Lisa Bassenge und Jacky Terrasson im Frankfurter Hof in Mainz, Februar 2011

Fotos und Text: Klaus Mümpfer

Möglicherweise ist es sogar ganz geschickt, in ein Doppelkonzert zwei so unterschiedliche Künstler wie Lisa Bassenge und Jacky Terrasson zu stecken. Die Sängerin aus Berlin mit ihrer frisch entdeckten, sensiblen und transparenten Chanson-Jazz-Melange deutscher Sprache steht in hartem Kontrast zu Jacky Terrasson, dessen Interpretationen von Standards so komplex, vielschichtig, ausschweifend und auf den harmonischen Kern reduziert sind, dass sie die Zuhörer mit der überbordenden Fülle fordern. Bei so viel Trennendem, gibt es eine Gemeinsamkeit in diesem Doppelpack der Reihe „Jazz today“ im Frankfurter Hof: Ihr jeweiliges Anliegen ist die Auffrischung der Tradition. Mal abgesehen davon, dass im Session-Finale der beiden Gruppen die Sängerin Bassenge kraftvoller und ausdrucksstärker als im Set mit eigener Band zum Zuge kam und die Zuhörer erfahren durften, wie sehr eine treibende Rhythmusgruppe sie anzuspornen vermag. 

„Girl in the mirror“ bleibt der einzige englischsprachige Titel in Bassenges Programm. Mit ihren Cover-Versionen von Knef-Interpretationen wie „In dieser Stadt“ oder des Lindenberg-Songs „Leider nur ein Vakuum“ sowie mit den eigenen Liedern ist Bassenge stilistisch schwer einzuordnen. „Es sind einfach Lieder“ sagt sie. Sensibel trifft die Sängerin Stimmungen und Gefühle. Die Texte sind fern jeder Sentimentalität, auch wenn ihre Inhalte dazu verleiten könnten. Voller Emotionen ist die geschulte Stimme, sanft in Balladen, ein wenig rau, wenn Gitarrist Christian Kögel die Dobro blues- und country-getönt zupft oder auf der Gitarre die Töne mit Saitenbending verschmiert sowie mit Bottleneck-Glissandi verzerrte Läufe reißt. Er bestimmt neben dem Gesang den Sound, in dem oftmals die Begleitung auf dem Flügel oder den Keyboards untergeht. Bassist Paul Kleber und Schlagzeuger Rainer Winch legen ein solides Fundament, Christoph Adams wirkt bei ostinater Akkordbegleitung eher uninspiriert, kann aber mit perlenden Linien in seinen Soli zeigen, dass mehr in ihm steckt.

Wie virtuos ein Künstler die Klangmöglichkeiten eines Flügels auszukosten und auszuweiten vermag, bewies der in Berlin geborene Franko-Amerikaner Jacky Terrasson. Mit Ben Williams am Bass und Jamire Williams am Schlagzeug stehen dem Pianisten bei seinen Vexierbildern vertrauter Standards virtuos agierende Partner zur Seite, die ihm in swingenden Originalen ebenso folgen wie in frei pulsierenden Passagen. 

Versonnen sitzt Terrasson vor dem Bechstein, schlägt mit beiden Händen auf die Unterseite des Instruments. Schlagzeuger und Bassist nehmen mit percussivem Klopfen den ungeraden Rhythmus auf, bis der Pianist unverhofft aufsteht, Saiten im Innern des Flügels anreißt und ein paar Blockakkorde in die Tasten hämmert. Dann schält sich eine Melodie aus der obertonreichen Klangwolke und das Trio groovt mit Duke Ellingtons „Caravan“. Terrasson löst die Melodie mit hartem Anschlag in einem rasanten und dennoch differenzierenden Hochgeschwindigkeitslauf auf, fügt lustvoll stöhnend kurze Zitate zwischen rollende Akkordschichtungen und Handballcluster. Mal greift er mit der Rechten dichte Notentrauben und Triller, dann wieder nutzt über Takte hinweg er nur die Linke für Akkordreihen, während der Bassist ein langes, raffiniertes und harmonisch verzwicktes Solo zupft. Das Trio entkernt „Caravan“ ebenso wie zuvor „Over the rainbow“, geht in der Reduktion bis an die Grenzen der harmonischen und melodischen Strukturen. Dann füllt das Trio das Erreichte neu auf und kehrt humorvoll auf den Ursprung zurück. Extrem sind die Dynamiksprünge, wenn das Trio aus einem frei pulsierenden Powerplay heraus ein sanftes und mit Romantizismen angereichertes Finale gleichsam verschweben lässt. 

Dennoch bleibt vor allem das energetisch Spiel in Erinnerung, das gespickt mit Überraschungen den Zuhörer immer wieder in die Irre führt. Terrasson selbst nennt seine neue Spielweise „Beat-Bop“und krönt sie mit einer namensgleichen Komposition. Das Publikum feiert ihn frenetisch.

www.jackyterrasson.com
www.lisabassenge.de

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