Bernd Konrad


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Big Band – An hellen Tagen
Musikhochschule Stuttgart

Resonanz 2012 – Jazz never dies
Musikhochschule Stuttgart

Von 1968 bis 2012 war Bernd Konrad an der Stuttgarter Musikhochschule tätig – vom Student bis zum Dozent

Rückblende: „Als es vor über zwanzig Jahren einmal darum ging, ob Erwin Lehn, Dirigent des Südfunk-Tanzorchesters, an der Stuttgarter Musikhochschule Unterricht in Jazz erteilen soll, wurden Antistimmen laut, die prophezeiten, dass Jazz in einer Musikhochschule auf eine „Verproletarisierung der Musik“ hinausliefe. Vom Jazz blieb also diese Institution vorerst verschont…. Immerhin, der Jazz wurde inzwischen einigermaßen in den bürgerlichen Kulturbetrieb integriert, doch voll akzeptiert wird er nicht. Verschiedene bundesrepublikanische Hochschulen befassen sich jetzt punktuell und mit jeweils anderen Ausgangsbedingungen, Methoden und Zielsetzungen mit Jazz, trotzdem soll es an den gleichen Anstalten noch manche Instrumentallehrer geben, die ihren Studenten eine Jazz-Aktivität am liebsten verbieten würden, weil man dadurch die „saubere klassische Technik“ verderbe. Seit 1969 setzt sich der Saxophonist und Klarinettist Bernd Konrad – er fand bereits durch seine Mitwirkung in den Gruppen „Blow“, „New Jazz Ensemble“ und „ClarinetContrast“ internationale Beachtung – für den Jazz an der Stuttgarter Musikhochschule ein. Aber erst im Wintersemester 1974/75 kam etwas vom lange Zeit vermissten Musik-Liberalismus an die Oberfläche, als im Vorlesungsverzeichnis ein Jazz-Seminar angekündigt wurde, für das Professor Erhard Karkoschka und Konrad die Verantwortung übernahmen. Bernd Konrad machte zunächst in theoretischen Einführungen mit den Elementen des Jazz bekannt, um später mit dem Aufbau einer Big Band zu beginnen – Erwin Lehn konnte schließlich als deren Betreuer gewonnen werden.“ Dies schrieb ich am 28. November 1977 in den „Stuttgarter Nachrichten“.

In der Folgezeit hat sich der Jazz an der Stuttgarter Musikhochschule längst etabliert – und BerndKonrad erhielt eine regelrechte Professur, bis er 64-jährig im Sommer 2012 emeritiert wurde. Als musikalisches Abschiedsgeschenk liegen nun zwei Silberlinge vor – also zwei CDs, die den aktuellen Stand von Konrads initiierten Bemühungen um Jazz und Popularmusik an der Musikhochschule dokumentieren. Auf 17 Tracks mit einer Gesamtspieldauer von über 70 Minuten demonstrieren als Interpreten (und zuweilen auch als Komponisten/Arrangeure) Bernd Konrad, Dozentenkollegen, Studierende und Freunde eine enorme stilistische Breite. “Resonanz 2012 – Jazz never dies“ nennt sich der von der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst veröffentlichte Tonträger. Sterbenslangweilig wird es da bei den unterschiedlichen Ensembles nie und nimmer, kaum eine Spur von akademischer Strenge. Und dies ist gut so. Von behutsam Barockem bis zur exzentrischen Avantgarde reicht die stilistische Skala. 

Man hört neben Konrad (Bassklarinette, Baritonsaxophon) beispielsweise noch die Pianisten Hubert Nuss, Maike Mohr, UllMöck, Tilman Jäger und Paul Schwarz, die Bassisten Mini Schulz, Wolfgang Schmid, Henrik Mumm und John Goldspy, die Posaunisten Uli Gutscher und Mike Svoboda sowie die Gitarristen Werner Acker und Frank KurucEin höchst interessantes Sammelsurium und eine wirklich exzellente akustische Visitenkarte der Stuttgarter Musikhochschule. Jedes einzelne Stück wäre eigentlich einer eingehenden Rezension wert.

Die andere Compact Disc wurde alleinig der Big Band gewidmet. „An hellen Tagen“ nennt sich dieses von Rainer Tempel ausgeklügelte Titel-Stück, das zumindest in Baden-Württemberg mittlerweile zum Standardrepertoire gehört, so beim Landesjugendjazzorchester und „Jugend jazzt“-Großformationen. Schön choralhaft und kontrapunktisch verästelt, sorgfältig die Interpretation. Entsprechend polyphon und gewitzt konstruierte der Trompeter Dominik Wagner „A Bull’sNightmare“. Kennzeichnend für die acht Nummern ist einträchtige Harmonie. Allemal Ohrengefälliges von Jobim, Ellington, Coltrane und John Lewis („Afternoon in Paris“ in einem reizvollen Arrangement des neuen baden-württembergischen Jazzpreisträgers Alexander „Sandi“ Kuhn). Aufgenommen wurde die studentische Big Band unter der (neuen) Leitung von Bernd Konrad noch Anfang Dezember 2010 im Tonstudio der Hochschule der Medien Stuttgart.

Nun kann Bernd Konrad in seinem geliebten Konstanz relaxen. Am Bodensee fühlt sich der Weitgereiste besonders wohl und ist vermehrt literarisch aktiv, wobei seine Geschichten meist gewitzt musikalisch fundiert sind. Den Jazz praktiziert der Herr Professor außer Staatsdiensten weiterhin, beispielsweise im bewährten Quartett „Südpool“.

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