„Jazz Pistols“ bei der Jazzfabrik im Rüsselsheimer „Rind“, 09. Oktober 2011

Fotos und Text: Klaus Mümpfer

„Spain“ aus der ersten Periode von Chick Coreas „Return to Forever“ ist die wohl bekannteste Komposition des Pianisten. Die „Jazz Pistols“ bleiben in der melodischen Gitarren-Intro des Fusion-Klassikers nahe am Original, bevor sie zur groovenden Up-Tempo-Passage überleiten. Unüberhörbar sind auch die harmonischen Progressionen aus Rodrigos „Concierto of Aranjuez“, die schon Corea verwendete. Doch im Verlauf des Stückes entfernen sich die Musiker des Trios vom Thema und verwandeln die Komposition in eine eigenständige und unverwechselbare Interpretation. Mit „Corea San“ widmen die Jazz-Pistols auch ihr letztes Stück des offiziellen Konzertteils zum 19. Geburtstag des Kulturzentrums „Rind“ dem amerikanischen Jazzmusiker. 
Als „Energy-Jazz“ charakterisieren Christoph Victor Kaiser mit der sechssaitigen Bass-Gitarre, Thomas Lui Ludwig am Schlagzeug und Gitarrist Stefan Ivan Schäfer ihre Ausprägung des Fusion. Im voll besetzten Rüsselsheimer „Rind“ interpretieren die Jazz Pistols neben Kompositionen des amerikanischen Banjo-Spielers Béla Fleck vor allem eigene Werke wie das Titelstück ihrer jüngsten CD „Superstring“. Die Namenswahl deutet auf die melodieprägende Rolle der Gitarre hin, die Schäfer virtuos in rasanten Hochgeschwindigkeitsläufen, in lyrischen Balladenphrasen ebenso wie in rockenden Glissandilinien ausreizt. Ostinate Melodiefragmente erzeugen Spannungsbögen die sich in flirrende Soundflächen einbetten. Geschickt setzt Schäfer die Elektronik für seine kreativen Ausflüge ein.  
Kongenialer Partner in zahlreichen Duo-Passagen ist Bassist Kaiser, der hin und wieder die Melodieführung übernimmt, während Schäfer in die Rolle des Rhythmusgitarristen schlüpft. Kaiser nutzt im Trio die klanglichen Möglichkeiten seiner sechs Saiten für melodische Läufe und gleißende, akzentuierende Akkordeinwürfe sowie erdige Bass-Grooves. Mit scheinbar unbeteiligter Miene steuert er dennoch aufmerksam seine sensiblen Interaktionen, in denen er sich hin und wieder mit dem Gitarristen bei kurzen Uni-Sono-Passagen in angerissenen Trillern trifft. Für die treibenden Beats sorgt der vorzügliche, time-sichere Drummer Ludwig, der in ausgedehnten Soli ausgefeilte Polyrhythmik mit faszinierender Leichtigkeit trommelt. Als Begleiter stützt er tragend, aber nie aufdringlich dominierend. Einmal überbrückt er mit einem Solo die Zeit bis Schäfer Gitarrenwechsel und Stimmen abgeschlossen hat. Das Spiel des Trios ist eng verzahnt, komplex verdichtet und dennoch transparent. Zwar dominiert der rockige Charakter, doch der melodische Teppich kommt unter dem Rhythmusgeflecht nicht zu kurz. 
Live überträgt sich der attackierende und anheizende Fusion der Jazz-Pistols im intimen Ambiente des „Rind“ noch direkter auf das begeisterte Publikum als es die schon mitreißende CD vermag. Dazu trägt auch die lockere und humorvolle Moderation des Mannheimer Drummers bei, der Anekdoten aus dem Band-Leben erzählt.  

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