28. Internationale Theaterhaus Jazztage Stuttgart

Photo: Kumpf
Text und Photos: Hans Kumpf 

Alte Freunde, neue Akzente: „The Magical Mystery Tour of Jazz“

Ganz nach den Beatles das diesjährige Osterfestival vom Stuttgarter Theaterhaus übertitelt: „The Magical Mystery Tour of Jazz“. Freilich bedeutet dies nicht eine Hommage an den Beat von Liverpool, sondern soll auf die vielen zauberhaften Momente hinweisen, welche dem Jazz nach wie vor innewohnen. Zumal darf man bei den Künstlern, die fast alljährlich von Werner Schretzmeier & Co. in die Landeshauptstadt geholt werden, stetig noch Novitäten erwarten. Und das treue Publikum kann sich auf besondere Akzente einlassen – aktuell Tanz, Lyrik und klassische Musik.

Nachdem wegen Finanzierungsproblemen die Internationalen Theaterhaus-Jazztage in den Jahren 2010 und 2013 ganz ausfielen, scheint nun der Fortbestand des weltoffenen Konzertreigens im Frühjahr gesichert, zumal auch die grün-rote Landesregierung ihr Scherflein dazu beiträgt.

Das Eröffnungskonzert am Gründonnerstag präsentierte einen variantenreichen „Mediterranian Sound“, zunächst mit dem Vokalsextett „A Filetta“. Die gestandenen Männer aus Korsika interpretieren unter der Leitung von Jean-Claude Acquaviva in höchster Disziplin und reinster Intonation verhaltene Weisen, welche an mittelalterliche Madrigale und an Gregorianik gemahnen. Der Chorsatz ist meist homophon gestaltet mit leichten fugativen Ansätzen. Eindrucksvoll die expressive Darbietung. Wahrlich aber kein Jazz – der italienische Trompeter Paolo Fresu hat jedoch mit der Gruppe bereits kooperiert. Vielleicht wäre diese etwas für den norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek, nachdem ihm nicht mehr das britische Hilliard-Ensemble zur Verfügung steht…

Der schon lange in München wohnende Libanese Rabih Abou-Khalil gilt im Stuttgarter Theaterhaus seit 1989 als ein gern gehörter Gast. Der kosmopolitische Oud-Virtuose integriert in sein neues Quartett den italienischen Knopf-Akkordeon-Meister Luciano Biondini, der bekanntlich an Ostern 2014 im Theaterhaus zusammen mit dem polnischen Geiger Adam Baldych erfolgreich auftrat. Der sardische Sopransaxophonist Gavino Murgia betätigte sich zudem noch vokal als Bass(gitarr)ist und als (tibetanischer) Obertonsänger, während sich der US-amerikanischer Drummer Jarrod Cagwin ausgiebig Rahmentrommeln integrierte. Fürwahr ein Feuerwerk von Polyrhythmen und lebhaften Melodien. Und immer lustig die verschmitzten Märchenerzählungen des charismatischen Orientalen Rabih Abou-Khalil.

Ngyun Lê- Photo: Kumpf

Zeitlich Großteils überlappend hieß es im kleineren – und ebenfalls vollbesetzten – Saal T2 „Spacy Sounds“. Der vietnamesische Gitarrist Nguyen Lê mit Wahlheimat Parishat sich jetzt in Nonett-Besetzung „The Dark Side oft the Moon“ der legendären und innovativen Pop-Gruppe „Pink Floyd“ angenommen. Naturgemäß viel Elektronik und ausgetüftelte Bläsersätze – ein mehr oder weniger swingendes Gesamtkunstwerk allenthalben.

Zuvor hatte der amerikanische Posaunist Ray Anderson sein neues „Organic Blues & Jazz Quartet“ vorgestellt. An der „altmodischen“ Hammond-Orgel samt adäquatem Leslie-Gewimmer saß da Gary Versace, Steve Salerno machte den rockigen Gitarristen und Tommy Campell den eigenwilligen Schlagzeuger.

Ray Anderson- Photo: Kumpf

Die Eingangsnummer hieß zwar „At Home in the Muddy Water“, es handelt sich hierbei aber nicht um einen dem angehimmelten Blues-Vater Muddy Waters gewidmeter Titel. Vielmehr goss Anderson beherzt Mineralwasser in seine Zugposaune und ließ es ordentlich blubbern. Programmmusik also für „schlammiges Wasser“. Nach Andersons eigenen Worten soll dieses Stück dem Zen-Buddhismus verbunden sein. Der Bürgerrechtsbewegung und John Lewis (dem Politiker und nicht dem Modern-Jazz-Quartet-Pianisten) zugedacht ist „Marchin On“. Doch da verlässt der zungenfertige Bläser mit dem antiquiert blechernen Ton alsbald das 12-taktige Bluesschema und agiert recht neutönerisch, auch vokal. Althergebrachtes und Avantgardistisches wird da munter kombiniert. Und dies zeichnet ja einen lebendigen und zeitlosen Jazz aus.

Am Karfreitag wurde feste gefeiert. Die „Geburtstagskinder“ Ack van Rooyen (85) und Herbert Joos (75) erfuhren eine konzertante Ehrung, und die beiden Trompeter sind im hohen Alter noch technisch fit. So weit brachte es Louis „Satchmo“ Armstrong seinerzeit leider nicht.

Herbert Joos - Photo: Kumpf

Der in Schwabenland heimisch gewordene Badener Joos brachte auf die Bühne gar einen alpenländischen Musikverein mit, nämlich wieder die „Amstetter Musikanten“ – eine Reminiszenz des auch Alphorn blasenden Jazzers an seine Zeit im Vienna Art Orchestra um Matthias Rüegg und Wolfgang Puschnig. Als deutsche Erstaufführung wurden „Trauermärsche und mehr“ geboten. Todesahnungen sind vereinzelt auch bei den von Herbert Joos gefertigten Zeichnungen auszumachen, die im Theaterhaus-Foyer ausgestellt sind. Daneben werden von Jörg Becker aufgenommene Fotos des besonders gerne zum Flügelhorn greifenden Multi-Künstlers gezeigt. Der Holländer Ack van Rooyen gehört eng zu Stuttgart, seitdem er in den 1960er Jahren von Berlin kommend zur Radio-Big-Band von Erwin Lehn stieß. Nun spielte er im Theaterhaus mit einer Combo auf und begrüßte Joo Kraus als jungen (singenden) Instrumentalkollegen.

Populärer Rock Jazz bis zum HipHop erlebte man am Ostersamstag in der größten Theaterhaus-Halle. Hart zur Sache ging zunächst der Nürnberger Schlagzeuger Wolfgang Haffner mit seinem „All Star Project“. Dazu gehörten der Gitarrist von Oscar Peterson her bekannte Ulf Wakenius, der schwedische Bassist Dan Berglund sowie der aus Marokko stammende Perkussionist Rhani Krija, der mit dem Bandleader zu guter Letzt ein neckisches Duo-Geplänkel einging.

Haffner - Photo: Kumpf

HipHop samt Rapper brachte erneut Christian Eitner mit seiner „Jazzkantine“ auf die Bühne. Als der Bassgitarrist samt seiner in Göttingen stationierten Formation vor genau 20 Jahren im „alten“ Theaterhaus von Stuttgart-Wangen gastierte, hatte er noch Gunter Hampel (Vibraphon, Flöte, Bassklarinette) dabei. Dieser kreative Freigeist fehlte heuer.

Richtig improvisatorisch ging es fast zeitgleich im ziemlich kammermusikalischen Saal „T2“ zu, als der Sprachvirtuose Tobias Borke sich für seine ad-hoc-Kunststückchen vom Publikum ein paar Stichwörter zurufen ließ.

Die Vokalistin Lia Pale programmatisch mit Franz Schubert, der Bassist Dieter Ilg nun mit Ludwig van Beethoven. Der amerikanische Pianist Richie Beirach, derzeit Jazzlehrer in Leipzig, huldigte zusammen mit Gregor Hübner (Violine, aber auch Klavier) voller Respekt Johann Sebastian Bach. Dessen Beerdigungschoral „Es ist genug“ (alias „It‘s Enough“), der mit vier aufsteigenden Ganztönen zum harmonisch schrägen Tritonus führt, wurde mit lieblichen Arpeggien harmonisch entschärft, und die ursprüngliche Flötensonate „Siciliano“ (BWV 1031) erfuhr eine schöne swingende Variante.

Bei „Gregor’s Night“ war der 1967 geborene Hübner in zwei Formationen beteiligt, nämlich im beherzt jazzenden „European Quartet“ von Richie Beirach und mit seinen Studenten im „Munich Composers Collective“. Raffinierte Stücke mit verblüffenden Soundeffekten und jazzbetonten Leidenschaften. Da seien beispielsweise die ausgeklügelten Kompositionen der Sängerin Monika Roscher und des Trompeters Andreas Unterreiner genannt.

Die Weiblichkeit dominierte naturgemäß bei dem dreiteiligen Oster-Konzert „Women in Jazz“. Die Saxophonistin Caroline Thon brachte aus Köln ein ganzes Orchester mit, inklusive ein paar Talente, die aus dem baden-württembergischen Wettbewerb „Jugend jazzt“ hervorgegangen waren. Auch die österreichische Vokalistin Filippa Gojo  – kurz zuvor demokratisch ermittelt und frisch ausgezeichnet mit dem „Neuen Deutschen Jazzpreis“ in Mannheim – beteiligte sich. Die aus Südkorea stammende Gee Hye Lee drückte im Quartett des Gitarristen Frank Kuruc die Flügeltasten, und die frankophile Saxophonistin Alexandra Lehmler, 2014 Jazzpreisträgerin des Südweststaates, lud mit den beiden Perkussionsspezialisten Franck Tortiller und Patrice Héral zwei Franzosen ein. Aber auch das Geburtstagskind Herbert Joos wurde für diese Jazz-Partie von der blonden Dame auserwählt.

Mehl Quartett und Tanz - Photo: Kumpf

Jazz und Tanz verbündeten sich gleich mehrfach. Zuerst in der Aktion der Pianistin Aki Takase mit Yui Kawaguchi, dann im Premierenprojekt des Quartett der beiden Mehl-Brüder Magnus (Altsaxophon) und Ferenc (Schlagzeug) mit drei Tänzern des Stuttgarter Balletts: Elisa Badenes, Pablo von Sternenfels und Jesse Fraser. Neben durchkonzipierten und choreographierten Parts fand sich hierbei auch genügend Improvisiertes ein. Euphorische Stimmung auf der Bühne und im Zuschauerraum.

Die Zuhörer begeisterten sich überaus an der eidgenössischen Zweierbeziehung des Stimmakrobaten Andreas Schaerer mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli. Für viele ein Highlight. Freilich: Die fünf Jazztage offerierten ein dermaßen reichhaltiges Programm, das von einem einzelnen Besucher nicht vollständig bewältigt werden konnte. Dies war schon durch die zeitliche Parallelität der Veranstaltungen ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Ostermontag brachte mit dem Drummer Pete York, mit dem der Gitarrist Torsten Goods kooperierte, und der Sängerin Lisa Simone, Tochter einer berühmten Mutter, ins populistische Spiel. 

Über die Generationen hinweg: Die stilistische Pluralität und die diversen individuellen Ausrichtungen machten den seit 1985 existierenden Osterjazz des Stuttgarter Theaterhauses in diesem Jahr erst recht zu einer spannungsgeladenen Angelegenheit. Interessante Qualitäten bei hohem Publikumsquantum.