

Kontrastreich explodiert das Quartett in den genannten freien Stücken sowie in „Another Angel Goes Home“ mit harten und polyrhythmischem Spiel Drakes auf den Trommeln und Becken sowie vor allem mit rasenden Single-Note-Reihen, wuchtigen Akkordschichtungen und Unterarm- oder Handballen-Clustern auf den Tasten. Rob Brown verharrte im ersten Set vielmals in Post-Bop-Phrasierungen, während er in der „Angel“-Komposition nervöse und eruptive, freie Stakkati bläst. Die Zugabe lässt er mit einem relaxten, sonoren, anhaltenden Sound in Zirkularatmung ausklingen. Ein stets stützendes Rückrat des zwischen Free und Folk pendelnden Spiels ist Bandleader William Parker, der seinen Kontrabass überwiegend stramm und straight marschieren lässt, dabei aber mit retardierenden Momenten und zahlreichen reizvollen harmonischen Wendungen beweist, wie man meisterlich das Bass-Spiel in die Jazz-Avantgarde integriert. Er zupft Höhen unter dem Steg und streicht grundierende Tiefen mit dem Bogen. Dabei wandelt Parker Tonhöhen, indem er mit der Handkante die Saiten teilt. Spannung ziehen die Stücke aus Tempo- und Intensitätssteigerungen, aus Dynamiksprüngen sowie ostinaten Rhythmus- und Melodiefiguren. 

Dass bei all dieser Kraft und Kreativität der Humor nicht zu kurz kommt, belegt Parker mit der in Ansätzen gesungenen Zugabe „The Creeper“ sowie seiner launigen Moderation. Bescheiden erzählt der Bassist, dass er zwar Leader und Komponist sei, dass das musikalische Ergebnis aber dem Kollektiv zu verdanken ist. Mit dem Schlagzeuger Hamid Drake verbindet ihn eine tiefe Freundschaft, die sich in legendären Duos manifestiert. Solche spannenden Ruf-Antwort-Spiele mit Parker, aber auch mit Brown und Moore können die Zuhörer auch an diesem Abend erleben. Rob Brown ist für Parker „der Poet auf dem Altsaxofon“ und den Pianisten lobt er als den zentralen Musiker des freien Jazzpianos. Unterhaltsam erzählt er von dem langen Flug von New York nach Rüsselsheim und vergisst nicht, gut gelaunt das aufgeschlossene Publikum zu loben. 

Dieses wiederum feiert Parker und seine Mitmusiker mit anhaltendem Applaus, was den künstlerischen Leiter der Jazzfabrik, Stephan Dudek entzückt. Er war an diesem Abend glücklich, dass so zahlreiche Jazzfreunde zu dem selten in Deutschland zu hörenden Free-Jazz-Bassisten gekommen sind. Ihre Begeisterung reißt die Musiker mit, die sich mit sichtlicher Spielfreude länger als zwei Stunden auf der Backstage-Bühne des Rüsselsheimer Theaters verausgaben.

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