Cassandra Wilson ist gestorben. Die US-amerikanische Jazzsängerin starb im Alter von 70 Jahren in ihrer Heimatstadt Jackson, Mississippi. Ihr langjähriger Manager Robert Torre bestätigte die Nachricht gegenüber dem Jazzsender WBGO. Nach seinen Angaben starb Wilson zu Hause im Kreis von Familie, engen Freunden und ihrem Manager.
Cassandra Wilson wurde am 4. Dezember 1955 in Jackson geboren und wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf. Ihr Vater spielte Jazzgitarre und Bass, sie selbst begann im Alter von sechs Jahren mit dem Klavierspiel und wechselte später auch zur Gitarre. Bereits als Jugendliche schrieb sie eigene Songs. Nach Studien am Millsaps College und an der Jackson State University war sie zunächst in der Musikszene ihrer Heimatregion und zeitweise in New Orleans aktiv.
1982 zog Wilson nach New York. Dort lernte sie den Saxophonisten Steve Coleman kennen und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des M-Base Collective. Das Umfeld um Coleman, Greg Osby und andere Musiker suchte nach neuen strukturellen und rhythmischen Ansätzen für improvisierte Musik. Wilson war in dieser Phase auch mit Henry Threadgills New Air zu hören und machte Mitte der 1980er Jahre ihre ersten Aufnahmen unter eigenem Namen für das deutsche Label JMT.
Eine entscheidende Veränderung ihrer musikalischen Arbeit vollzog sich Anfang der 1990er Jahre mit dem Wechsel zu Blue Note Records. Das 1993 veröffentlichte Album „Blue Light ‚Til Dawn“ stellte neben Jazz verstärkt Blues, Folk und Songmaterial aus anderen musikalischen Zusammenhängen in den Mittelpunkt. Wilson arbeitete dabei mit akustisch geprägten Arrangements und entwickelte eine Form des Jazzgesangs, in der nicht nur Standards des klassischen Jazzrepertoires als Ausgangsmaterial dienten. Mit diesen Veröffentlichungen erreichte sie ein breites Publikum.
Diese Arbeitsweise setzte sie auf weiteren Blue-Note-Alben fort. Mit „New Moon Daughter“ und „Loverly“ erhielt Cassandra Wilson zwei Grammy Awards in der Kategorie Best Jazz Vocal Album. Aufnahmen wie „Traveling Miles“, „Belly of the Sun“, „Glamoured“ oder „Silver Pony“ dokumentieren unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb ihres Repertoires. Jazz, Blues, Folk und Country standen darin neben Songs aus Pop und Rock, ohne dass Wilson ihre Musik auf ein einzelnes Genre festlegte.
Cassandra Wilson betörte mit ihrer tiefen Altstimme in Verbindung mit oft reduzierten, offenen Arrangements. Bekannte Songs behandelte sie nicht als möglichst originalgetreue Coverversionen, sondern als Material für neue rhythmische, harmonische und klangliche Zusammenhänge. Damit erweiterte sie das Repertoire des modernen Jazzgesangs um Stücke, die zuvor nicht selbstverständlich mit Jazz in Verbindung gebracht wurden.
Im Laufe ihrer Karriere arbeitete Wilson mit zahlreichen Musikern aus unterschiedlichen Bereichen des Jazz zusammen. Dazu gehörten unter anderem Wynton Marsalis, Terence Blanchard, Bill Frisell, Charlie Haden, Dave Holland, Pat Metheny, Terri Lyne Carrington und Jason Moran. Sie wirkte auch an Wynton Marsalis‘ „Blood on the Fields“ mit.
2015 veröffentlichte Wilson mit „Coming Forth by Day“ eine Auseinandersetzung mit dem Repertoire von Billie Holiday. Das Album erschien anlässlich des 100. Geburtstags Holidays und war keine Rekonstruktion historischer Arrangements, sondern eine zeitgenössische Interpretation der Stücke.
2022 wurde Cassandra Wilson vom National Endowment for the Arts zum NEA Jazz Master ernannt. Die Auszeichnung würdigt Musiker für ihre Lebensleistung und ihren Beitrag zur Entwicklung des Jazz.
Fotos von Manfred Rinderspacher
Fotos von Hans Kumpf
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