Jazz Live – Zwischen Rückkehr zur Normalität und und Hiobsbotschaften

Die Frühjahrs- und Sommerjazzfestivals sind entweder ausgefallen, gelegentlich mit reduziertem Programm und hohem Aufwand durchgezogen (Saalfelden, Bezau Beatz) oder gleich komplett gestreamt (Moers) worden. Das Freejazz Festival in Saarbrücken bastelt sich ein kleines eintägiges Spin-off im Herbst. Die sonst übliche Sommerpause wurde reduziert und dafür der Jazz nach Draußen verlagert, da wo das Virus einen größeren Aufwand hat sich zu verbreiten.

Alle Planungen für Herbst und Winter, mit Jazz in geschlossenen Räumen, kalkulieren mit reichlich Unbekannten: Wie entwickeln sich die Ansteckungszahlen? Was sind die neuesten Erkentnisse zur Verbreitung? Welche Instrumente schleudern zu viele Aerosole in den Raum? Und: was sind die Schlüsse, die seitens der Politik daraus gezogen werden? Da wird vom Jazzarchitekt in Wiesbaden die Reihe Achter (erstes Konzert am 12.9. mit dem Fabian Dudek Quartett) ins große Kulturforum Wiesbaden verlegt und immerhin 50 Personen werden zugelassen. Ein paar Tage gibt es ein OK vom Gesundheitsamt für 70 Zuhörer, und mit etwas Pech und steigenden Fallzahlen geht’s wieder in die andere Richtung. Veranstalter und Musiker: brauchen Nerven vom Typ Saite an der Steel Guitar.

Eine typische Strategie im Umgang mit der Corona-Krise ist auch beim Jazzclub Heidelberg zu sehen – die Frühjahrskonzerte wurden zu einem guten Teil in die zweite Jahreshälfte (Programm als PDF) gerettet, natürlich mit Abstand und Masken als wesentlichem Teil des Konzepts. Auch hier muss mit einer weiteren Unbekannten umgegangen werden: wie reagiert das Publikum auf die neuen Bedingungen? Ausgehungert nach Livekonzerten oder weiter vorsichtig zuhause mit dem Livestream vorliebnehmend? Der hohe logistische Aufwand und das Engagement von Veranstaltern und Publikum ist ein Hoffnungsschimmer für die Jazzszene. Großzügige behördliche Regelungen sollten angesichts der ausgefeilten Hygienekonzepte selbstverständlich sein.

Bei aller Flexibilität, Zähigkeit und Beharrungsvermögen gibt es spektakuläre Fälle wie den bekannten Kopenhagener Jazzclub Montmartre, der kürzlich seinen Spielbetrieb eingestellt hat. Corona-Abstände reduzieren dort die erlaubte Zuschauerzahl von 35 auf 85, wirtschaftlich ist der Club so nicht zu betreiben und ob der letzte Hilferuf an Stadt und Land fruchtet weiß kein Mensch. Allerdings ist das Montmartre ein gutes Beispiel dafür, wie viele Jazzclubs schon vor Corona immer eirfrt am Rande des Bankrotts jonglierten. Corona ist dann vielleicht der berühmte Tropfen…

Was international Aufmerksamkeit erregt, wiederholt sich im Kleinen weniger beachtet. Phil Leicht, der in Ladenburg seit 2015 den Jazzclub „Leicht & Selig” betreibt, schreibt in einer E‑Mail dieser Tage: „Dies bedeutet auch, dass es wohl den Jazzclub in Ladenburg, unseren Jazzclub, bald nicht mehr geben wird. Dies liegt daran, dass es zum einen keinen Sinn macht, ohne Konzerte einen Jazzclub zu betreiben und zum anderen daran, dass es aus finanzieller Sicht keinen Sinn mehr macht die Räume zu halten. Falls jemand Interesse am Leicht & Selig haben sollte….. einfach melden.”

Das „Leicht und Selig” ist mit dem APPLAUS für seine hervorragende Programmgestaltung ausgezeichnet. Bitter, wenn die Jazzszene an der Basis erodiert.

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