Big-Band-Jazz mit Kultur und Ästhetik

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STUTTGART. In Deutschland wurden Big-Band-Dirigenten bekannt, die sich tänzelnd als „smiling“ Entertainer vor ihren Orchestern präsentierten, beispielsweise Kurt Edelhagen, Max Greger und Paul Kuhn. Erwin Lehn gab sich dagegen stets sachlich und nüchtern, auch wenn er anfangs als „The German Jazz Hurricane“ apostrophiert wurde: vierzig Jahre bestimmte er beim Süddeutschen Rundfunk die Big-Band-Musik, wobei er die ganze Skala von schlagerhafter Gebrauchsmusik bis zum avancierten Jazz abzudecken hatte.

Der am 8. Juni 1919 in Grünstadt (Pfalz) geborene Erwin Lehn lernte Geige, Klavier, Vibraphon sowie Klarinette und spielte zunächst im Ensemble seines Vaters. Ab 1948 leitete er das Radio-Berlin-Tanzorchester. Seinen Dienst in Stuttgart trat Lehn, wie er selbst immer gewitzt betonte, am 1. April 1951 an.  

Erwin Lehn & Tony ScottGastsolisten bei seiner Jazz-Aktivität waren nun Größen wie Benny Goodman, Miles Davis, Tony Scott, Oliver Nelson, Maynard Ferguson, Chet Baker und Stéphane Grappelli. Stars wie Quincy Jones, Bill Holman und Don Ellis arrangierten auch für ihn. Später eigene Orchester formierten einige seiner Band-Mitglieder: Horst Jankowski, Peter Herbolzheimer, Klaus Weiss – und der Mitte Mai verstorbene Ernst Mosch, dessen erste „Egerländer“ seine damaligen Jazz-Kollegen und somit originale „Lehn-Lehen“ waren.

 Seit 1974 betrieb Erwin Lehn noch wichtige Nachwuchsförderung in der Big Band der Stuttgarter Musikhochschule. Etliche Talente hatte Professor Lehn dort entdeckt und in seinen regulären Klangkörper übernommen. Sein künstlerisches Credo: „Ich versuche, alles in der Musik so kultiviert wie möglich zu spielen. Eine gewisse Ästhetik muß vorhanden sein – das fängt an bei der Intonation und der Präzision. Die entsprechenden Musiker müssen herausgesucht werden, die Arrangeure haben ein gewichtiges Wort mitzureden. Dazu kommt die Raumakustik. Die äußeren Einflüsse machen sich bemerkbar, am Zeitgeschmack kann man nicht vorbeigehen. Man muß immer wieder versuchen, das anderswo Gehörte zu sortieren und das Positive davon auf die Big Band zu übertragen.“

 Wolfram Röhrig, Tony Scott, Erwin Lehn, Dieter ZimmerleAuch im Show-Gewerbe hat sich Erwin Lehn getummelt, ohne freilich selbst in Star-Allüren zu verfallen. Er bereitete den musikalischen Background für Caterina Valente, Josephine Baker, Marika Rökk, Bill Ramsey, Bibi Johns, Bully Buhlan, Peter Alexander, Udo Jürgens und Anneliese Rothenberger. Toleranz war für Lehn als Leiter eines swingenden Radio-Orchesters eine Pflichtübung.

 Sehr schmerzlich berührte es Erwin Lehn, als der scheidende SDR-Intendant Hans Bausch Ende der 80er Jahre verfügte, daß die Gelder für das vormalige „Tanzorchester“ um etwa die Hälfte reduziert werden sollten. Wichtige Solisten wie der Trompeter Johannes Faber und der Posaunist Joe Gallardo wanderten zum NDR ab. Das 40jährige Bestehen seiner Big Band feierte Lehn mit einer TV-Aufzeichnung 1991 bei den österlichen Theaterhaus-Jazztagen. Wenige Monate später demissionierte der aufrichtige Künstler 72jährig beim Funk, führte jedoch seine Arbeit an der Musikhochschule bis vor kurzem weiter. 1992 übernahmen dann die beiden Trompeter Karl Farrent (Bietigheim-Bissingen) und Rudi Reindl (Benningen) die Geschäftsführung des swingenden Unternehmens, das mittlerweile angepaßt als „SWR Big Band“ firmiert und auswärtige Dirigenten von Fall zu Fall verpflichtet.

 Auch im doppelten Schwabenalter ist für den gebürtigen Pfälzer die Jazzmusik eine Herzenssache, so besuchte er auch Anfang Mai 1999 wieder die renommierte Villa-Berg-Matinee seines einstigen Orchesters. Und außerdem bekennt er sich als „Blauer“: nicht der „blue notes“ wegen – Erwin Lehn ist populärer Fan der „Stuttgarter Kickers“.

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