e.s.t. in Rüsselsheim, 18. August 2006

Der Mann am Piano hat so manches mit Keith Jarrett gemeinsam. Wie er sich windet und krümmt und in den Flügel hinein zu kriechen scheint, wie er den Tönen und Akkorden nachspürt, suchend mit ihnen kämpft und ihnen nachzulauschen scheint. Und doch ist der Schwede Esbjörn Svensson ganz anders als Jarrett: So beginnt auch das Konzert von e.s.t., dem Esbjörn Sensson Trio, in Rüsselsheim bei Thelonious Monks „I Mean You“ mit einer Solo-Intro aus Romantizismen, leitet mit Harmonie-Verfremdungen in ein klassisches Jazz-Trio über, bevor unmerklich Bassist Dan Berglund die Melodieführung übernimmt, zu der Svensson lediglich Akkordeinwürfe beisteuert. Dann steigern sich das Kollektiv in groovenden Ostinati von lang anhaltender Intensität, in dem der gestrichene Bass mit Elektronik flächige Sounds webt und das Piano mit Synthesizer Glissandi-Läufe baut – um sich wieder in Entspannung aufzulösen, die akustische Tonketten aus dem Piano perlen lässt.

An diesem Abend vor der für September angesagten Tournee spielt e.s.t. altbekannte Kompositionen wie „Dolores in the shoeland“ oder die Ballade „Sipping on the solidground“ auch Themen aus der angekündigten neuen CD wie „Bravery of Beggars“ und „The Beggars blanket“. In dem gemeinsam vom Rheingau Musik Festival und der Jazzfabrik arrangierten Konzert pendeln schnelle Kollektiv-Stücke zwischen Swing und Free. Schlagzeuger Magnus Öström schiebt ein differenzierendes, flexibles Drum-Solo mit rasenden Trommelwirbeln und sanften Gong-Schlägen ein und Bassist Berglund zupft einen harmonisch reizvollen Lauf, bevor das Trio wieder in ein energetisches Kollektiv mündet. 

Natürlich ist das Piano von Esbjörn Svensson in vielen Stücken dominierend. Die Harmoniebildung weist auf die klassischen europäischen Wurzeln, die Improvisation auf die ausschweifende Phantasie Keith Jarretts und die Rhythmik auf Drum and Bass hin. Sein Solo-Spiel bleibt auch in komplexen Akkordschichtungen transparent, er setzt mit kraftvollen Akkordgriffen in den Bässen Akzente, lässt kleine Motive ständig kreisen und baut mit Ostinati lange Spannungsbögen auf, um dann explosionsartig, mit einem abrupten Wechsel zu relaxen und die Richtung zu ändern. Daneben gibt es aber auch Stücke, in denen das Kollektiv als neugieriger und kreativer Soundtüftler den homogenen Gruppenklang pflegt oder in denen sich die Mitglieder in der Melodieführung abwechseln. So hören die begeisterten Zuhörer im Rüsselsheimer Theater neben akustischen, klassischen Klängen elektronische, neutönerische Soundcollagen. Fast eine Stunde hat Markus Öström benötigt, um Trommeln und Becken mit Tonabnehmern zu versehen, die Pedale und Klangerzeuger zu verkabeln. Doch dann kann er das Drum-Set rasseln und rauschen, wie Donner grollen und wie Wind heulen lassen. Der Bass klingt con arco wie Sirenengesang. Das Piano kann in Gitarrenglissandi jaulen, im blechernen Saitenspiel verfremdet angeschlagen werden oder reine Sinustöne erzeugen.

Esbjörn Svensson kennt keine stilistische Grenzen. Rock und Pop, Jazz und Klassik fließen ineinander, Elektronik-Sounds wechseln sich zwar abrupt, aber ohne kompositorischen Bruch mit Akustik-Klängen ab. E.s.t. treibt die Musik vollen Energie voran und füllt zugleich die Breite und Tiefe des Klangraumes aus. Im Aufbau erinnert so manches an die Stilistiken der elektronischen Musik und doch gefährdet all dies nicht das Fundament des Jazz. Das Konzert in Rüsselsheim macht vielmehr deutlich, dass hier nicht mehr wie in der Anfangszeit eine Pop-Gruppe Jazz spielt, sondern ein reines Jazz-Trio die weit gefassten Grenzen des zeitgenössischen Jazz auskostet. Das Publikum spendet stehend frenetisch Beifall, erzwingt mehrere Zugaben, so dass Esbjörn Svensson, Dan Berglund und Magnus Öström schließlich erst nach fast zwei Stunden die Bühne verlassen können.

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