Das Christian-Muthspiel-Quartett huldigte John Dowland

Muthspiel Dowland Photo: Kumpf

 In Haller Hospitalkirche: Alter Meister swingend aufbereitet 

Ein internationales Jazz-Ensemble gab John Dowland (1563-1626) die Ehre: Das Quartett des Multiinstrumentalisten Christian Muthspiel reanimierte den englischen Renaissance-Meister in der Hospitalkirche bei einem umjubelten Konzert.

Schwäbisch Hall. Schon wiederholt ist Christian Muthspiel in Schwäbisch Hall aufgetreten, allerdings von der Jazz-Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. 2008 und 2012 gastierte der musikalische Allrounder in der Kunsthalle Würth. Nun luden ihn der Jazzclub und das Kulturbüro zu einem Auftritt bei der Reihe „Jazztime“ ein. Ein illustres Quartett brachte der 1962 in der Steiermark geborene Muthspiel mit, nämlich den Schweizer Trompeter Matthieu Michel, den französischen Vibraphonisten Franck Tortiller und den US-amerikanischen Bassgitarristen Steve Swallow.

Der komponierende Lautenspieler John Dowland ist in der Jazzszene kein Unbekannter. Schon der Pianist George Gruntz und der Saxophonist John Surman beispielsweise haben Weisen des alten Meisters swingend aufbereitet – aber nicht so intensiv wie seit einigen Jahren Christian Muthspiel, der neben Posaune noch Pianos und Blockflöten spielt sowie als Komponist, Arrangeur, Vokalist, musikalischer Elektroniker und zudem als Dirigent tätig ist.

Das im lateinisch-altenglischen Sprachkonglomerat betitelte Dowland-Opus Lachrimae, or Seaven Teares“ hat sich der Österreicher zu Herzen genommen. „Seven Tears“ – sieben Tränen also. Kein ständiges Weinen und keine deprimierende Tristesse durchweg. Etliche Freudentränen sind auch dabei: Aus „Lachrimae Amantis“ machte Muthspiel „Tears of Love“. Munter rockig-groovend bringt die schlagzeuglose Band „Tears of Laughter“ daher. Lachrimae mutieren zum Lachen.

Swallow - Kumpf Foto

Christian Muthspiel hält sich keineswegs sklavisch an die Vorlagen von Dowland, der ursprünglich sieben Charakterstücke für fünf Streichinstrumente und eine Laute konzipiert hatte. Zu zehn eigentlichen Neukompositionen hat sich der gewitzte Crossover-Musiker inspirieren lassen und diese bereits auf CD veröffentlicht. Penibel notierte Parts wechseln fließend mit intensiven Improvisationen, teilweise wie im alten New Orleans auf kollektive Art geführt.

Muthspiel selbst bläst primär Posaune, die er durch ausgetüftelte Elektronik soundmäßig erweitert, aber auch mal die von Albert Mangelsdorff bekannten Interferenztöne. Unkonventionell traktiert er das moderne E-Piano und den edlen Steinway-Flügel – Orgelartiges bis zu perkussiven Aktionen. Und dann greift er ziemlich historisierend noch zu betulichen Blockflöten allerlei Größenordnungen.

Einen erdig-archaischen Ton hat Matthieu Michel auf dem Flügelhorn an sich, und wenn er seine Trompete mit einem Dämpfer stopft, vermag der Eidgenosse an die Glitzerklänge eines coolen Miles Davis erinnern.

Bei dem in Paris lebenden Vibraphonisten Franck Tortiller mochte man einerseits an den Swing-Haudegen Lionel Hampton denken, andererseits an den noblen Milt Jackson vom Modern Jazz Quartet. Einen Kontrast hierzu bildeten Karibikklänge – als behämmere er „steel drums“.

Gewissenhaft führte der amerikanische Gast-Star Steve Swallow seine tiefgründigen Harmonielinien aus. Der langjährigste Partner der berühmten Pianistin und Komponistin Carla Bley überzeugte einmal mehr durch unaufgeregte Solidität. Genau eine Woche vor seinem 75. Geburtstag entlockte Swallow in der Hospitalkirche seiner fünfsaitigen Korpusbassgitarre speziell bei seinen Soli sangliche Melodien.

So trug auch er wesentlich zu einem kurzweiligen und multistilistischen Konzertabend bei. Eine zeitlose Musik für Gourmets.

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