SWR-Jazzpreisträgerkonzert mit Eric Schaefer, „Henosis“ und „Johnny La Marama“, 02. Juni 2010 in Mainz


Foto: Klaus Mümpfer 

Der mit 15 000 Euro dotierte Jazzpreis des Landes Rheinland-Pfalz und des Südwestrundfunks sei für ihn ein Forschungsauftrag, sagt der Percussionist und Komponist Eric Schäfer, als er die Urkunde aus den Händen von Kultur-Staatssekretär Walter Schumacher entgegennimmt. Das Erforschen neuer Klänge und Sounds, das Ausloten der immer fließender werdenden Grenzen von Jazz und zeitgenössischer Musik sind die große Leidenschaft des in Frankfurt geborenen und in Berlin lebenden Künstlers. Seine „enorme Vielseitigkeit“ hat auch die Jury bewogen, ihm in diesem Jahr die Auszeichnung zuzusprechen. „Ob im anspruchsvollen Mainstream, ob im Rockjazz, ob in experimentellen Formen frei improvisierter Musik – Eric Schaefer ist in den verschiedensten Stilrichtungen auf der Höhe der Zeit“, heißt es in der Begründung der Juroren. Schaefer seinerseits dankte dafür, dass „die inhomogene Arbeit der zurückliegenden Jahren honoriert“ wird und verweist darauf, dass es das“einsame Genie nicht gibt und die Menschen, mit denen ich spiele dazu beigetragen haben, dass ich hier stehe“.

In der Tat sind Innovationen auf dem weiten Feld des zeitgenössischen Jazz vor allem in den Grenzbereichen zu entdecken. Die Frage, ob „faces – surfaces“, die neunsätzige Suite für sein Kammermusik-Improvisations-Ensemble „Henosis“ noch dem Jazz oder der E-Avantgarde zuzuordnen , stellt sich beim Hören nicht mehr. Notierte Passagen und freie Improvisationen stehen nicht im Gegensatz, sondern verschmelzen zu einem durch eine innere Logik zusammengehaltenen Kunstwerk, das durch seine Kontraste in Transparenz und Luftigkeit sowie Dynamik und Energieausbrüche zu fesseln vermag. So entstehen minimalistisch wirkende Klangkleinodien, die der Komponist Schaefer Künstlern widmet, die ihrerseits durch „verdichtete Intensität des Ausdrucks“ die Kunst der Einschränkung, Klarheit und Schlichtheit kreativ praktiziert haben: der Maler Paul Klee, der Lyriker Paul Celan, der Komponist Anton Webern, der Haiku-Nonkonformist Santoka Taneda oder der Konzeptkunst-Fotograf Hiroshi Sugimoto.

Margherita Biederbeck und Kathrin Bogensberger weben mit zartem Strich auf der Violine und dem Violoncello schwebende Klänge, die von Chris Dahlgren auf dem Kontrabass mit einem Grundton unterlegt werden, während Michael Thieke diese Soundflächen mit ostinaten Melodiefragmenten oder flirrenden Läufe auf der Klarinette aufbricht und Eric Schaefer auf den kleinen Gongs gar eine melodische Percussionsfigur beisteuert. Solche filigranen und lyrischen Passagen wechseln sich ab mit treibenden, percussiven Explosionen zu wild bewegten Crescendi der Streichinstrumente. Freitonale Cantibiliät driftet ins Geräuschhafte ab, hart angerissene Saiten beenden polyphone Klangflächen.

Ebenfalls in den Randbereichen des Jazz wildert das Trio „Johnny La Marama“, in dem Eric Schaefer mit dem finnischen Gitarristen Kalle Kalima aud dem amerikanischen Bassisten Chris Dahlgren Klanganarchie pflegt. Die drei Musiker wirbeln ihre musikalischen Erfahrungen unbekümmert durcheinander: Rap und Reggae, Punk und Funk, Noise und Non Noise, Rock und „Urban Blues“. Als „avant garage jazz“ bezeichnen die Musiker ihre Kreation. In „bicycle revolution“, dem Titelstück ihrer jüngsten CD wie in anderen Kompositionen des Konzertes lässt Kalima die Gitarre in rasenden Glissandoläufen oder mit hellen Schleiftönen unter dem Magnetabnehmer klangfärbend heulen, während Dahlgren den Bass knurrend zupft oder schräge Harmonien streicht. Schaefer treibt den Groove in ein energetisches Drumgewitter bis die Musik in ein Noise-Crescendo einmündet. Sprache wird durch ein Megaphon zum Bestandteil der Musik. Zwischendurch relaxt das Trio in einer liedhaften, folkloristisch gefärbten und melodischen Komposition, die zeitweilig von überraschenden Up-Tempo-Breaks aufgebrochen wird und schließlich mit einem Bogenstrich und Gitarrenakkord verklingt. „Alles was wir spielen ist Blues“ lautet der Titel einer Komposition, deren freche Stilmixtur dadaistische Züge annimmt. Humorvoller Underground-Trash.

Den Übergang von „Henosis“ zu „Johnny La Marama“ erleichtert der Jazzpreisträger dem faszinierten Publikum in Foyer des Mainzer SWR-Sendehauses Mainz mit einem rhythmisch vielschichtigen und drängend intensiven Schlagzeugsolo, in das er die unterschiedlichsten Percussionsinstrumente von Trommeln über Gongs und Glöckchen und schließlich eine Melodica einbezieht.