Jazz-Nacht mit Jack Schebesta & friends „Alte Patrone“ Mainz, 17. April 2004

Das Duo mit dem sonoren Ton des Tenorsaxophons erinnert an Ben Webster, den Altmeister der Jazz-Balladen aus der Coleman-Hawkins-Schule. In der zärtlichen Reife und ausgewogenen Schönheit des Klangs steht Wolfgang Söhngen in der Nachfolge dieses Jazzmusikers, der seinen Teil zum Erfolg Duke Ellingtons beigetragen hat. Das Piano steht mit dem Saxophon im Ruf-Antwort-Spiel, die Läufe voller Lyrismen. Jack Schebesta kostet die Fülle des Instruments trotz sparsamer Führung aus. „Autumn in New York” ist der Titel dieser zeitlosen Ballade, die einem aufregenden, verspielten, romantisch angehauchten und zugleich ungeheuer swingenden Piano-Solo des Amerikaners folgt. Jack Schebesta, der seit 1960 in Kalifornien lebt, hat zu seinem Besuch in Mainz alte Freunde und junge Musiker zu einer langen Jazz-Nacht eingeladen.

Da saßen sie denn in der „Alten Patrone“ in Mainz – grau- oder weißhaarig gar, die alten Jazzfans aus der Zeit, als von der „Katakombe“, einem Kellergewölbe in der Kaiserstraße, „noch das gewisse intellektuelle Reizklima“ ausging – wie sich Heinz Meisenzahl erinnert. 1952 oder 1953 muss es gewesen sein, als Helmut Pütters, Musik-Student aus München, den Verein „Katakombe“ gründete. Ein Club für Kunst, Literatur und Malerei, dessen Mitglieder sich aus Studenten, Musikern, Künstlern, Professoren und Lokalpolitikern, aber auch aus „normalen“ jüngeren Mainzern rekrutierte.

Bekannte Jazzmusiker, wie der verstorbene Volker Kriegel, Dieter Reith und Jacques Loussier verdienten sich ihre ersten Sporen in dieser Szene, hier machten Kabarettisten wie Hanns Dieter Hüsch und Herbert Bonewitz ihre ersten Gehversuche, trafen sich Ce-Eff Krüger und Jürgen Kessler, die später das renommierte „unterhaus“ gründeten. Viele der Musiker verdienten sich ihr Geld für das Studium in US-Clubs und brachten wiederum amerikanische Jazzer in die „Katakombe“.

So wurde Jack Schebesta „Hauspianist“ im Kellergewölbe an der Kaiserstraße und wichtiges Bindeglied für die Musiker, die im Club eine künstlerische Heimat fanden.

Er war es auch, der bei seinen späteren Besuchen in Mainz immer wieder die alten Freunde zusammenrief – unterstützt von Heinz Meisenzahl. 1982 füllten „Jack Schebesta and friends“ den Eltzer Hof zur „Jazz-Nacht total“ mit Gästen, zu denen Emil Mangelsdorff, der kürzlich verstorbene Österreicher Hans Koller und der Stuttgarter Jazz-Preisträger Bernd Konrad sowie die Bernd Reichow Jazz Formation mit ihrem sinfonischen Jazz zählten. Hanns Dieter Hüsch las zu Reichow-Kompositionen aus Hagenbuchs Erzählungen.

Wiederum zehn Jahre später trafen sich Schebesta und seine Freunde zu einer vielstündigen Session im intimeren Rahmen des damaligen Jazz-Kellers „Milestone“.

Dieses Mal sind fast zwölf Jahre vergangen und die Freunde sind etwas älter noch, aber keineswegs weniger begeistert. Der Saxophonist Hans Söhngen bläst noch mit dem gleichen Feuer wie zu Katakomben-Zeiten, Horst „Buddy“ Becker, in der Szene  „der Sinatra von Gonsenheim“ genannt, spielte damals Kontrabass, Bernd Reichow Piano, Manfred Geisert Schlagzeug und Herbert Ihm ebenfalls Bass.

Letztere präsentierten jetzt in der „Alten Patrone“ besten Mainstream als eines der beiden Reichow-Trios, das andere mit Bassist Albert Beul und Schlagzeuger Henri Geis spielte elektrifiziert, etwas rockiger, aber mit dem selben Swing und Groove.

Dazu gesellten sich eine mittlere Generation, zu der der Trompeter und Flügelhornist Alfred Hupfauer, Bassist Peter Breker oder der Gitarrist Hans-Jürgen Gessinger zählt, der mit der jüngsten Jazzer-Generation eines Bassisten Florian Werther und dem Pianisten Patrick Ewald mitreißenden Latin-Jazz mit Sambas sowie klassische Standards interpretierte. Lange Walking-Bass-Läufe mit reizvollen harmonischen Variationen sowie flirrende Gitarrenlinien voller Emotionen, das präzise und dennoch flexible Schlagzeugspiel von David Meisenzahl sowie das einfühlsame Pianospiel des Rock-Nachwuchses Ewald belegten eine ungewöhnliche Reife im Zusammenspiel von Musikern, die an diesem Abend erstmals gemeinsam auf der Bühne standen.

Die alten Katakomben-Gänger  schieden nach dem langen Abend mit einem Hauch von Wehmut – nicht nur, weil ein solches Treffen bewusst macht, wie die Jahre vergehen. Ein bisschen vermissen sie wieder oder immer noch dieses Gefühl des Rebellierens, das die alte Katakombe so Reiz-voll gemacht hatte

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