John Tchicai und Vitold Rek beim Jazzclub Rheinhessen in Wörrstadt, 18. Februar 2005

Die Bass-Linien verraten die klassische Ausbildung des Polen und gemahnen zugleich an die moderne E-Avantgarde, die Saxophon-Ausbrüche erinnern, daran, dass Tchicai einst im Zentrum der Aufbruchphase des freien Jazz gestanden hat. Dann aber leitet ein kurzes Zwischenspiel unmerklich zu „Tellme my boy“ über, das wiederum von weit schwingenden Linien auf dem Saxophon und einem langen, straight gezupften Bass-Solo voll harmonischer Raffinesse mit vielen Wendungen und schließlich einem grummelnden beständigen Grundton geprägt wird. 

Über diesem lässt Tchicai die Luftsäule in seinem Instrument vibrieren, bevor er das Stück mit singenden Linien von mitreißend hymnischer Stimmung ausklingen lässt. Ein Bass-Solo mit sparsamen Saxophon-Einwürfen leitet das tänzerisch beschwingte „Mr. La“ ein, ein typisches Stück für dieses Duo mit dem kräftigen, sonoren Tenorklang und den von liedhaften Themen oder modalen Strukturen ausgehenden motivischen Entwicklungen des Bass-Spiels.

Den Schlüsselreim für die Kunst des Duos verrät Tchicai mit „The bass is the base“, einem seiner Poems mit dadaistischem Touch, in dem die Musiker lautmalerisch Aussagen wie „slow is low and low is slow“ unterstreichen. „Yogi discque“ ist eine andere Komposition, in der Tchicai seiner skurrilen Liebe zu ironischen Wortspielen mit Sprechgesang nachgibt, in der Rek seinen Bass mit schwebenden Flageoletts in den Höhen und Glissandi der rechten Hand sowie mit Tremoli behandelt. 

Vitold Rek ist groß geworden mit der Folklore seiner südpolnischen Heimat. Und an dieser Tradition hält der Bassist fest. In ihr bleibt er verwurzelt, auch wenn das Spiel in die freien Gefilde des Jazz führt. Das gilt für „Zbigi“, eine Komposition, die er dem früh verstorbenen Geiger Zbiginiew Seifert widmet, ebenso wie für „Lo Bo Ga“ oder aber „Tell me my boy“. Ruhig gezupfte Kantilenen prägen den folkloristischen Grund und obertonreiche Flageoletts spiegeln Mehrstimmigkeit vor. Reks Bass klingt immer nach Holz, sein Spiel ist auch bei schreienden Dissonanzen in den gestrichenen Höhen erdig. Dazu passen im sensiblen Aufeinandereingehen des intimen Duo-Spiels die weit schwingenden, singenden, sonoren Saxophon-Läufe, in denen Anblas- und Klappengeräusche Teile des Sounds sind.

Das Duo belegt, wie leise und dennoch vital, wie jazzig-frei und folkloristisch traditionsverbunden kommuniziert werden kann. So erhält die Musik einen spirituellen Charakter. Ihm kann und will sich das Publikum im überfüllten Bonifatiushaus nicht entziehen, das deshalb mit Beifall Zugaben erzwingt, die die beiden Musiker mit einem humorgeladenen „Calypso Boswil“ erfüllen.

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