Wolfgang Dauner / Charlie Mariano beim Jazzclub Rheinhessen. 15. April 2005

Chet Baker und Gerry Mulligan haben „My Funny Valentine” zart und andächtig sowie mit schlichter Melodiosität gespielt. Das liegt nun mehr als fünf Jahrzehnte zurück. Die Duo-Interpretation des Pianisten Wolfgang Dauner und des Saxophonisten Charlie Mariano beim Konzert des Jazzclubs Rheinhessen zeigt, dass der Standard von Richard Rogers nichts von seiner zeitlosen Schönheit verloren hat. Dauner beginnt mit einer leisen und verspielten Single-Note-Variation des Themas, dessen Harmonie er aber schon nach wenigen Takten aufgebricht. Mariano antwortet mit einer lang gezogenen, lyrischen Linie, die in Intensitätswellen auf- und abschwillt. Ein Pianosolo mit perlenden Läufen, Saxophonpassagen mit leicht überblasenen Höhen, dazu wiederum eine geradezu ökonomische Begleitung auf dem Flügel führen das Thema in die Moderne, ohne die Tradition zu verleugnen.

„Plum Island“, eine bereits ältere Komposition Marianos featured das Charakteristikum des Saxophonisten: singende Sounds auf dem Instrument mit Stimmungen des Blues und der indischen Musiktradition, lyrische Ausdrucksweise und feurige Intensität. Selbst in den überblasenen Ausbrüchen verliert das Spiel nichts an Wärme, die teils rhapsodischen Linien zeichnen sich durch feinste dynamische Nuancierungen aus.

„Trans Tanz“, eine ebenfalls bereits betagte Komposition aus der Feder Dauners belegt die Bandbreite dieses Grenzgängers zwischen Stilen und Kulturen. Der Pianist spielt seinen Sechs-Achtel-Hit mit virtuosen harmonischen Fortschreitungen, baut schier endlose Spannungsbögen mit ostinaten Bass-Figuren der linken Hand, während die rechte Variationen des Themas aus den Tasten perlen lässt. Diese Dauner-Eigenheit zeigt sich auch in seinem bekannten „Wendekreis des Steinbocks“, wo die minimalistischen Figuren in den Basslagen hypnotische Kraft entwickeln, die Melodiehand Kapriolen schlägt, zwischen Single-Note-Läufen sperrige Akkorde schichtet. Romantizismen lassen sich nicht überhören, fügen sich gut zu den Gesanglinien des Saxophons – besonders in Balladen, die der Mariano-Komposition „Randy“. Das Spiel auf dem Blasinstrument pendelt zwischen lyrisch und ekstatisch, in die Harmonieseligkeit des Pianos schleichen sich Monk´sche Sperrigkeiten ein.

In der Zugabe präsentiert das Duo den begeisterten Zuhörern in der ausverkauften Sängerhalle der Rheinhessengemeinde Saulheim ihre Interpretation des „St. Louis Blues“. Soul-Feeling prägt das Saxophon, im Piano-Spiel treiben Boogie-Elemente das Thema voran, blitzen Zitate der Harlem-Stride-Schule auf. Das Publikum feiert Dauner und Mariano stehend mit nicht enden wollendem Applaus und zwingt die Musiker noch zu einem gefühlvollen „All the things you are“, einem Ohrwurm-Klassiker aus der Feder von Jerome Kern.