6. Internationales Jazz-Art-Festival in Schwäbisch Hall: Musikalische Vielfalt unter Barockengeln – Jazzpages – Jazz in Deutschland / Germany


Alle Photos auf dieser Seite: Hans Kumpf 

Inzwischen hat sich das seit 2007 durchgeführte Jazz-Art-Festival im baden-württembergischen Schwäbisch Hall bei der Fangemeinde eines festen Platz erobert. Sogar aus Deutschlands hohem Norden reisten unentwegte Enthusiasten an, und auch aus England kam ein Jazzliebhaber nach Schwäbisch Hall, das eben mehr als nur Bausparkasse ist. Ein längst säkularisierter Gottesbau, nämlich die barocke Hospitalkirche, sorgt für eine einmalige Atmosphäre, von der auch die Künstler stets angetan sind und für sich selbst eifrig Fotos machen. Mit einem noch größeren Publikumszuspruch rechnen die Veranstalter, das städtische Kulturbüro, der Haller Jazzclub, der „Konzertkreis Triangel“ und das örtliche Goethe-Institut nicht, da die Hospitalkirche kaum 300 Plätze fasst.

Beim offiziellen Eröffnungskonzert bewies Bill Ramsey, dass er mit 80 Jahren und nach einer Knieprothesenoperation stimmlich und geistig voll da ist und noch lange seiner swingenden und bluesigen Jazz-Leidenschaft frönen will. Akkurat begleitet wurde der amerikanische Wahl-Hamburger vom Quartett des Pianisten Thilo Wagner. Etliche Leute, die zuvor „Big Bill“ nur als Schlagerulknudel gekannt hatten, nun im ausverkauften Saale entzückt ob dessen kreativen Jazzfähigkeiten. Tags zuvor hatte es ein „warm up“ mit einer Band des Evangelischen Schulzentrums vom nahen Michelbach an der Bilz gegeben. Mit drei Gitarristen, zwei E-Bässen, einem Waldhorn sowie einer Tuba hatte das Orchester eine unorthodoxe Besetzung. Der in der Stuttgarter Region schon seit Jahrzehnten in der Avantgarde-Szene aktive Saxophonist Martin Keller holte kompositorisch das Beste für die Jugendlichen und die Zuhörer heraus.

Eher geruhsamging es dagegen am zweiten Festivaltag zu. Zwei in der medialen Öffentlichkeit viel beachtete und gelobte Formationen ließen auch in Hall aufhorchen. Das Trio des Pianisten Pablo Held praktizierte eine eng verwobene Musik zwischen kompositorischen Parts und interaktiven Improvisationen, der norwegische Trompeter Mathias Eick blies mit angehängter Elektronik meditative Melodien aber zuweilen auch Aufbrausendes.

Trio „ELF“ 

Das Ensemble „ELF“ buchstabiert man so: Eisenhauer-Lang-Faller. Zwar treten die im Großraum München angesiedelten Musiker in der „klassischen“ Jazz-Trio-Besetzung an, doch der Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer, der Pianist Walter Lang jun. und der Bassist Sven Faller sprengen zuweilen wollüstig althergebrachte Konventionen.

Im Techno-Zeitalter wird der eigentlich akustische Flügel zum Zulieferer für elektronische Transformationen, unter dem Kontrabass sind steuernde Pedale wie bei einem E-Gitarristen positioniert und das Schlagzeug tönt wuselig und knackig. 

Das „Trio ELF“ wartet zudem mit einem vierten Mann auf. Hinten im Zuschauerraum am Mixer mischt Mario Sütel die Sounds eigenständig und kreativ auf. Der erhebliche Lautstärkegrad trägt das Seine dazu bei, dass diese Art von unorthodoxer Jazzmusik in die Gehörgänge jüngerer Zuhörer findet.

Individualität und Eigenständigkeit sind für interessantes Jazzmusizieren unabdinglich. Diese Qualitäten kann das Trio ELF respektive „Elf“ in Anspruch nehmen. Freilich ertönen die oft brasilianisch orientierten Stücke bei aller elektronischen Hexerei mitunter sehr ohrengefällig. In der vom Konzertkreis Triangel organisierten Veranstaltung wurde bei einer Zugabe in traditionellster Balladen-Manier geschwelgt, nachdem der Abend in der Hospitalkirche mit dem Stück „Elfenland“ geradezu märchenhaft und lieblich begonnen hatte. Mittendrin eine Musik-Melange, die Johann Sebastian Bach integrierte und mit ihren „beats“ durchaus Disco und Lounge bedienen kann. Die spielerische Elf-Herausforderung besteht hier wie da.

Bassist Gramss und Saxophonist Huhn 

Auch Bill Ramsey wusste es zu Beginn des Art-Jazz-Festivals: Nicht alles, wo „Ellington“ drauf steht, muss ein „Duke“ drin sein – oft war sein Alter Ego, der ebenfalls Piano spielende Billy Strayhorn, der geistreiche Urheber. Leonhard Huhn (Altsaxophon) und der auch der des Cellospielens mächtige Sebastian Gramss am Kontrabass wagten das Unterfangen, eine für Big Band verfasste Komposition auf eine Duo-Besetzung zu reduzieren. Gehen da nicht die zahlreichen Klangschattierungen zwangsläufig verloren? Interessant in diesem Zusammenhang ist ja, dass auch Maurice Ravels Instrumentationsstudie „Bolero“ vielfach derart minimalisiert wird. 

Das Experiment ist gelungen. Das Label „fixcel records“ hat die von Sebastian Gramss umarrangierte „Far East Suite“ herausgebracht. Und bei der „live“-Präsentation wusste das Duo mit einem reichhaltigen Klangfarbenspektrum zu überzeugen. Feinnervige Multiphonics erzeugte Huhn, und polyphon und obertonreich kam auch Gramss daher. 

Da mochte sich der kundige Zuhörer bei Leonhard Huhns variablen Altsaxophonspiel mal an die arabische Zourna-Tröte, das indische OboeninstrumentShanai, die japanische Shakuhachi-Flöte oder gar an Tabla-Trommeln erinnern, wenn Huhn auf seinem „saxuell“ befreiten Blasinstrument perkussiv mit den Klappen schnalzte. Entsprechend vielfältig agierte Sebastian Gramss auf seinem großvolumigen Kontrabass, den er zuweilen mit zwei Bögen gleichzeitig strich, die indische Sitar imitierte und auch mal gitarristisch in die dicken Saiten griff.

Billy Strayhorn ließ sich 1963 vom Vogelgezwitscher in der indischen Hauptstadt inspirieren und zur hübschen Komposition „Bluebirdof Delhi“ anregen. Auch die anderen Stücke verströmten jeweils eine ganz besondere Atmosphäre: „Mount Harissa“, ein Berg bei Beirut, der „bebopig“ rasende indische Tanz „Depk“, das abgeklärte „Isfahan“. Sebastian Gramss und Leonhard Huhn setzten dem jazzorchestralen Meisterwerk von Ellington/Strayhorn eine kammermusikalische Krone auf. 

Julia Hülsmann mit Daniel Mattar 

Gedichtvertonungen, mal impressionistisch und auch expressiv, bestimmten das Konzert der Pianistin Julia Hülsmann und des Tenors Daniel Mattar. Schon zum dritten Mal wurde Julia Hülsmann zum Haller Festival eingeladen. 2008 kam die Pianistin zusammen mit der Saxophonistin Maike Goosmann, ein Jahr später präsentierte sie in der Hospitalkirche ihre doch relativ spröde Komposition „Fosil“ über das Leben von Aisha, der geliebten Frau des Propheten Mohammednach einer Textidee des mitwirkenden Gitarristen Marc Sinan.

Jüngst provozierte die 1968 in Bonn geborene und seit zwanzig Jahren in Berlin wohnhafte Künstlerin weniger durch Musik als durch Worte jede Menge Schlagzeilen. Sie wurde nämlich zur neuen Vorsitzenden der „Union Deutscher Jazzmusiker“ und forderte nun vereint mit ihren Kollegen und Kolleginnen mehr staatliche Subventionen für den Jazz. Ob dies in Zeit der internationalen Finanzkrise, der staatlich bis kommunalen Sparzwänge und des – gerade als Buch erschienenen und so apostrophierten – „Kulturinfarkts“ durchzusetzen ist, bleibt leider zu bezweifeln.

Das kleine Norwegen – bekanntermaßen nicht EU- und Euro-Land, aber mit Nordsee-Öl gesegnet – wird jetzt immer wieder als Vorbild einer swingbehafteten Kulturförderung genannt. Mit der aus Oslo stammenden Sängerin Rebecca Bakken begann vor einem Jahrzehnt die Weltkarriere von Julia Hülsmann. Sie arbeitet ja gerne mit Vokalisten zusammen, auch mit Roger Cicero. Mit dem Sohn des rumänischen Crossover-Pianisten Eugen Cicero hatte sie 2006 gerade das Album „GoodNight Midnight“ kreiert, aber kurz darauf avancierte dieser durch „Männersachen“ und seine Teilnahme beim „Eurovision Song Contest“ in Helsinki zum allseits bekannten Pop-Star. Nach Hall brachte sie jetzt – als speziellen Beitrag des Goethe-Instituts – den drahtigen Daniel Mattar mit, ebenfalls Glatzenträger, aber ohne kaschierenden Krempenhut. Bestens vertraut ist hier bereits Bassist Marc Muellbauer, Schlagzeuger Heinrich Köbberling wurde mittlerweile durch Roland Schneider ersetzt.

Nach wie vor ist bei den notierten Werken von Julia Hülsmann der Brecht-Komponist Kurt Weill durchzuhören. Der 1908 entstandene Zwölfzeiler „Es ist Nacht“ von Christian Morgenstern beginnt mit triolischen Figuren auf dem Klavier, bevor Daniel Mattar mit geradezu klassischem Tenorgesang einsetzt. Zunächst mag man an das französische Chanson denken, dann brilliert er aber mit einer Scat-Improvisation, um schließlich – so penetrant wie einst in der Neuen Deutschen Welle – den Gedichtbeginn „Es ist Nacht /und mein Herz kommt zu dir“ mehrmals zu wiederholen, während Julia Hülsmann ähnlich wie in der Weill-Oper „Mahagonny“ auf dem Steinway eindringlich Riffs markiert.

Dann die Novelle „GoodNight Midnight“ der nachtaktiven Amerikanerin Emily Dickinson (1830-1886). Während Roger Cicero ja stets mit einem aufgekratzten Stimmorgan aufwartet, kam der in Osnabrück als Gesangprofessor tätige Daniel Oertel/Mattar recht sonor und klassisch rein daher. Auch hier schimmerte Diktion und Gestus von Kurt Weill durch.

Dramatische Spannung und hohe Intensität erzeugt Julia Hülsmann auch, wenn sie auf dem Flügel rhythmisch akzentuiert eben „eintönige“ Orgelpunkte setzt. Kompositorisch wie instrumental widersetzt sie sich alten Jazz-Klischees. Zudem lässt sie sich nicht zum bloßen Virtuosentum verleiten – die Gesamtaussage zählt.

Als Zugabe zelebrierte der mit dem Julia Hülsmann Trio überzeugend vereinte Daniel Mattar“Mama ToldMe (Not to Come)“ des bitterbösen Songwriters Randy Newman. Bestens kommunizierte er da geradezu freiimprovisatorisch mit der Pianistin und schwang sich ins hohe Falsett auf. Zuvor demonstrierte der universelle Wahlberliner, dass er sowohl die metallische und flexible Stimme eines Al Jarreaus als auch die nasale „human Beat-Box“ eines Bobby McFerrins drauf hat.

Das Kapital

Ein Geist geht immer noch um in der aktuellen Jazzszene – der von Hanns Eisler. Sei es der emeritierte Musikwissenschaftler Ekkehard Jost aus Gießen oder die berüchtigten Kölner „Saxophon-Mafiosi“ Wollie Kaiser und Dirk Raulf – mit tiefsttönenden Saxophonen blasen sie massiv gegen den Gleichschritt an. Und nun ein Trio namens „Das Kapital“. Karl Marx, der Revolutionär und Buchautor wird geehrt – und nicht der vormals brav im Schwabenland lebende Komponist Karl Marx (1897-1985).

Linke Musik ist bei dem Multikulti-Ensemble erklärtes Programm. Saxophonist Daniel Erdmann kommt aus Deutschland, Gitarrist Hasse Poulsen aus Dänemark und Perkussionist Edward Perraud aus Frankreich. Den vorwiegend von Hanns Eisler (1898-1962) erschaffenen und in der Hospitalkirche unter christlichen Aposteln präsentierten Stücken drückten die Drei vom „Kapital“ einen ganz eigenen Stempel auf. Südamerikanisches – vom tänzelnden Calypso bis zur brasilianischen Samba-Musik – fand sich fast bei jeder der gewitzt arrangierten und vital vorgetragenen Nummern. Daneben subtile Sound-Sequenzen, beispielsweise mit einem Bogen gestrichene Schlagzeug-Becken und gleichermaßen traktierte Gitarrensaiten. 

Die einschlägigen Hits durften nicht fehlen – das „Solidaritätslied“, welches durch intelligent aufbereitete Taktwechsel einen Marsch-Trott ins Stolpern bringt, oder das „Einheitsfrontlied“. Die Völker hörten die Signale nun auf dem Tenorsax als lasziven Blues. „Die Moorsoldaten“, entstanden in einem KZ, führten nach einer langen filigranen Einleitung auf der elektronisch abgenommenen Akustik-Gitarre zu einem Lamento mit dann aufhellenden Harmonien. Über alle Weltanschauungen hinweg ließ sich das Publikum von der doch originellen und unvergesslichen Musikdarbietung begeistern. Ein Geist geht um….

Günter „Baby“ Sommer 

Wieder eine Sonntagsmatinee des Jazz-Art-Festivals in der Kunsthalle Würth. Zur frühen Stunde erteilte Professor Günter Sommer dem aufmerksam lauschenden Publikum aller Altersklassen eine Lehrstunde in Sachen Jazzschlagzeug und war am 1. April erst recht zum Scherzen aufgelegt. Da verriet Sommer, warum er, sozusagen der Rhythmus-Bezwinger von Dresden, den Beinamen „Baby“ erhielt. Dies geschah in der alten DDR 1964 eigentlich ziemlich boshaft durch den Trompeter Klaus Lenz in Anspielung auf den Louis-Armstrong-Drummer Baby Dodds.

Besonders beeindruckten den 1943 geborenen Sachsen jedoch die drei afroamerikanischen Modern-Jazz-Musiker Art Blakey, Max Roach und Philly Joe Jones. Diesen Instrumentalkollegen widmete er in seiner Haller Solo-Performance jeweils ein Stück. Baby Sommer erzählte gewitzt, wie wichtig es sei, gerade als Europäer seinen eigenen Weg im Jazz zu beschreiten. 

Aus der Mangelwirtschaft in der verblichenen Deutschen Demokratischen Republik machte er eine Tugend. Fern der Edelprodukte von „Sonor“ oder „Paiste“, beschaffte er sich sukzessive ein eigenwilliges Instrumentenarsenal – beispielsweise eine inzwischen hundertjährige Konzertpauke, Röhrenglocken, Gongs und Tam-Tams. Neu im Sammelsurium ist eine im Schwabenländle erbaute afrikanische Schlitztrommel. 

Inzwischen hat Günter „Baby“ Sommer weltweites Renommee erlangt. Nicht nur im Musikbereich. Mit Blechtrommler Günter Grass machte er eine Tournee, mit dem aus Syrien stammenden Schriftsteller Rafik Schami trat er vor zwei Jahren in der Hospitalkirche auf. Seine Konzerte reichert Sommer regelmäßig mit sinnvoll herausgearbeiteten theatralischen Effekten an und setzt noch ergänzend sein Vokalorgan ein. Der musikalische Spaß bleibt bei ihm ungebrochen.

Randi Tytingvåg

Ein grenzüberschreitendes „Jazzopen“ setzte beim 6. Internationalen Jazz-Art-Festival den Schlussakkord. Die vom Konzertkreis „Triangel“ verpflichtete Vokalistin Randi Tytingvåg stellte ihre neue CD “Grounding” vor.

Da hat eine Woche vor Ostern die norwegische Sängerin Randi Tytingvåg der Haller Jazzfestivät ein Pop-Ei ins Nest gelegt. Als die hervorragend Englisch parlierende Künstlerin einst in London studierte, waren Ella Fitzgerald und Billie Holiday ihre Idole. Nun orientiert sie sich nach eigenem Bekunden mehr an Joni Mitchell und Tom Waits. Sie selbst erhebt nicht den hehren Anspruch, als Jazzsängerin zu gelten. Die von Starallüren freie und unkomplizierte Skandinavierin fühlt sich dagegen als „Singer/Songwriter“ und „Storyteller“. 

Auf ihrer jüngsten Silberscheibe kommt Randi Tytingvågmit ihren selbst erfahrenen und in englischer Sprache gereimten Geschichtchen ziemlich schlagerhaft und kleinlaut daher. Oftmals sind die Melodien und Harmonien freundlich klischeehaft und schon bei der ersten Rezeption absolut voraushörbar. Ins zackige Tango-Metier begibt sich die Norwegerin bei „Your Way“ und „Heads Up“. Der Opener „Patience“ kommt einem gleich bei der ersten Rezeption sehr vertraut vor – die Britin TanitaTikaram lässt mit „Twist In MySobriety“ grüßen, freilich ohne die unverwechselbare Oboenbegleitung.

Bei der „live“-Präsentation klingt das Unternehmen allerdings knackiger und kraftvoller. Und Randi Tytingvåg setzt sich mit strahlendem Sopran herzhaft in Szene. Die Begleitmusiker sind die gleichen wie auf der „Grounding“-CD, jedoch muss beim „live act“ auf Overdubbing verzichtet werden. Trotzdem tummelt sich viel trickreiches Elektrogerät auf der Bühne, so bedient Jo Berger Myhre nicht nur einen normalen E-Bass und eine außergewöhnliche Bariton-Gitarre, sondern auch noch leichtfüßig eine Orgelpedaltastatur, um lange Töne zu erzeugen. Gitarrist Ivar Grydeland agiert ausgiebig auf dem Banjo im Flair amerikanischer Country-Folklore. Schlagzeuger Pål Hausken setzt zu der sphärischen Musik mit dramatischen“ bass drum“-Schlägen einen Kontrapunkt.

Zum Vormerken: Das nächste Jazz-Art-Festival in der Salzsiederstadt am Kocher soll vom 20. bis 24. März 2013 stattfinden.

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