Das Duo „Skinshout“ bei UpArt in Mainz, 1. April 2010


Duo Skinshout, Foto: Mümpfer 

Auf faszinierende Weise setzt die Vokalistin Gaia Matiuzzi ihren Kehlkopf instrumental ein. Sie krächzt, knurrt und knarrt, schleift die Töne und scatted rasend wie ein Saxophonist im expressiven Stakkato. Dann wiederum tönt ihre ausdrucksstarke und gefühlvolle Stimme wie bei einem verruchten Weib, um im nächsten Song mit kindlich schlichter Naivität oder quängelnd wie ein Gör zu klingen. Kaum zu glauben, wie eine gerade 24 Jahre junge Sängerin mit Leichtigkeit ihre Stimme exakt kontrolliert über Oktaven hinweg in die höchsten Lage schraubt, kraftvoll shouted sowie im Diskant brechen oder im Finale eines Songs die Melodie schwebend verhauchen lässt. Dass sie wie in „wele, wele“ einen Jodler einschiebt, überrascht nicht. Bei all dieser Kehlkopfakrobatik kommen der Italienerin die solide Ausbildung im Operngesang an der Universität Bologna, die Kurse im Institut für Gesang in Lichtenberg bei Darmstadt sowie die Erfahrungen aus der Masterclass mit der Sängerin Maria Pia de Vito zugute, die in der Skoda All Star Band mit gleicher Artistik brilliert. In Berlin hatte das Duo den Saxophonisten Ernst Ludwig Petrowski zu Gast, der als Duo-Partner der Sängerin Uschi Brüning und im freien Jazz erfahren ist.
Dass Gaia Mattiuzzi bei den außergewöhnlichen Interpretationen von Gospel und Worksong oder bei Villa Lobos´ „Xango“ mit dem sizilianischen Schlagzeuger Francesco Cusa kommuniziert, ist ein Glücksfall. 

Das Ruf-Antwort-Spiel des Duos ergänzt sich ebenso sicher und nahtlos wie in den parallelen Linien. Bruchlos sind die steten Wechsel von Gesang zu Scat, von Groove zu freiem Spiel. Es entwickelt sich eine Musik, die sowohl kraftvoll als auch zerbrechlich, noise-artig als auch sensibel ist. Cusas verschmitzter Humor sorgt für Kurzweile und ebenso für Spannung wie die auf- und absteigenden Ostinati von Melodiekürzeln der Sängerin. Cusa, der die Tradition der italienischen Bandas mit Freejazz-Percussion verbindet und selbst in ungebundener Polyrhythmik einen unterschwelligen „Pulse“ durchlaufen lässt, nutzt praktisch alles, was ihm in die Hände kommt zur Geräuscherzeugung: Töpfe und Deckel, Kunststofftücher und Glocken. Er trommelt auf seinen Oberschenkeln, reibt die Becken mit den Sticks oder schlägt seine Wirbel auf den Metallrändern des Drumsets.

„Skinshout“, so der Name des Duos, steht für die Felle der Trommeln und das Shouting im expressiven Gesang. Das Duo schöpft aus der reichen Quelle des Musikethnologen Alan Lomax, der das weite Feld der folkloristischen Wurzeln der amerikanischen Musik vom Blues bis zu Cajun und kreolischen Rhythmik bearbeitete. Doch die Adaptionen sind eher archetypischer Art. „Modern Sense of Lomax“ umschreibt Cusa diese Weise der Bearbeitung. Die melodische Nähe zum Worksong wie in „Be my husband“ oder zum Gospel in „Go down Moses“ sind die Ausnahme und werden harmonisch verfremdet und variiert. Dennoch swingt die Musik vehement, wenn Cusa die Felle mit den Besen streichelt, groovt wenn er drängend trommelt und Mattiuzzi durchdringend Gospel shouted. Fernöstliche Stimmungen bestimmen „Ba ba orio“, wenn die Sängerin über einer Synthesizer-Grundierung krächzt und seufzt, bevor sie plötzlich hymnische Sounds intoniert. In der Zuage verschmelzen Stimme und Synthesizer-Klänge gar zum Unisono.

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