27. Blues-Festival in Lahnstein, 22. September 2007

Dies ist ein Festival der Kontraste: auf der einen Seite der klassische Blues aus New Orleans mit Erinnerungen an Louis Armstrong und Einbeziehung von Ragtime und Boogie durch „Herbert Christ and his Bluesicians“ sowie die andere Bluesformen aus dem Mississippi-Delta mit Zydeco, Country, Gospel durch die Lahnstein Blues All Stars. Den anderen Pol bilden Richie Arndt & The Bluenatics mit ihrem dem jung verstorbenen Iren Rory Gallagher gewidmeten Programm „Rorymania“ . Sie spielen den elektrifizierten Big-City-Blues aus dem Norden, laut kreischend und jaulend, stampfend und rockend, aggressiv und elektrisch. Und beides integrierend, vom ersteren ein wenig, vom zweiten umso mehr, steht auf der Bühne ein Weißer mit der Blues-Harp und in zwei kleinen Solostücken mit der Gitarre, Charlie Musselwhite – Stargast des 27. Lahnsteiner Blues-Festivals 2007. 

Der 63-Jährige war Mitte der 60er Jahre mit seiner Southside Band und dem Album „Stand Back“ erfolgreich als Weißer in das Blues-Revival eingestiegen und belegte in Lahnstein, dass sich die Mundharmonika bravourös neben der zweiten Solostimme des Blues, der Gitarre, behauptet. Denn der Chris „Kid“ Anderson, ein junger Gitarren-Hero an seiner Seite, kann als die eigentliche Entdeckung dieses mehr als fünfstündigen Musikmarathons gelten. Er hält mit rasenden Glissado-Linien, hart angerissenen Saiten in Akkord-Stakkati sowie flirrenden Sounds das Publikum in Atem, spielt selbst in Hochgeschwindigkeitsläufen filigran und differenziert. Charlie Musselwhite ist sich die Jahre seit seinem ersten Auftritt beim Lahnsteiner Blues-Festival im Jahr 1984 treu geblieben. Seine Mixtur aus Wild Country und Chicago-Blues sowie sein Gesang kommen in den langsameren, trocken groovenden Blues-Stücken mehr noch zu Geltung als in den schnellen Kompositionen, seine Texte nehmen wie im „Black Water Blues“ kritisch auch die Politik aufs Korn. Mit durchlaufendem Metrum unter einem polyrhythmischen Geflecht prägt in einem ausgedehnten Schlagzeug-Solo June Core das Finale des Bandauftrittes vor den akustischen Solo-Preziosen Musselwhites auf der Gitarre. „Ein richtiger Blues muss gefühlsgeladen sein“ sagt der Bluesmusiker. Und das ist seine Musik in reichem Maße.

Über die mitternächtliche Stunde hinweg halten Richie Arndt mit den Gast-Gitarristen Alex Conti, Gregor Hilden und Henrik Freischlader das Publikum mit lautem und attackierendem Großstadt-Blues auf den Beinen. Arndt frischt mit authentischer Stimme die alten Gallagher-Hits auf, und liefert sich duellierende Zwiegespräche mit Gregor Hilden, der die „vergoldeten“ Blues-Harmonien weicher und mit viel Vibrato greift, sowie mit Henrik Freischlader, der aggressiver schneller sowie härter groovend die Akkordfolgen aus den Saiten reißt. Bleibt noch Alex Conti mit seinem „Blues der härteren Gangart“, einer der schnellsten Greifkünstler dieses Landes. Und doch muss festgestellt werden, dass Lautstärke allein den Blues nicht besser macht – auch wenn die Tontechnik es glücklicherweise vermag, das Ganze nicht in einem Klangbrei versinken zu lassen.

Es ist ein geschickter Schachzug der Projektgruppe, dass die Lahnstein Blues All Stars mit dem Zydeco-Musiker Yannick Monot an Gitarre, Mundharmonika und Akkordeon, dem Gitarristen Biber Herrmann, der mit Bottleneck-Läufen auf der Dobro brilliert, dem im Swing- wie im Sinti-Jazz gleichermaßen beheimateten Gitarristen Lulo Reinhardt und dem Folk-Blues-Spezialisten und Fingerpicking-Meister Werner Lämmerthirt das Publikum einstimmten. Ein Gospel und ein Blues-Walzer illustrieren die Bandbreite dieser Truppe, zu der sich mit kraftvoller und tragender Stimmen die junge Nina Thomson gesellt.

Mit rollenden Boogie-Figuren des Pianisten Olaf Polziehn, dem strahlendem Trompetenklang von Christ, sonor-singenden Tenorsaxophon-Läufen von Siggi Gerhard sowie dem rhythmusgebenden Bass-Saxophon von Achim Hamacher (in der Funktion des Sousaphon bei den Blues-Bands von New Orleans) weckten die Bluesicians Erinnerungen an die frühen Zeiten des Blues – ohne museal zu wirken. Der „St. James Infirmary Blues“ erwacht mit einem beseelten Saxophon-Solo und perlenden Piano-Single-Note-Läufen zu neuem Leben.

Biber Herrmann war es dann, der mit den Bluesicians einen eigens von Christian Pfarr für die Verleihung des „Blues-Louis“ an den Grafiker Günther Kieser komponierten und getexteten „Blues für Günther Kieser“ interpretiert. Mit Kieser sei die Plakatkunst zum Kult geworden, betont der Leiter des Internationalen Jazz- und Blues-Archivs sowie Initiator der Lippmann + Rau Stiftung in Eisenach, Reinhard Lorenz. Die Plakate Kiesers für die Tourneen des American Folk-Blues-Festivals und die Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt haben in der Gebrauchsgrafik Geschichte geschrieben. „Sein Werk hat damals die Euphorie für den Jazz begleitet und ins Bild umgesetzt“, erläutert Lorenz in seiner Laudatio.

Die Projektgruppe, der auch Fritz Rau angehört, hat so das Festival nach dem Ausstieg des Südwestrundfunks nun zum zweiten Mal ausrichtet und konnte mit diesem Programm an die früheren Erfolge des traditionsreichen Festivals anknüpfen.

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