Trotz 99 ein Jahrhundertheld – Louis Armstrong

Am amerikanischen Unabhängigkeitstag gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Geburtsort des Jazz das Licht der Welt zu erblicken – dies ist alles zu schön und zu stimmig, um wahr zu sein. Kein Zweifel besteht natürlich daran, dass die Legende Louis Armstrong in New Orleans ihren Lauf nahm. Und der mitteilsame Musiker fantasierte später gar: „Es war ein von Raketen krachender 4. Juli, an dem ich zur Welt kam, und man nannte mich Feuerwerksbaby“. Anfang Juli 1970 feierte „Satchmo“ seinen 70. Geburtstag zunächst an der Westküste in Los Angeles und dann an der Ostküste beim Newport-Jazz-Festival. Im New Yorker Madison Square Garden waren dann Duke Ellington und Ray Charles seine Gratulanten und Mitmusiker bei „Hello Dolly“.

Die 100. Geburtstage wichtiger Jazz-Figuren reihten sich in letzter Zeit doch ganz angenehm für Veranstalter und Plattenproduzenten auf: 1998 George Gershwin (der ja mit seinen Kompositionen eine Menge Arrangier- und Improvisationsstoff lieferte), 1999 Duke Ellington – und zum Millenium also Louis Armstrong.

Microsofts Encarta-Enzyklopädie 2000 nennt den 4. August 1900 als – lediglich um einen Monat verschobenes – Datum. Der „Satchmo“-Biograf Gary Giddins grub bereits 1988 das Taufregister des Gotteshauses „Sacred Heart of Jesus Christ“ aus, wo in lateinischer Kirchensprache vermerkt ist: „Armstrong (Neger, illegitim/unehelich). Am 25. August taufte ich Louis, geboren am 4. August 1901, Eltern: William Armstrong und Mary Albert“.

Der Vater arbeitete in einer Terpentinfabrik, und die erst 15-jährige Mutter verdingte sich als Dienstmädchen bei einer weißen Familie, könnte aber (auch) der Prostitution nachgegangen sein, wie Louis Armstrong einmal nicht ausschließen wollte. Ein kaputtes bis nicht existierendes Elternhaus, etwas Geborgenheit bei der Großmutter – ein Straßenkind letztendlich. Im allerärmsten Slum-Distrikt der Hafenstadt wuchs der Kleine auf, verdiente sich ein paar Cents, wenn er Zeitungen verkaufte, für eine Kohlenhandlung schuftete – oder mit drei anderen Jungs im noch reinen Knabensopran abends nahe der berühmten Canal Street für die Laufkundschaft lustige Songs intonierte.

Passiv und aktiv kam Louis Armstrong früh mit Schusswaffen in Kontakt. Und als er beim Herumalbern von der Polizei erwischt wurde, landete der Teenager in einem Erziehungsheim. Louis Armstrong sprach in einer Autobiografie mal verharmlosend von einer „Silvesterknallerei“ und offerierte auch verschiedene Daten, wann und in welchem Alter er denn in die Besserungsanstalt gesteckt wurde. Der damals (vermutlich) 12-Jährige erhielt in dem Internat jedenfalls Blechblasinstrumentenunterricht – ob zunächst nur auf einem einfachen Signalhorn, sei dahin gestellt.

Nach der Entlassung avancierte er in der Stadt am Mississippi-Delta schnell zu einem Trompetentalent – um präziser zu sein: Louis Armstrong spielte zunächst das kleiner und kürzer dimensionierte Kornett. Spaß hatte er bei Karnevalsparaden und Beerdigungsumzügen gleichermaßen. Da wurde der frühe „Jazz“ gemacht – ehe man diesen beim eigentlichen Namen nannte. Das 1718 von den Franzosen gegründete „Nouvelle Orleans“ war ab 1762 spanische Kolonie, bis es 1803 an die USA überging. Erst recht noch mit seiner Funktion als Hafenstadt entwickelte sich New Orleans zum Schmelztiegel verschiedenster Kulturen. So konnte nach dem pianistischen Ragtime, wobei schon schwarze Rhythmik mit weißer Harmonik verbunden wurden, der „instrumentenreiche(re)“ Jazz heranreifen. Zunächst fungierte er als Gebrauchsmusik für Bordelle – für Vergnügungssüchtige, Gauner und Ganoven.

Louis Armstrong selbst war nie ein Kind von Traurigkeit. Wie Laurence Bergreen in seiner neu erschienenen Satchmo-Biografie „Ein extravagantes Leben“ darstellt, nahm der Trompeter regelmäßig Rauschgift und verdingte sich als Zuhälter. Schießereien und Schlägereien ging Armstrong nicht unbedingt aus dem Weg: „Ich hatte den Ruf eines üblen Burschen“, bekannte er später einmal freimütig.

Als 1917 das Vergnügungsviertel „Storyville“ in New Orleans durch die US-Marine geschlossen wurde, um die Kampfmoral im I. Weltkrieg nicht zu gefährden, verloren nicht nur die Huren, sondern auch viele Musiker ihre Existenzgrundlage. Im Norden, in Chicago vor allem, schienen die Arbeitsmöglichkeiten besser zu sein. Doch Louis blieb zunächst in Louisiana. Ende 1918 ging er dort (mit der 21-jährigen Dirne Daisy Parker) die erste seiner insgesamt vier Ehen ein. Und dazu wollte der 1901 Geborene unbedingt volljährig sein. Also machte sich Armstrong um genau ein Jahr und einen Monat älter: so wurde der 4. Juli 1900 kreiert. Und plötzlich hatte er symbolträchtig am (ersten) Nationalfeiertag im neuen Jahrhundert Geburtstag.

Mitunter gab es Spekulationen, der Künstler habe sein Geburtsdatum gefälscht, um nicht als Soldat eingezogen zu werden – aber dies ist barer Unsinn. So las man, er sei eigentlich 1898 auf die Welt gekommen und habe sich auf den Dokumenten verjüngt, damit er sich dem Kriegsdienst entziehen können hätte.

In der internationalen Jazzgemeinde hat sich inzwischen herumgesprochen, wann dem „King of Jazz“ wirklich zu seinem Ehrentag gehuldigt werden müsste. Aber der 4. Juli hat sich so sehr in die Lexika und in die Köpfe eingeprägt, dass man es bei diesem markanten Tag belässt. Am 4. August 2001 kann man ja nochmals feiern – und die Kassen klingeln lassen.

Groß gefeiert wird am bereits am 1. Juli 2000 beispielsweise im Stuttgarter „Mercedes Forum“, mit dem englischen Trompeter Rod Mason, der laut Veranstalter-Werbung „als bester Interpret von Satchmos Trompetenstil gilt“ und zudem auch noch im Gesang die raukehlige Stimme von Armstrong imitiert. Mitte Juli heißt es in Villingen-Schwenningen „VS swingt: Louis Armstrong – 100 Jahre. Ein Tribut an den ungekrönten King of Jazz“.

Ganz groß heraus kommen möchte bei all der Feierwut der ostdeutsche Trompeter Lutz Kniep. Seit 1994 zieht er „Satchmo… die Louis Armstrong Show“ ab, wobei er Trompeten-Ton, vokales Timbre und sogar das (schwarze) Aussehen des Idols nachäfft. Illustriert wird die Prozedur auch im Internet: „Nach etwa 30 Minuten in der Maske ist es dann soweit… für das nahezu perfekte Aussehen des Doubles sind aufwendige Schminktechniken erforderlich“. Ständiges Zahnpasta-Gegrinse, aufgerissene und rollende Glubschaugen, ein weißes Taschentuch in der linken Hand, um Schweiß von der Ventilmaschine der Trompete fern zu halten, als ständiges Accessoire. Die Peinlichkeit wird perfekt, wenn Lutz im WWW sowohl den Geburtstag als auch den Todestag von Louis Armstrong auf einen 4. Juli legen lässt.

Gestorben ist Louis Armstrong nämlich am 6. Juli 1971 – also zwei Tage nach dem der in Wahrheit 70-Jährige seinen 71. Geburtstag feierte. Bereits 1965 munkelte der müde Satchmo, er wolle nun die Kräfte zehrenden Tourneen baldigst sein lassen, stand damals in der Londoner „Sunday Times“. Seine Ausfälle, bedingt durch akute Krankheiten und zu viel Alkoholkonsum sogar während den Konzerten, häuften sich. Vor dem 6.7.1971 brachte die „Stuttgarter Zeitung“ wiederholt Falschmeldungen, Louis Armstrong hätte das Zeitliche gesegnet. Doch: Ente schlecht, noch beinahe alles gut…

Zuletzt lebte Louis Armstrong in New York, verbunden bleibt sein Name immer zunächst mit New Orleans, das ihn so sehr prägte. Immer wieder faszinierte er mit der fast szenischen Interpretation der „New Orleans Function“, die mit einem an Chopin erinnernden Trauermarsch beginnt und fröhlich-paradiesisch endet. Über das (auch bei „James Bond“ vorgeführte) traditionelle Totenzeremoniell in seiner Heimatstadt meinte er: „Typisch für die Begräbnisse in New Orleans ist es, dass man nur bis zum Friedhof traurig ist, zu dem sehr langsam gegangen wird. Sobald der Pfarrer die üblichen Gebete wie „Asche zu Asche und Staub zu Staub“ gesprochen hat, wird alles anders. Der Trommler entfernt das Taschentuch von seinem Instrument, die Kapelle zieht ab, und beim ersten Häuserblock stimmt der Boss mit seinem Kornett ein „tat-tat-tat-ta“ an, und alle spielen „Didn’t He Ramble“. Das Trauergefolge beginnt dann im Takt von einem Bürgersteig zum anderen zu wallen, vor allem die so genannten „zweiten Reihen“, die sich dem Trauergefolge angeschlossen haben: Ärzte, Advokaten, Staatsdiener und alle möglichen Herumlungerer. Wer immer sich von der Musik angezogen und mitgerissen fühlt, reiht sich ein, um zu sehen, was da los ist. Die einen gehen nur ein paar Häuserblocks mit, andere wollen keinen Ton versäumen und gehen vom Friedhofstor bis zum Abschluss der Zeremonie hinter der Kapelle her.“

Als Teenager konnte sich Louis Armstrong in Orleans bei seinen älteren Musikerkollegen ordentlich Respekt und beim Publikum bare Bewunderung verschaffen. Mit 18 und nicht mehr in kurzen Hosen spielte er mit dem Posaunisten Kid Ory zusammen.

1922 ließ Armstrong New Orleans und seine angetraute Ehefrau hinter sich und versuchte sein Glück in Chicago, wo bereits Joe „King“ Oliver, der seinen Ex-Schüler „Little Louis“ als zweiten Trompeter anstellen wollte, auf ihn wartete. Den beiden Blech blasenden Emigranten aus New Orleans tat die Zusammenarbeit am Michigansee gut. Am 5. April 1923 konnte Armstrong mit „King Olivers’s Creole Jazz Band“ erstmals ins Plattenstudio gehen, im Jahr darauf heiratete er die Pianistin seines Mentors, Lil Hardin – und siedelte mit ihr nach New York über. Am 12. November 1925 machte er die ersten Plattenaufnahmen unter eigenem Namen: „Louis Armstrong and His Hot Five“.

Trompeter Roy Eldridge erinnerte sich, wie er 1929 Louis Armstrong erstmals erlebte. Besonders fasziniert sei er von dessen strahlendem Ton und Lippenstärke gewesen. Wirklich: der Sound des „King of Jazz“ klang majestätisch und souverän, traumwandlerische Sicherheit in den Höhen, neckische Glissandi mit halb gedrückten Ventilen – und zum Schluss einer jeden liedhaften Phrase eine Ruheton mit kräftigem Vibrato, wobei Armstrong sozusagen das ganze Instrument schüttelte und erschütterte. Unverwechselbar und eben individuell ist der Trompetenklang und die trompeterische Kunst Louis Armstrongs bis heute geblieben. Die Identifizierung fällt sogar einem Laien leicht.

Der Mann aus New Orleans hatte es geschafft, die symptomatische Musik des Jahrhunderts weg vom stampfenden Marsch hin zum lockeren Swing zu führen. Spielten im genormten Dixieland-Jazz Trompete, Klarinette und Posaune in der polyphonen Verästelung relativ gleichberechtigten Rollen, so emanzipierte Armstrong die Soloimprovisation. Die Trompete des „Jazz-Königs“ thronte besonders effektvoll über Big Bands, wobei sich Louis Armstrong wenig um die ursprüngliche Melodie und das streng Notierte kümmerte. Semantische Bedeutungen waren ihm einerlei, wenn er wortlos mit Silben verblüffende Scat-Vokalisen improvisierte. Sein absolutes „non-belcanto“-Timbre schließlich erschien besonders den Europäern einst als ungewöhnlich und exotisch.

Es folgten nach seiner Chicago-Zeit zahlreiche Konzerte und Tourneen, Auftritte in Shows, Arbeiten in Ton- und Film-Studios. 1932 ging Armstrong auf Auslandsreise – und in England soll er seinen Beinamen „Satchmo“ erhalten haben, eine Abkürzung von „satchel mouth“ (Schulranzen-Mund), wie er in der Kindheit wegen seiner „großen Klappe“ genannt wurde. Zur Ehre gehörte es in New Orleans, einen gewitzten Spitznamen verpasst zu bekommen. Aus Dokumenten geht zweifelsohne hervor, dass mit „Satch-Mo“ zunächst nur dessen Trompete gemeint war. Bei den Musiker-Kollegen hieß der populäre Entertainer dagegen immer „Pops“.

Dizzy Gillespie, der Bebop-Revoluzzer, sagte einmal, der Oldtime-Musiker habe es verstanden, Volkstümliches auf eine künstlerische Ebene zu bringen. Auch „musikalisch unbelastete“ Leute könnten seine Musik verstehen. Vergessen war die Fehde zwischen den Traditionalisten und Modernisten im Jazz, als es vor Fernsehkameras zu einer gemeinsamen Session der zwei stilweisenden Trompeter.

kam. Auch mit dem Cool-Jazzer Dave Brubeck konnte Armstrong musizieren. Mit Leonard Bernstein und seinen Philharmonikern führte er in Anwesenheit des vom Alter gezeichneten Komponisten W.C. Handy dessen „St. Louis Blues“ auf, schön symphonisch mit rührseliger Streichersoße.

Nach 1945 trat Louis Armstrong jedoch vor allem in kleiner Combo-Besetzung mit seinen diversen „All Stars“ an. Die Klarinettisten Barney Bigard und Peanuts Hucko und der Posaunist Trummy Young sollten jahrelang von dem guten Ruf zehren, bei Satchmo „Sidemen“ gewesen zu sein. Spielplatz der unterschiedlichen besetzten Ensembles war die ganze Welt, auch bei „Mutter Afrika“ holte man sich Impulse und gedachte des musikalischen Erbes. 1952 kam der Trompeter in die Bundesrepublik Deutschland, sein späteres Gastspiel am 15. Februar 1959 im Stuttgarter Beethovensaal wurde von Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt fürs TV dokumentiert. 1965 war es Satchmo vergönnt, als erster bedeutender amerikanischer Künstler in der DDR aufzutreten. Zum Jubeljahr veröffentlichte das Label „jazzpoint“ nun „The Legendary Berlin Concert“ und versah die CD mit aufschlussreichen Liner Notes von Karlheinz Drechsel.

Mit sich und der Welt war Louis Armstrong zufrieden. An den Buchautor Max Jones schrieb er: „Ich muss Dir verraten, dass mein ganzes Leben ausgesprochen glücklich war. Bei allem Pech habe ich doch nie für die Zukunft geplant. Das Leben war für mich da, und ich habe es angenommen.“ Freilich plagten Satchmo fortwährend diverse Unpässlichkeiten: die Verdauung, der Magen, die Zähne, die Lunge, das Herz.

Verschiedentlich vorgeworfen wurde Louis Armstrong, er habe für das Musik-Business der Weißen stets den schwarzen Clown abgegeben, einen „Uncle Tom“, bieder und gutmütig. Ein alberner Spaßmacher und kritikloser „Oh yeah!“-Sager? Die deutsche Sängerin Rosa Nabinger fühlt sich brüskiert, weil Satchmo in dem Song „Black and Blue“ verlauten ließ: „My only sin is my skin… I’m white inside“. Die studierte Politikwissenschaftlerin findet diesen Text „völlig inakzeptabel“, schließlich müsse niemand, „weder außen noch innen, eine bestimmte Hautfarbe haben“. Zum 100. Geburtstag von Louis Armstrong brachte die Marburger Vokalistin nun eine Maxi-CD samt neuer Textvariante heraus: „There is no sin in a color of the skin!“. Andererseits gilt es als verbürgt, dass der prominente Mann aus New Orleans in Washington D.C. gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner protestierte. In spontanem Zorn sagte er in der Eisenhower-Ära eine von der Regierung finanzierte Russland-Tournee zunächst ab.

Der bekannteste Jazzmusiker aller Zeiten – dies bleibt nach wie vor Louis Armstrong. Auch die Jugend im 21. Jahrhundert kann mit diesem Namen noch etwas anfangen. Nicht etwa, weil er für die deutschsprachigen Fans aller Generationen in dem sentimentalen Film „La Paloma“ Ende der fünfziger Jahre zusammen mit der kleinen Gabriele im englisch-deutschen Duett das Gute-Nacht-Lied „Uncle Satchmo’s Lullabye“ intonierte. Seine Versionen von der eigentlichen Beerdigungshymne „When the Saints“ oder von der makabren Ballade „Mack the Knife“ (Brecht/Weill) sind von der globalen Musikgeschichte nicht wegzudenken. Schlagerhaft gerieten „C’est si bon“ und „Blueberry Hill“. In den Pop-Hitparaden landete Louis Armstrong mit „What a Wonderful World“ und mit „Hello Dolly“, wobei er mehr mit krächzendem Vokalorgan als mit scharfem Trompetenstrahl agierte. Auch heutzutage verlegen sich ja viele gerade noch lebendige Jazz-Legenden aufs Singen, wenn die Kräfte fürs Instrument nicht mehr so richtig reichen wollen…

Außer bei der Musical-Verfilmung von „Hello Dolly“ wirkte Satchmo noch in Zahlreichen anderen Kinostreifen mit, wo er dann mitunter sich selbst spielen durfte. So bei „High Society“ mit Bing Crosby und Grace Kelly, der späteren Fürstin von Monaco. Auch bei der „Glenn Miller Story“ stellte er sich selbst dar, als er zusammen mit dem Hollywood-Mimen James Stewart auf der Bühne eines New Yorker Nachtlokals jamte.

Zum (verfrühten) 100-Jahr-Jubiläum des Jazz-Denkmals streiten jetzt die Internet-Swinger über die beste CD des Jazz-Originals. Natürlich, in den zwanziger Jahren war die Aufnahmequalität im Vergleich zum heutigen digitalen Rauschfrei-Standard miserabel, konstatiert da einer. Ein Fan setzt auf „Louis Armstrong plays W.C. Handy“ (1954), und den „West End Blues“ (mit Earl Hines) würde er gerne auf eine einsame Inseln mitnehmen. Ein anderer User ergänzt, die künstlerisch besten Aufnahmen seien vor 1940 entstanden, so auch bei Radio-Shows. Ein Australier bekennt, er wolle sowohl am 4. Juli als auch am 4. August andächtig der Platte „Satchmo Remembered“ lauschen und dem Jazz-Jahrhundert-Held zu Ehren das von Armstrong so fleißig propagierte Abfühmittel „Swiss Kriss“ einnehmen…

Dass Künstler ihre wahren Lebensdaten verschweigen (wollen), hat fast schon System. Der von Schlaganfällen gebeutelte Vibrafonist Lionel Hampton erklärte 1999, er zähle (erst) 84 Lenze. Als ich den inzwischen verstorbenen Sun Ra 1990 in Moskau fragte, wie alt er denn nun sei, erhielt ich von dem exzentrischen Big-Band-Boss zur Antwort, dies sei bei seinen paar Wiedergeburten völlig unwichtig.

Von Amts wegen dürfte Louis Armstrong also a

m 4. Juli nicht Geburtstag feiern. Dafür können andere Jazzer an diesem Tag ganz korrekt die Wiederkehr ihres Wiegenfestes abhalten: die Posaunisten Conny Bauer (*1943) und Fred Wesley (*1943) sowie der Count-Basie-Drummer Butch Miles (*1944). Und der Schreiber dieser Zeilen, der bereits mit 9 Jahren das Trompetenspiel erlernte und sich somit eine noch steilere Karriere als die des New-Orleans-Stars erhoffte, heiratete berechnender Weise an einem 4. Juli…

(Juli 2000)

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